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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zweiter Bauabschnitt auf dem Neumarkt
 
Im Sommer ist der Neumarkttunnel weg
 
Parole an der Johannisstraße: Durchhalten
 
Die nächste Baustelle
Zwischenüberschrift:
Zweiter Bauabschnitt startet – Großbaustelle in der City bleibt für Autos gesperrt
 
Baustelle, Busse, Billigläden – Kaufleute spüren Mangel an Laufkundschaft
 
Wöhrl-Abriss im Sommer 2015
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Seitenwechsel auf dem Osnabrücker Neumarkt: Heute beginnt der Abriss des nördlichen Teils des ehemaligen Fußgängertunnels. Dieser zweite Bauabschnitt soll spätestens im Sommer 2015 abgeschlossen sein. Die Busse werden jetzt vor dem Landgericht entlanggeführt. Der Autoverkehr bleibt aus Sicherheitsgründen weiter ausgesperrt. Die Johannisstraße steht ab sofort wieder zweispurig für den Busverkehr zu Verfügung, was manche Kaufleute an der Straße mit Sorge betrachten. Die Busse, Baustellen und Billigläden schädigen den Ruf der Straße und machen der Geschäftswelt zu schaffen. Die Laufkundschaft bleibt aus, die Umsätze gehen zurück. Und trotzdem gibt es Hoffnungszeichen.

Osnabrück. Mit Kanalbauarbeiten ausgangs der Großen Straße beginnt am Dienstag der weitere Abbruch des Neumarkttunnels. Anschließend wird auf dem Platz links und rechts der Fußgängerzone gegraben, geräumt und verfüllt. Bis zum Sommer soll alles fertig sein. Bis dahin bleibt die größte Baustelle der Osnabrücker Innenstadt für Autos gesperrt.

Auch wenn die Pläne ursprünglich anders lauteten: Zur bewährten Verkehrsregelung am wichtigsten Knotenpunkt der City gebe es keine Alternative, sagt Stadtbaurat Frank Otte. Sie ermögliche nicht nur ein beschleunigtes Arbeiten, sondern diene vor allem der Sicherheit. Der erste Bauabschnitt habe gezeigt, dass Busse, Fahrräder und Fußgänger gemeinsam hier " nicht einfach zu handhaben" seien.

Vor allem Letztere hätten lange gebraucht, um sich an gefahrlose Wege am Neumarkt zu gewöhnen. Außerdem sehe Otte nach wie vor Falschfahrer, die überwiegend ortsfremd ihre Wagen stur in den Sperrbereich steuerten. Weil die Probleme im zweiten Bauabschnitt nicht weniger würden, sei es deshalb " die richtige Entscheidung", den Autoverkehr herauszuhalten. Findet übrigens auch André Kränzke, Chef des Verkehrsbetriebs: " Wir wollen Unfälle vermeiden!" Die Stadtbusse seien wegen der Großbaustelle ohnedies auf allen Linien mit teils satten Verspätungen unterwegs. Gleichwohl sei der Neumarkt als Ziel- und Umsteigebahnhof weiterhin die beliebteste Anlaufstelle. " 80 Prozent aller Fahrgäste nutzen ihn täglich."

Riesige Löcher

Vor den Überbleibseln der unterirdischen Passage verschwinden zunächst die Reste eines Düker-Bauwerks aus dem Boden. Dabei handelt es sich um eine siphonartige Regenwasser-Unterquerung samt Spülanlage, so alt wie der Tunnel. Sie wird durch einen schnurgeraden Kanal zwischen Großer Straße und Johannisstraße ersetzt. " Drei bis vier Wochen" veranschlagt Projektleiter Lutz Vorreyer vom städtischen Fachdienst Straßenbau für diesen Teil der Arbeiten.

Links und rechts der Düker-Grube werden sich bis zur Neumarkt-Mitte ungleich größere Löcher öffnen: Reste des Tunnels liegen in Richtung Hasehaus zwischen der Abwasserrinne vor der Ladenzeile bis hin zum Geschäft Sportarena. In Richtung VGH-Gebäude schlummert das größtenteils unsichtbare Relikt vor H& M und reicht bis hinter den Bussteig, der bis auf einen schmalen Streifen entlang der Fahrbahn aufgegeben wird. Folglich muss auch der zuletzt vom Nize-Club zur Werbung genutzte Glaspavillon weichen. " Der wird wohl im Februar demontiert", kündigt Vorreyer an.

Die Stadtwerke nutzen den Rückbau, um Gas-, Wasser- und Stromleitungen in diesem Bereich anzupassen. " Wichtig ist, dass die Versorgung nicht unterbrochen wird", erklärt Technikleiter Ingo Hannemann.

Dann nämlich wäre der Aufschrei der überwiegend gewerbetreibenden Anlieger wohl unüberhörbar. Bekanntlich tut sich der Einzelhandel an dieser prominenten Stelle sowieso recht schwer mit der Dauergroßbaustelle und ihren Folgen, weil er eine abschreckende Wirkung auf die Kundschaft und somit Nachteile für das Weihnachtsgeschäft befürchtet. Zumindest diese Sorge möchte das Stadtmarketing zerstreuen.

Geschäftsführerin Petra Rosenbach betont, dass wie bisher " alle Parkhäuser gut zu erreichen" seien, und verweist auf das erprobte Verkehrsleitsystem. Ein 20 000-fach gedrucktes Faltblatt fasse alles Wesentliche zusammen: Infos, Karten, Kontakte. Zudem listet es die kommenden Einkaufserlebnistage auf: den Weihnachtsmarkt vom 26. November bis 22. Dezember, das Weihnachtsshopping am Nikolaustag von 10 bis 20 Uhr (mit kostenlosen Busfahrten in die Innenstadt), die verkaufsoffenen Sonntage am 28. Dezember, 29. März und 26. April, die Maiwoche 2015 vom 8. bis 17. Mai sowie den verkaufsoffenen Westfalentag am 4. Juni (Fronleichnam).
Bildtexte:
Rolltreppe ins Nichts: Ab Dienstag kommt auch der Rest der Neumarktpassage raus. Verkehrsteilnehmer werden nun vor allem im Bereich der Großen Straße mit Beeinträchtigungen leben müssen.
Der Ahorn-Baum vor dem Neumarkt-Carrée wird das Ende des Tunnelabbruchs wahrscheinlich nicht erleben.
Fotos:
Jörn Martens

Kommentar
Ring frei oder nicht?

Ring frei zur zweiten Runde! Ab Dienstag landet auch der letzte Rest der einstmals stolzen und hochgelobten Neumarkt-Passage auf dem Schutthaufen der Osnabrücker Lokalgeschichte. Mit dem Fußgängertunnel, in dem zu besten Zeiten nicht nur eine besonders verkehrsreiche Straße sicher unterquert, sondern sogar nennenswert flaniert und eingekauft werden konnte, verschwindet auf Nimmerwiedersehen das prominenteste Relikt einer Zeit, als Autos in dieser Stadt uneingeschränkt Vorfahrt genossen.

Wer daraus schließt, heute sei das anders, irrt. Bei Stadtplanern und Ratsleuten mag sich die Erkenntnis durchsetzen, dass weniger Autoverkehr in der City mehr ist. Radfahrern und Fußgängern ist diese Einsicht ja angeboren. Doch längst nicht jeder Bürger, der seinen fahrbaren Untersatz unter Ausblendung aller Risiken und Nebenwirkungen für unverzichtbar hält, bringt gleichsam das Verständnis für Tunnelabbruch und Platzneugestaltung auf. Für viele meint " Ring frei" deshalb eher das Flehen nach einer Aufhebung des Durchfahrtverbots, um die mutmaßlich von der Neumarkt-Sperrung begünstigten Blechlawinen auf den Straßen entlang des Walls zu verringern. Dass sie selbst der Stau sind, sehen sie nicht.

Osnabrück. Wenn ein kleiner Käseladen an der Johannisstraße schließt, ist das eigentlich keine große Meldung. Aber die Begründung lässt aufhorchen: Die Neumarkt-Baustelle habe die Laufkundschaft vertrieben. Wie steht es um die Geschäftswelt in der gequälten Straße?

Die De Goey Käse GmbH mit Sitz in Emmerich knipste vorige Woche das Licht in dem kleinen Ladenlokal aus und sucht seither per Aushang im Schaufenster nach einem Nachmieter. Über den Rückzug aus Osnabrück will der Käsehändler nichts erklären, er belässt es bei einem Satz: Die Baustelle habe die Kundschaft vertrieben.

Der Abriss des Neumarkt-Tunnels reißt auch bei anderen Geschäftsleuten in der Straße Löcher ins Budget. " 30 Prozent weniger Laufkundschaft und zehn Prozent weniger Umsatz seit Beginn der Bauarbeiten": Das ist die Zwischenbilanz von Birte Erhardt vom gleichnamigen Fotoladen. Die Zahlen zeigen: Die treuen Kunden, die den Weg durch die Absperrbaken vorbei ins Geschäft finden, kaufen dann auch ein. Aber die Laufkundschaft fehlt. Es sei " bewundernswert", wie Kunden und Mitarbeiter die Unannehmlichkeiten erduldeten: " Man kommt morgens in die Filiale und weiß nicht, was kommt. Mal ist der Strom weg, mal kein Wasser da. Es gibt immer Überraschungen." Birte Erhardt ist trotzdem guter Dinge: " Irgendwann wird′s ja wieder besser."

1000 Kunden weniger

Ob das auch für den Busverkehr gilt? Die Stadt hat einen zuvor hölzernen, provisorischen Haltepunkt am Ende der Johannisstraße in Beton gegossen. Die Haltestelle wird so bis zum endgültigen Ausbau der Johannisstraße bleiben, wie Baustellen-Chefkoordinator Lutz Vorreyer erklärt. Der Raum ist beengt. Un weil ein Dach fehlt, suchen viele Wartende Schutz in den Eingängen der Geschäfte, verdecken die Schaufenster, blockieren die Türen.

Optiker Udo Exner kann ein Klagelied darüber singen: " Ich kann es den Leuten nicht verdenken, aber wir haben den Schaden dadurch." Potenzielle Laufkundschaft könne er gar nicht erreichen. Seit über 100 Jahren gibt es nach seinen Angaben an diesem Standort einen Optiker, er selbst betreibt das Geschäft unter dem Namen " Lünetta" hier seit 18 Jahren. Entsprechend groß und treu ist seine Stammkundschaft. Deshalb heißt für ihn die Devise: durchhalten auch wenn das Rumoren im Untergrund schon Risse in die Wände gezogen hat.

Mit einem Wort charakterisiert Margarete Twiehaus, Inhaberin des Edeka-Marktes an der Gerichtsecke, die Baustelle: " Katastrophe." Die Sommer- und Semesterferien seien traditionell umsatzschwache Zeiten, aber in diesem Jahr sei es besonders schlimm gewesen. Sie registrierte etwa 800 bis 1000 Kunden weniger pro Tag (bei durchschnittlich 3500 bis 4000 Kunden) und einen Umsatzrückgang von 20 Prozent. " Wir müssen uns bei den Leuten bedanken, dass sie trotz der Baustelle zu uns gekommen sind", sagt die Einzelhändlerin, die wie ihre Nachbarin aus dem Fotoladen die Unbill mit Fassung trägt. Ein Grund für ihre Gelassenheit könnte sein, das sie am Ende des Jahres in den Ruhestand geht und das Geschäft an der Johannisstraße an Tom Kutsche übergibt. Twiehaus: " Es geht nahtlos weiter."

Auf der anderen Straßenseite hält Franco Daloiso in seiner Vodafone-Niederlassung die Stellung. Das Haus gehört der L+ T-Immobiliengesellschaft und wird deshalb nicht dem Einkaufscenter weichen. Das bedeutet für Daloiso aber auch, dass er auf dieser Bau-Insel spätestens ab 2015 Staub und Baulärm zu ertragen hat rundherum und mehr noch als in den vergangenen Monaten. " Der Lärm war manchmal heftig", klagt er. Das habe die Beratungsgespräche auch bei geschlossener Tür sehr gestört. Weniger Laufkundschaft? " Jein", sagt der Handy-Mann. Gut findet er, dass die Stadt die Anlieger schriftlich über die Bauarbeiten und etwaige Störungen informiert. Schlecht sei aber, " dass man sich darauf nicht verlassen kann". Die angegebenen Termine passten oft nicht.

Schneller fertig

Baustellen-Koordinator Lutz Vorreyer hat dafür eine einfache Erklärung: Die Verlegung der Versorgungsleitungen sei nicht bis ins Detail planbar. Alte Leitungen könnten erst abgeklemmt werden, wenn die Versorgung über die neuen sichergestellt sei. Die Enge, der Verkehr, die Fußgänger all diese Faktoren erschwerten die Arbeiten zusätzlich. Vorreyer verweist nicht ohne Stolz darauf, dass die Bauarbeiten dem Plan trotzdem um zwei Monate voraus sind.

Baustellen, Bussen und Billigläden zum Trotz glaubt Apotheker Lars Crusius an die Zukunft der Johannisstraße. Der Inhaber der Apotheke 83 ließ das Geschäft renovieren. Crusius findet den Standort " spannend", die Frequenz sei ohne Baustelle gut. Große Hoffnung setzt er auf das Einkaufscenter, das der Straße gewiss guttun werde, und auf die Einsicht der Stadtplaner, endlich den Busverkehr aus der Johannisstraße zu nehmen. Während der Vollsperrung der Johannisstraße habe der Busverkehr ja auch funktioniert, so Crusius. Dass es auf dieser Meile so viele Ein-Euro-Läden gebe, sei auch eine Folge des Linienverkehrs. " Ohne Busse das würde die Qualität der Straße erhöhen."

Auch Klaus Brentrup, Geschäftsführer von Sinn-Leffers, kämpft für eine Umleitung der Busse. Ihn stört aber besonders das Erscheinungsbild der Straße: " Leerstände, zugekleisterte Schaufenster und eine problematische Klientel" ließen die Johannisstraße nicht sehr einladend wirken, sagte er neulich. Viele Passanten ließen sich außerdem von den Barrieren am Neumarkt abschrecken. Brentrup: " Man sieht immer wieder Leute, die bei H & M am Bauzaun stehen bleiben und keine Lust haben, sich den Weg über den Neumarkt zu suchen."
Bildtexte:
Wo, bitte, ist der Weg in die Johannisstraße? Die Kaufleute leiden unter der Neumarkt-Baustelle, die die Laufkundschaft abschreckt. Das Foto entstand am Übergang an der Großen Straße.
Der Busverkehr ist vielen Kaufleuten in der Johannisstraße ein Ärgernis, weil Wartende Schutz in den Geschäftseingängen suchen.
Zugeklebte Schaufenster wie hier an der Ecke Seminarstraße bieten kein einladendes Bild. Das Haus soll im kommenden Jahr für das geplante Einkaufszentrum abgerissen werden
Fotos:
Gert Westdörp

Osnabrück. Der Neumarkt bleibt noch auf Jahre hinaus eine Großbaustelle.
Bis zum Frühjahr werden die unterirdischen Versorgungsleitungen umgelegt. Im Juli oder August nächsten Jahres werden dann die Abrissbagger anrollen und das grüne Eckhaus (Neumarkt 14) und den früheren Wöhrl-Komplex zerlegen, um Platz für das Einkaufszentrum zu schaffen, wie Projektmanager Björn Reineking vom Investor mfi sagt. Eher still werkeln die Archäologen, die vor allem auf den nicht bebauten Flächen am Parkhaus an der Seminarstraße auf Spurensuche gehen werden. Dort gibt es vielleicht noch etwas zu entdecken, weil hier keine unterkellerten Häuser stehen.
Am Montag gab Oberbürgermeister Wolfgang Griesert offiziell das Signal für den Abriss der nördlichen Tunnel-Hälfte. Die Johannisstraße ist wieder zweispurig für die Busse befahrbar.
Autor:
Sebastian Stricker, Wilfried Hinrichs


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