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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Griesert gibt einen aus: Streusalz für alle
Zwischenüberschrift:
Stadt muss nach mildem Winter das Lager leeren – Heute große Verteilaktion vor dem Dom
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Der Winter ist ausgefallen, und das städtische Streusalzlager ist zum Bersten voll. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert hat deshalb eine unkonventionelle wenn auch nicht unumstrittene Anweisung gegeben: Das Taumittel wird heute gratis an die Bürger verteilt.

Vor dem Dom bot sich am Montag ein ungewöhnliches Bild: Lkw um Lkw fuhr vor dem Gotteshaus vor und kippte das schneeweiße Salz auf dem Platz ab. Insgesamt 1000 Tonnen wurden innerhalb von dreieinhalb Stunden vom Salzlager im Hafen ins Zentrum gekarrt. Mit seinem Bagger schichtete Vorarbeiter Christoph Grabowski vom Osnabrücker Servicebetrieb das Salz geschickt zu einem veritablen Berg auf. Mitarbeiter des OS-Teams bewachten das " weiße Gold" während der Nachtstunden.

Damit ist alles bereit: Jeder Bürger aus Stadt und Landkreis Osnabrück kann sich heute ab 10 Uhr seinen persönlichen Anteil am kommunalen Salz-Schatz sichern. Maximal sieben Kilogramm des " kristallinen Auftaumediums auf Natriumchlorid-Basis", wie Streusalz im Behördendeutsch heißt, werden pro Person abgegeben.

Ein Behältnis muss selbst mitgebracht werden. " Geeignet ist zum Beispiel ein kleiner Eimer mit Deckel oder auch eine große, stabile Plastiktüte", sagt Axel Raue vom Osnabrücker Servicetrieb (OSB). Wer einen Salz-Anteil bekommen wolle, müsse außerdem seinen Personalausweis oder Reisepass mitbringen, um nachzuweisen, dass er entweder in der Stadt oder im Landkreis Osnabrück wohnt. " Ein Notar wird darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zugeht", kündigt Raue an, " Salz-Touristen aus Nordrhein-Westfalen haben keine Chance." Auch für Bürger aus Lotte-Wersen könne aus rechtlichen Gründen " leider Gottes" keine Ausnahme gemacht werden, betont der OSB-Chef.

Die Idee zur Verteilung stammt von Wolfgang Griesert. " Das volle Streusalzlager hat uns vor ein großes Problem gestellt", resümierte der Oberbürgermeister gestern, als er die Arbeiten auf dem Domhof höchstpersönlich beaufsichtigte. Zwar habe Taumittel kein Ablaufdatum und könne theoretisch auch noch in einigen Jahren verwendet werden. Doch die Stadt habe die Lehren aus der Streusalz-Knappheit des Rekordwinters 2009/ 10 gezogen und seither einen festen Liefervertrag mit einem Anbieter aus dem slowenischen Bergbaurevier Retsre Lirpa abgeschlossen zu knallharten Bedingungen, die Rathaus-Insider hinter vorgehaltener Hand von einem " lupenreinen Knebelvertrag" sprechen lassen. " Pünktlich am 2. Juni wird uns die Firma 1000 Tonnen frisches Streusalz liefern", berichtete Griesert, " wenn das Lager dann nicht leer ist, kippen die uns das einfach auf den Hof." Storniert werden könne die Bestellung nicht. " Sonst würde eine Konventionalstrafe in einer derart astronomischen Höhe fällig, dass wir als Ausgleich den Schlossgarten an einen Investor verkaufen und zur Bebauung freigeben müssten." Dass die Verteil-Aktion auf dem Domhof stattfinde und nicht etwa direkt vor dem Salzlager des OSB, habe im Übrigen Sicherheitsgründe: Das Betriebsgelände im Hafen sei für den zu erwartenden Ansturm nicht ausgelegt.

Grieserts Vorschlag, das Salz an die Osnabrücker zu verschenken, ist vom Verwaltungsausschuss mehrheitlich abgenickt worden. Dennoch wird das Stadtoberhaupt auch mit harscher Kritik konfrontiert unter anderem aus seinem eigenen Verwaltungsapparat. " Wir versuchen seit Jahren, den Bürgern zu erklären, warum sie im Winter auf Streusalz verzichten müssen", ärgerte sich Detlef Gerdts, Leiter des Fachbereichs Umwelt, " und jetzt verschenken wir es an sie und ermuntern sie geradezu, sich über das Verbot hinwegzusetzen."

Der Oberbürgermeister war gestern bemüht, seinen Chef-Umweltschützer zu beschwichtigen. An der Vorschrift, dass Salz aus ökologischen Gründen im Stadtgebiet von Privatleuten nicht gestreut werden dürfe, werde sich nichts ändern, versicherte Griesert. Doch es gebe ja schließlich auch kein Verkaufsverbot für Streusalz und insofern könne auch nicht von einem Verschenk-Verbot ausgegangen werden.

Im Übrigen dürfe in vielen Kommunen im Landkreis Salz gestreut werden. " Und die Bürger aus dem Umland laden wir ja ebenfalls ein." Griesert bedauerte in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass es der Kreis abgelehnt habe, sich an den Kosten für die Aktion zu beteiligen. " Aber das kennen wir ja schon", sagte der OB mit säuerlichem Unterton.

Mit der Aktion hadert indessen nicht nur Umweltschützer Gerdts, sondern auch Greenpeace-Aktivist Tobias Demircioglu aus Georgsmarienhütte. Bei der Stadt habe er einen spontanen Flashmob der Greenpeace-Jugend angemeldet, der die heutige Salz-Verteilung kritisch begleiten solle, schreibt Demircioglu in einer Pressemitteilung. " Die jungen Aktivisten werden einen überdimensionalen Salzstreuer schwenken und damit eine gepfefferte Antwort auf die unverantwortlichen Salzpläne geben." Außerdem werde in den nächsten Tagen in der Lagerhalle das Gründungstreffen einer " Osnabrücker Initiative gegen Streusalz" stattfinden.
Bildtext:
Geschafft! Christoph Grabowski vom Osnabrücker Servicebetrieb legte gestern mit der Schaufel letzte Hand an. Zuvor hatten er und seine Kollegen vor dem Dom einen veritablen Streusalzberg aufgeschichtet.
Foto:
Antonio Rodriguez
Autor:
apr


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