User Online: 1 | Timeout: 16:33Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Kriegsbegeisterung im Abitur vor 100 Jahren
Zwischenüberschrift:
Schüler des Ratsgymnasiums untersuchen Osnabrücker Klausuren aus dem Ersten Weltkrieg
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Tief verborgen in den Archiven des Niedersächsischen Landesarchivs lagerten die Abiturarbeiten der Jahrgänge 1914 und 1917 des Ratsgymnasiums. Nach fast 100 Jahren hat der Geschichts-Grundkurs von Studienrat Jürgen Grosser die gut verschnürten Kisten geöffnet. Zum Vorschein kamen vergilbte Seiten mit Handschriften in deutscher Kurrentschrift. Mühevoll war das Entziffern der gleichförmigen Lettern der Inhalt ist für heutige Generationen nur schwer nachvollziehbar.

Statt sachlicher Erörterungen und Abwägungen verschiedener Meinungen sind durchgängig alle Schüleraufsätze geprägt von flammender Kriegsrhetorik: " Dein Volk, Bismarck, wird heute den Triumph feiern! Vereint werden wir in den Kampf ziehen, vereint werden wir siegen!", lauteten die Schlussworte in Ernst Wessels Aufsatz zum Thema " Einigkeit macht stark", den er im Sommer 1914 wenige Wochen vor Kriegsausbruch verfasste. Kurze Zeit später zog der Kaufmannssohn als Freiwilliger in den Krieg und starb schon am 10. November in Belgien beim Sturm auf einen feindlichen Schützengraben.

Die Gymnasiasten von damals waren geprägt von der Kriegsbegeisterung, und sie wussten, was ihre Lehrer von ihnen erwarteten. " Worin besteht das Heldenhafte unserer Soldaten im gegenwärtigen Kriege?", lautete die Aufgabenstellung im Deutsch-Abitur am Ratsgymnasium im Kriegsjahr 1917. Ob das Verhalten der deutschen Soldaten im Krieg heldenhaft war oder nicht, stand gar nicht erst zur Debatte. Stattdessen war jedem klar, dass als einzig korrekte Antwort auf diese Frage eine elegische Abhandlung über den Mut und die Zähigkeit der deutschen Streitkräfte erwartet wurde.

" Wie ein Rudel grimmiger Wölfe, die schon lange vorher den friedlichen Wanderer knurrend umkreist haben, fielen die Feinde über Deutschland her, um es zu zerreißen, zu zerstückeln, zu verschlingen." Dies schrieb 1917 Abiturient Karl Kühling in seinem Aufsatz zur Begründung des Kriegs, um sich dann im Folgenden in den Taten der deutschen Soldaten als " Helden im Gigantenkampfe" zu ergehen. Er wurde später Chefredakteur der Neuen Tagespost, einem Vorläufer unserer Zeitung. " In einem der untersuchten Aufsätze waren zwischen den Zeilen auch Zweifel am Kriegsgeschehen lesbar", bemerkt Schülerin Tale Sauerwein (17).

Dieser Schüler habe für seine vorsichtig-kritische Haltung aber auch eine schlechte Note kassiert. " In der Struktur der Aufgabenstellung war gar keine eigene Stellungnahme vorgesehen", erklärt Geschichtslehrer Jürgen Grosser. Vielmehr sei es um die detailgetreue Wiedergabe des zuvor durchgenommenen Lernstoffs gegangen. " Die Todesmeldungen in den Zeitungen, die schweren Verletzungen der Kriegsversehrten und generell das Leid in
der Zivilbevölkerung waren 1917 natürlich auch für die damaligen Abiturienten unübersehbar", bemerkt Christine Grewe vom Büro für Friedenskultur, die das Projekt zusammen mit Studienrat Grosser initiiert hat.

In der Propaganda der Zeit sei aber immer die Sinnhaftigkeit des Kriegs in den Vordergrund gerückt worden. " Der Lohn Gottes und
der Stolz des Vaterlandes wurden über das Leid des Einzelnen gestellt." Das Entziffern der Texte in Deutscher Kurrentschrift sei zum Teil sehr mühevoll gewesen, berichtet Jan Toennemann. " Wir haben mit den Aufsätzen in Schönschrift begonnen und haben uns langsam zu denen in Sauklaue′ vorgetastet." Dennoch sei es sehr spannend für die Schüler gewesen, einmal mit Originalquellen zu arbeiten und nicht
nur Fakten im Geschichtsbuch nachzulesen. Die ausgewerteten Abiturklausuren sollen auch Teil der App " Osnabrück 1914–18" sein, die ab Juni online erhältlich sein wird.

Anhand der App können Anwender auf dem interaktiven Stadtplan mit Hintergrundinformationen, Bildern und Filmszenen nachvollziehen, welche Spuren der Erste Weltkrieg in Osnabrück hinterlassen hat.
Bildtexte:
Von der Schule in den Krieg: Gymnasiast Ernst Wessel. machte sein Abitur am Ratsgymnasium und fiel schon wenige Monate später an der Front. Das Foto wirft Fragen auf, weil es nicht sein Elternhaus zeigt, ist aber mit großer Wahrscheinlichkeit authentisch.
Die Haltung ihrer Vorgänger zum Ersten Weltkrieg untersuchten die Abiturienten Tale Sauerwein, Jan Toennemann und Hannah Hüsges vom Ratsgymnasium anhand der fast 100 Jahre alten Abiturarbeiten.
Foto:
Landesarchiv, Michael Gründel
Autor:
Regine Bruns


Anfang der Liste Ende der Liste