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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ein Besuch an prominenten Gräbern
Zwischenüberschrift:
Geschichte und Geschichten auf Osnabrücker Friedhöfen – Vom Staatsmann bis zum Fußball-Funktionär
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt. Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte." So schrieb es der Dichter und Journalist Heinrich Heine im Jahr 1828. Wir haben uns an Osnabrücker Gräbern umgesehen: Welche prominenten Stadtbewohner ruhen hier? Es zeigt sich: Wer auf diese Weise Geschichte ergründen will, braucht viel Zeit.

Es soll eine sehr aufwendige Inszenierung gewesen sein, mit der Justus Möser am 12. Januar 1794, vier Tage nach seinem Tod, in St. Marien beigesetzt wurde. Genoss der Jurist, Staatsmann, Publizist und Historiker doch zu Lebzeiten einen weitreichenden Ruf. Möser, der die Verwaltung des Fürstbistums Osnabrück leitete, schrieb während der Zeit der Aufklärung über Politik, Geschichte, Theater und Literatur. Goethe bezeichnete ihn als " Patriarchen von Osnabrück", auch Lessing und Herder lobten sein Werk. Auf Mösers Ideen baut das deutsche Rechtssystem auf, weil er das germanische Recht in das römische Recht überführt hatte.

Noch heute erinnert in St. Marien ein weißer Grabstein mit Inschrift an Justus Möser. Zu finden ist er nach dem Durchschreiten des Brautportals auf der Südseite rechts an der Wand. In der Nähe hatte sich einst auch die Grabstätte befunden, nachdem sie versetzt worden war, weil um 1820 eine " Prieche" eine Empore neu gebaut wurde. " Man öffnete den Sarg und fand die Leiche noch unversehrt, aber schneeweiß", berichtete der pensionierte Prorektor Gustav Adolf Hartmann später von der nächtlichen Aktion.

Zu dieser Zeit war es bereits verboten, Tote in den Osnabrücker Kirchen zu bestatten. Der Erlass war am 1. April 1808 in Kraft getreten, und Mösers Nachfolger im Amt, Justus Friedrich August Lodtmann, war der Erste, der auf dem damals neuen Hasefriedhof bestattet worden war.

Hier, zwischen Bramscher Straße und Süntelstraße, und auch auf dem Johannisfriedhof auf der anderen Seite der Innenstadt, finden sich nur bekannte Persönlichkeiten Osnabrücks, die vor 1995 gestorben sind. Denn anschließend wurde hier niemand mehr beigesetzt.

Inzwischen bieten zwei Faltblätter der Stadt Orientierung zwischen den Gräbern namhafter und weniger bekannter Bürger. Einige von ihnen sind mit der Justus-Möser-Medaille geehrt worden, weil sie sich in besonderer Weise um Osnabrück verdient gemacht haben.

Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962) zum Beispiel erhielt die Medaille 1955. " v-g", wie der Grafiker, Maler, Bildhauer und Schriftsteller abgekürzt wird, malte, schuf Reliefs und Collagen, war als Bühnenmaler, Möbeldesigner und Innenarchitekt tätig. Vor allem aber widmete er sich der konstruktivistischen Kunst.

Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten als " entartet" gebrandmarkt. v-g war international tätig, war Teilnehmer der Documenta I und II in Kassel, stellte in New York, Paris und London aus. 1954 wurde er an die Hochschule für Gestaltung Ulm berufen, wo er bis zu seinem Tod tätig war.

Auf dem Hasefriedhof erinnert ein dunkelgrauer Grabstein an den Künstler, der mit dem Nachnamen " Vordemberge" geboren war und diesen durch den Namen der Straße ergänzte, in der er seine Kindheit verbracht hatte: die Große Gildewart.

Ein schlichtes Kreuz erinnert an Reinhold Tiling, einen Wegbereiter der Raumfahrt. 1928 ließ er sich ein " Raketenflugzeug mit ausschwenkbaren Tragflächen" patentieren. Auf einer der Wiesen des Hasefriedhofs findet sich eine Grabplatte in Form eines Kreuzes. Es ist die Grabstätte von Bernhard Schopmeyer, der im Sommer 1945 im Bürgerpark von Unbekannten erschossen worden war. Geboren 1900, war der Arbeitersekretär in der Diözesenabteilung später von der NSDAP aus seinem Amt entlassen worden. Schopmeyer war Bürgervorsteher der Zentrumspartei und deren Abgeordneter im Provinziallandtag.

Die Namen auf den Grabsteinen und die Geschichten, die dahinterstecken, verlocken zum langen Verweilen. So finden sich auf dem Hase friedhof auch das Grab des Papierherstellers Felix Schoel ler, das sich südlich mit einer Mauer gegen den Weg abgrenzt, und die Ruhestätten vieler weiterer Osnabrücker, die in der Stadtgeschichte eine größere und kleinere Rolle gespielt haben.

Der Johannisfriedhof strahlt bei einem Besuch ähnlich gelassenen Frieden aus. Hier ist beispielsweise der Osnabrücker Maler Franz Hecker beerdigt. Er war 1944 zusammen mit 51 Kindern und seiner Schwester bei einem Bombenangriff am Schölerberg getötet worden.

Mit zwei großen " H" den Initialen von Hermann Hammersen ist dessen Grabstein verziert. Der Sohn des Unternehmers Friedrich Heinrich Hammersen, dessen Grab sich ebenfalls auf dem Johannisfriedhof befindet, hat die Baumwollspinnerei und - weberei Hammersen geleitet.

Neben den beiden historischen Friedhöfen gibt es in Osnabrück elf kommunale Friedhöfe und den Friedhof Voxtrup, der sich in kirchlicher Trägerschaft befindet. Große Namen ruhen auch auf diesen Flächen. So ist der Karikaturist Fritz Wolf (1918–2001) auf dem Friedhof Nahne beigesetzt worden. Lange Jahre hat er mit spitzem Bleistift für die " Neue Osnabrücker Zeitung" die Absurditäten aus Politik, Sport und Alltag zu Papier gebracht.

Viel sportliche Geschichte ist auf dem Heger Friedhof zu finden. Hermann Gösmann (1904–1979) war ein deutscher Fußballfunktionär und Mitbegründer der Fußball-Bundesliga. Er war von 1962 bis 1975 der sechste Präsident des Deutschen Fußballbundes. In diese Zeit fiel auch der Bundesliga-Skandal um manipulierte Punktspiele. International machte er Karriere im Exekutivkomitee der Uefa und als Vorsitzender der Uefa-Amateurkommission.

Als Läufer hat Erich Borchmeyer (1905–2000) unter anderem 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teilgenommen. Hier war er im Staffellauf über 100 Meter Jesse Owens unterlegen mit seinem Team hat er aber die Bronze-Medaille gewonnen. In seiner Jugend hatte er lange Jahre Rechtsaußen
für den VfL Osnabrück gespielt.

Durch die Erkrankung an TBC hat Johannes (Hannes) Haverkamp (1921–1974) seinen Einsatz beim " Wunder von Bern" verpasst, bei dem die Fußballnationalmannschaft 1954 die Weltmeisterschaft gewonnen hatte. Sepp Herberger hatte ihn entdeckt, von 1951 bis 1953 war Haverkamp für die Nationalmannschaft im Einsatz. Und auch für den VfL Osnabrück hatte er gespielt.

Neben diesen Sportlern ruht auf dem Heger Friedhof auch der Rechtsanwalt Hans Georg Calmeyer (1903–
1972), der sich während des Nationalsozialismus für Juden eingesetzt hatte. Zudem sind einige Künstler zu finden, wie der Glasmaler Theo Landmann (1903–1978), der Bildhauer Fritz Szalinski (1905–1978) und der Schriftsteller Ludwig Bäte (1892– 1977), der den Brauch des Steckenpferdreitens in Osnabrück begründet hat, um an den Westfälischen Frieden von 1684 zu erinnern.

Auf dem Waldfriedhof Dodeshaus befinden sich die Grabstätten der Zirkusfamilie Althoff, auf dem Haster Friedhof erinnert mittlerweile ein Gedenkstein an " Onkel Hermann", wie der Mediziner Herrmann Moormann (1889–1979) von seinen Patienten liebevoll genannt wurde, weil er stets auch ein offenes Ohr für ihre Sorgen hatte.

Und noch weit mehr Geschichten sind auf den Osnabrücker Friedhöfen zu finden ob zur örtlichen Historie oder mit überregionaler Bedeutung. Unter jedem einzelnen Grabstein.

Bildtexte:
Von Unbekannten wurde Bernhard Schopmeyer im Bürgerpark ermordet. Sein Grabstein hat die Form eines Kreuzes, sein Name steht auf der runden Erhebung.
Von guten Mächten wunderbar geborgen: Mit Engeln verzieren einige Osnabrücker Familien ihre letzten Ruhestätten.
Wie ein eigener kleiner Garten mutet der Zugang zum Grab der Familie von Felix Schoeller mit Treppe, Mauern, Bäumen und Büschen an.
Unter dieser Grabplatte ruhte einst Justus Möser in St. Marien. Vermerkt ist auch seine Tochter Johanne Wilhelmine Juliane von Voigts, genannt Jenny.
Seinem Familiennamen fügte der Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart den Namen der Straße hinzu, in der er seine Kindheit verbracht hatte.
Fotos:
Marie-Luise Braun
Autor:
Marie-Luise Braun


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