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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Winterliche Schulhof-Szene
Zwischenüberschrift:
30er-Jahre: Blick vom Katharinen-Kirchturm auf die Evangelische Bürgerschule
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Winter in Osnabrück aber nicht genug Schnee, um den Kindern schulfrei zu bescheren. Sie machen das Beste daraus: Der Blick vom Katharinenkirchturm auf die Evangelische Bürgerschule am Ledenhof zeigt ein munteres Pausentreiben auf dem ummauerten Schulhof. In der unteren Bildmitte scheint eine " Glitsche" angelegt worden zu sein. Der Hausmeister wird es noch nicht mitbekommen haben. Denn laut Schulordnung war das " Glitschen" oder " Schlittern" wegen der Verletzungsgefahr meistens verboten und der Pedell angehalten, dennoch angelegte Gleitbahnen abzustreuen.

Die Schule überlebte den Bombenkrieg nicht. Anstelle der abgetragenen Ruinen entstand 1954 auf dem Eckgrundstück Neuer Graben/ Am Struckmannshof der Neubau für die Industrie- und Handelskammer (IHK, rechteckige Dachfläche auf dem unteren Foto vorne rechts), der 1997 einen Erweiterungsbau hinzugestellt bekam (kreissegmentförmiger Grundriss links daneben).

Das aktuelle Vergleichsbild ist diesmal nicht ganz aktuell, wie der aufmerksame Betrachter natürlich längst an der Belaubung der Bäume erkannt hat. Der Grund liegt darin, dass der Turmumgang von St. Katharinen seit einigen Jahren von einem engmaschigen Zaun umhüllt ist. Der verhindert zwar den Besuch der Tauben, aber auch günstige Fotoperspektiven. So mussten wir auf ein Archivfoto aus dem August 2009 zurückgreifen. Damals war der Turm eingerüstet. Der im vergangenen Jahr leider verstorbene NOZ-Fotograf Michael Hehmann war mutig genug, sich auf das Gerüst in 65 Meter Höhe zu begeben, von wo er freies Schussfeld hatte.

Beim Vergleich des Schloss-Komplexes fällt auf, dass er sich vor 1945 noch wesentlich weiter in Richtung auf die heutige Stadthalle ausdehnte. An den Westflügel des Schlosses, der eine traurige Berühmtheit durch die darin befindlichen Verhör- und Folterzellen der Gestapo erlangt hat, schloss sich der Marstall an. Diese fürstbischöflichen Pferdeställe und Kutschen-Remisen erstreckten sich ursprünglich über ein noch größeres Areal. Der flache Baukörper am rechten Bildrand verlief quer über den heutigen Neuen Graben auf die Katharinenkirche zu. 1908 ließ Stadtbaurat Friedrich Lehmann ihn kappen, um den durchgehenden Ost-West-Straßenzug Neuer Graben–Martinistraße zu ermöglichen.

Der Schöpfer des historischen Bildes, das aus den 1930er-Jahren stammen dürfte, war übrigens auch ein Zeitungsfotograf: Emil Harms. Ihm ging es bei seiner Motivwahl offensichtlich nicht um die Darstellung des Schlosses, sondern er wollte die Bürgerschule mit den Brueghel-artigen Schulhof-Szenen festhalten. Der ältere Teil der Schule ist der zweieinhalbgeschossige, der auf die untere Bildkante zuläuft. Er wurde 1799 errichtet, um den bis dahin im Haus des Küsters abgehaltenen Unterricht für die Kinder des Kirchspiels St. Katharinen aufzunehmen. 1833 kam der dreieinhalbgeschossige Hauptbau hinzu, von der Stadt als " Evangelische Bürgerschule IV" errichtet. Seine Postanschrift, Schützenwall 1/ 2, erinnert an die in etwa parallel zum Neuen Graben verlaufende Straße, die in den 1970er-Jahren im Zuge der Umgestaltung der südlichen Altstadt vom Stadtplan verschwand. Die Dachfläche links unten in der Ecke gehört zum Evangelisch-lutherischen Kirchenbuchamt. Hier wurden nicht nur die Kirchenbücher von St. Katharinen, sondern auch die anderer lutherischer Gemeinden im Kirchenkreis geführt und verwahrt.

Gern würde die Katharinen-Gemeinde vielen Osnabrückern einen Blick auf ihre Vaterstadt aus luftiger Höhe ermöglichen. Was bei St. Marien geht, nämlich der Aufstieg bis zum Turmumgang unterhalb des Haubenansatzes, ist St. Katharinen verwehrt. " Die Kirchenbaumeister haben vor 500 Jahren leider nicht die heutigen Brandschutzauflagen bedacht, sprich die Vorhaltung eines zweiten Fluchtwegs", meint Kirchenvorstand Klaus Niemann leicht säuerlich-ironisch. Der Kirchenvorstandsvorsitzende Jan David Dreyer weist darauf hin, dass gerade erst mit erheblichem Aufwand die Stufen der steinernen Wendeltreppe ausgebessert wurden.

Die groß angekündigte Ausstellung " Bis in den Himmel Kirchenbau im Mittelalter" erlebte im Juni 2012 ihre Eröffnung in der Turmstube mit 50 geladenen Gästen das war′s. Führungskonzepte, museumspädagogische Begleitung, Bauklötze, Steckspiele alles für die Katz. Seitdem stauben die Exponate langsam zu, weil die Feuerwehr den Zugang für die Öffentlichkeit nicht gestattet. Die Verantwortlichen hätten auf einmal kalte Füße bekommen, blickt Dreyer auf die " höchste Ausstellung Osnabrücks" zurück. Die Eröffnung habe nur stattfinden dürfen, während das Feuerwehr-Fahrzeug mit der längsten verfügbaren Drehleiter und laufendem Motor zu Füßen des Turms in Position stand, um im Brandfall über eine Mauerwerksöffnung die Gäste evakuieren zu können. " Die baulichen Auflagen, die das Brandschutz-Gutachten aufzählt, sind für uns schlicht und einfach nicht erfüllbar", sagt Dreyer.
Bildtexte:
Der Blick vom Katharinen-Kirchturm auf Evangelische Bürgerschule und Schloss, vermutlich in den 1930er-Jahren, hält den baulichen Zustand vor den Kriegszerstörungen fest.
Die Industrie- und Handelskammer steht heute auf dem ehemaligen Schulgelände.
Fotos:
Archiv/ Emil Harms/ Michael Hehmann
Autor:
Joachim Dierks


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