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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Im alten Tresor lagert Nasigoreng
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Filiale der Zentralbank residierte von 1905 bis 1994 an der Möserstraße
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Pferdekutsche, Fahrrad, Handkarren, Kohlehaufen auf der Fahrbahn: Die heutige " Zeitreise" geht 108 Jahre zurück. Auch wenn die Verkehrsmittel auf diesem Bild noch nicht von modernen Zeiten künden: Es war die erste Glanzzeit der Möserstraße. Mit der Eröffnung des neuen " Centralbahnhofs" 1895, des heutigen Hauptbahnhofs, erhielt die Straße die Funktion eines repräsentativen Entrées in die alte Bischofsstadt.

Hotels, Handelshäuser, Verwaltungen und andere Einrichtungen legten Wert auf eine Adresse an der Möserstraße. Neben Handelskammer, Handwerkskammer, Hauptpost und Telegrafenamt gehörte die Niederlassung der Reichsbank dazu. Auf der historischen Ansicht, die zwischen 1906 und 1908 entstanden sein muss, sehen wir sie eingezwängt zwischen ähnlich hohen und repräsentativ ausgestatteten Häusern. Die Reichsbank ist das sechsachsige Gebäude mit dem Balkon.

Die 1876 in Berlin gegründete Bank war die " Hausbank des Staates" und zugleich " Bank der Banken". Ähnlich wie die Nachfolgeinstitute Bank deutscher Länder (ab 1948) und Deutsche Bundesbank (ab 1957) war sie unter anderem für die Ausgabe der Banknoten und damit für die Regulierung von Geldmenge und Zinshöhe zuständig. Da die Pflege des Geldumlaufs, also die Ausgabe neuer Noten und die Einziehung beschädigter, nicht gut zentral zu bewerkstelligen ist, gründete die Reichsbank " Bankstellen" in der Provinz.

Die Osnabrücker Reichsbankstelle war zunächst recht bescheiden in der Münsterstraße 2 (heute Teil des VGH-Komplexes am Neuen Graben) untergekommen. Doch Einwohnerzahl und Wirtschaft wuchsen, und damit auch der Zahlungsverkehr. Die alten Räume langten hinten und vorne nicht mehr. Die Osnabrücker Bankleitung schlug dem Direktorium in Berlin 1903 einen Neubau an der Möserstraße vor, auf einer Wiese, die dem preußischen Domänen-Fiskus gehörte. Die Pläne waren nach Ansicht der Berliner allerdings etwas zu üppig geraten: " Da aber die dortige Reichsbankstelle in geschäftlicher Beziehung nur eine geringe Bedeutung hat, so würden für einen Neubau an diesem Platze keine bedeutenden Aufwendungen gemacht werden können", hieß es in einer Stellungnahme vom 23. Juni 1903. Der von den Osnabrückern favorisierte Architekt Paul Wollner aus Hameln war gezwungen, seinen Entwurf mehrfach abzumagern. Ein Kostenanschlag von 241 000 Mark fand schließlich im April 1904 die Zustimmung des Direktoriums.

Das Kaiserliche Telegrafenamt zwei Häuser weiter fragte an, ob ein Dachgestänge auf dem Dach des Neubaus errichtet werden könne, um die Drähte des rasch wachsenden Fernsprechnetzes zu tragen. Antwort aus Berlin: " Da ein Bedürfnis für den Anschluss der Reichsbankstelle an das öffentliche Fernsprechnetz nicht vorliegt, wird die Anbringung verwehrt."

Bei der Anfrage des Magistrats, eine Wandrosette an der Fassade anzubringen, die den Fahrdraht der geplanten Straßenbahn tragen soll, verfährt Berlin großzügiger und genehmigt sie. Schließlich hatte die Stadt zuvor auch Ja gesagt zu sechs Keller-Lichtschächten, die die Bank gerne unter den Fensterachsen haben wollte.

Im Oktober 1905 bezieht die Reichsbankfiliale ihren Neubau. 1923 erfährt der in den Hof hineinragende Tresor-Flügel eine Erweiterung: Ein neuer " Zählsaal" wird angebaut, mit einem Büro für den " Zählmeister" und einer Hartgeld-Zählmaschine, darüber zwei Kassendiener-Wohnungen.

Im Krieg wird die Straßenfront weitgehend zerstört, während der Hofflügel mit dem Tresor nur wenig abbekommt. 1949 ist das Haus Möserstraße 33 in vereinfachter Architektur wiederhergestellt, 1960 auch das Nachbarhaus Möserstraße 35, das zur Abdeckung des erhöhten Raumbedarfs hinzuerworben wurde. Bis 1994 arbeitet die Landeszentralbank-Filiale, wie sie mittlerweile heißt, an der Möserstraße. Dann wird der Neubau an der Ecke Schlagvorder Straße/ Kollegienwall bezogen. Aktuelle Sicherheitsbestimmungen ließen keine andere Wahl als den großzügigen Neubau, erläuterte der stellvertretende Filialleiter Herbert Hagemann. Seitdem habe sich wieder viel in den Abläufen verändert, die Automatisierung in den Sicherheitsbereichen schreite voran, manche personalintensive Aufgaben seien entfallen. Für den Bestand der 65 Arbeitsplätze sieht er aber keine Gefahr, zumal der Einzugsbereich der Osnabrücker Bundesbankfiliale seit der Schließung der Nachbar-Filialen Münster, Rheine, Lingen und Minden stetig gewachsen sei. Die Tatsache, dass mit Carl-Ludwig Thiele ein Osnabrücker im Bundesbank-Vorstand sitze, habe sich sicherlich nicht nachteilig für den Standort ausgewirkt.

Die Gebäude Möserstraße 33/ 35 wurden 1994 verkauft. Übrigens an den Investor Egon Geerkens, der als Kreditgeber unseres vormaligen Bundespräsidenten Christian Wulff bundesweit bekannt wurde. Die Kanzlei, der Wulff angehörte, hat dort bis heute ihren Sitz. Im anderen Gebäudeteil lagert ein Asia-Food-Importeur Lebensmittel. Den Tresor hat er zum Kühlhaus umgebaut. Im alten Reichsbank-Safe wartet heute Nasi- goreng auf Käufer.
Bildtexte:
Das repräsentative Reichsbankgebäude (etwas rechts der Bildmitte, mit Balkon) fügte sich unaufdringlich in die Häuserzeile der Möserstraße ein. In Blickrichtung Bahnhof ist rechts die Grünanlage des Goetheplatzes (heute: Stresemannplatz) zu erkennen.
Das wiederaufgebaute Zentralbankgebäude (rechts neben dem gelben Erker) beherbergt heute einen Asia-Großhandel und eine Rechtsanwaltskanzlei.
Ansichtskarte des Verlags J. H. Evering Witwe, Osnabrück, gelaufen 1908, aus der
Sammlung Helmut Riecken
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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