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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Rot-Grün will Gesamtschulen fördern
 
Nur beim Abitur keine Kontroverse
Zwischenüberschrift:
Entwurf für neues Schulgesetz sorgt für heftige Debatten in Niedersachsen
 
Schulgesetznovelle: Viele wichtige Änderungen – Opposition fürchtet "Einheitsschule"
Artikel:
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Originaltext:
Hannover. Der am Dienstag von der Landesregierung vorgestellte Entwurf eines neuen Schulgesetzes für Niedersachsen hat heftige Kontroversen ausgelöst.
Während Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) und andere Vertreter von Rot-Grün das Konzept als Beitrag zu mehr Bildungschancen und Gerechtigkeit würdigten, verurteilten CDU und FDP den Entwurf als Angriff auf das gegliederte Schulsystem und Hinführung zur Einheitsschule.
Als besonders umstritten gilt der Plan der Regierung, die Integrierte Gesamtschule (IGS) zur ersetzenden Schulform aufzuwerten. Dies bedeutet, dass Schulträger neben einer IGS keine andere Schule weder Haupt-, Real- und Oberschule noch ein Gymnasium mehr zwingend vorhalten müssen.
Heiligenstadt betonte allerdings, dass es insofern " Bestandsschutz" für die Gymnasien geben solle, als bei Errichtung einer IGS ein Gymnasium " in zumutbarer Entfernung" vorhanden sein müsse. Als zumutbar gelte dabei eine Fahrzeit zur Schule von bis zu einer Stunde. Die FDP nannte eine solche Bestandsgarantie jedoch aufgrund der Bedingungen im ländlichen Raum eine Farce: Am Ende könne die Regelung dazu führen, dass nur 30 von derzeit 256 Gymnasien erhalten blieben.
Geregelt wird mit dem neuen Schulgesetz zugleich die Abschaffung des sogenannten Turbo-Abis. Ab dem Schuljahr 2015/ 16 soll wieder zu neun statt acht Unterrichtsjahren am Gymnasium zurückgekehrt werden. An Integrierten Gesamtschulen sind neun Jahre schon bislang üblich. Festgeschrieben wird im Gesetzentwurf zudem das schrittweise Auslaufen der Förderschulen mit den Schwerpunkten Lernen und Sprache im Sekundarbereich I. Auch dies wird von der Opposition massiv kritisiert.
Änderungen soll es auch an den Grundschulen geben. So ist vorgesehen, die bisherige Schullaufbahnempfehlung nach dem vierten Jahrgang abzuschaffen. Ermöglichen will man auch den Verzicht auf Zensuren und die Einführung jahrgangsübergreifenden Unterrichts in den Klassen 3 und 4. Der Entwurf geht nun laut Heiligenstadt in die Anhörung.
Bildtext:
An Niedersachsens Schulen soll sich einiges ändern: Die Landesregierung hat ein neues Schulgesetz entworfen.
Foto:
Imago

Kommentar
Zwei Säulen?

In der Schulpolitik in Niedersachsen bahnt sich eine Zäsur an. Mit der Gesetzesnovelle drehen SPD und Grüne an allen Stellschrauben, um der Gesamtschule zum Durchbruch zu verhelfen. Die derzeit noch vorhandene Vielfalt im Bildungswesen droht dabei auf der Strecke zu bleiben.

Attestieren muss man Rot-Grün, dass sie im Wahlkampf mit offenem Visier für die Ausbreitung der IGS geworben haben und aus dem Wahlsieg quasi ein Mandat zur Umsetzung dieses Zieles ableiten können. Aber diese Mehrheit fiel nur hauchdünn aus, und entsprechend stark dürfte der Widerstand gegen ein Umkrempeln des Schulsystems ausfallen.

Als Schachzug von Rot-Grün könnte sich erweisen, der IGS den Status einer ersetzenden Schulform zuzubilligen. Man holt dabei die Schulträger mit ins Boot: Bei forciertem Rückgang der Schülerzahlen dürfte es für die ohnehin zumeist klammen Kommunen zunehmend verlockend werden, nur noch eine Schulform vorhalten zu müssen und auf andere Einrichtungen verzichten zu können.

Treffen dürfte das in erster Linie Haupt-, Real- und Oberschulen. Gymnasien müssen dagegen nicht zwangsläufig von der Vernichtung bedroht sein. Sie sind hochgradig beliebt, und mit der Abkehr vom Turbo-Abi wird ihre Attraktivität alles andere als geschmälert.

Gut möglich, dass am Ende wie schon in anderen Ländern ein Zwei-Säulen-System steht: Gesamtschule und Gymnasium.

Hannover. Die geplanten Änderungen am niedersächsischen Schulgesetz sind vielfältig und weitreichend und entsprechend heftig fielen am Dienstag die Reaktionen von Parteien und Verbänden aus.

Nachstehend eine Übersicht über die wichtigsten Maßnahmen:

Grundschule: Vorgesehen ist, auf die bisherige Schullaufbahnempfehlung nach der 4. Klasse zu verzichten. Begründung: Damit werde " der nicht kindgerechte Leistungsdruck im Primarbereich" abgeschafft. Stattdessen soll es zwei Beratungsgespräche mit den Erziehungsberechtigten geben.

Geplant ist ferner, über die Eingangsstufe hinaus auch in den Klassen 3 und 4 jahrgangsübergreifend Unterricht zu erteilen. In diesen beiden Jahrgängen soll auch auf Zensuren verzichtet werden können.

Gymnasien: Mit dem Schulgesetz werden die Vorkehrungen zur Rückkehr von G8 zu G9 geschaffen. Einbezogen werden zunächst die Jahrgänge 5 bis 8; die darüberliegenden Klassen müssen noch das Turbo-Abi absolvieren. Nur noch in Einzelfällen sollen Schüler das Abitur weiterhin nach zwölf Jahren absolvieren können.

Ebenfalls neu: Zweimaliges Sitzenbleiben in den Anfangsjahren am Gymnasium soll nicht mehr zwangsweise zur Überweisung an eine andere Schulform führen.

Gesamtschulen: Das umstrittenste Vorhaben bei der Gesetzesnovelle ist, der Integrierten Gesamtschule (IGS) den Status einer ersetzenden Schulform zu geben. Ein Schulträger muss damit künftig nicht mehr zwingend andere Schulformen wie Haupt-, Real- und Oberschulen sowie Gymnasien vorhalten. Allerdings gilt, dass ein Gymnasium in zumutbarer Entfernung″ erreichbar sein muss mit jeweils bis zu einer Stunde An- und Abreise für die Schüler.

Weiterhin neu: Gesamtschulen sollen (wie allerdings auch andere Schulen) mit Grundschulen unter gemeinsamer Leitung zusammengelegt werden können.

Inklusion: Verankert werden soll im neuen Schulgesetz, dass nach dem Auslaufen des Primarbereichs der Förderschulen Lernen auch die Sekundarstufe I in den Förderschwerpunkten Lernen sowie Sprache schrittweise aufgehoben wird. Diese Schulen sollen auch nicht mehr als " sonderpädagogisches Förderzentrum" gelten. Stattdessen will die Regierung in möglichst allen Landkreisen und kreisfreien Städten " Regionalstellen für schulische Integration" schaffen.

Ganztag: In einer neuen Ganztagsschulvorschrift soll der Stellenwert dieser Einrichtungen hervorgehoben werden und eine klare Abgrenzung zur Halbtagsschule erfolgen.

Für den Gesetzentwurf gab es krass unterschiedliche Bewertungen. Einhellig begrüßte das Regierungslager das Konzept; schroff lehnte es die Opposition ab.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sagte, mit dem Gesetz werde die Benachteiligung der IGS beseitigt; es gebe gerechtere Bildungschancen und mehr Bildungsteilhabe. Sie sprach von einem " Bildungschancen-Gesetz".

SPD: Generalsekretär Detlef Tanke betonte, Gängelung und Bevormundung″ in der Bildungspolitik unter CDU und FDP fänden nun ein Ende.

Grüne: Der Abgeordnete Heiner Scholing verwies auf mehr Gestaltungsfreiheiten für die Kommunen.

GEW: Gewerkschaftschef Eberhardt Brandt nannte Vorwürfe absurd, dass Rot-Grün die Axt an die Wurzeln der Gymnasien lege. Es seien zuletzt 50 neue IGS gegründet worden, ohne ein Gymnasium zu schließen.

CDU: Bildungsexperte Kai Seefried erklärte, Niedersachsen drohe zum Einheitsschulland zu werden. Mit dem Gesetz würden alle Gymnasien sowie Haupt-, Real- und Oberschulen gefährdet. " Das wird ein Chancenvernichtungsgesetz."

FDP: Ihr Bildungssprecher Björn Försterling sprach ebenfalls von einem " massiven Angriff auf die Schulvielfalt". Es müsse verhindert werden, dass die Gesamtschule ersetzende Schulform werde und letztendlich auch das Gymnasium schlucke. " Wir werden dagegen mit allen Mitteln kämpfen."

Philologen: Der Verband der Gymnasiallehrer begrüßte zwar die Abkehr vom Turbo-Abi, ließ ansonsten aber kein gutes Haar an dem Gesetzentwurf. Damit werde die Existenz vieler Gymnasien gefährdet und eine " Gesamtschul-Monokultur" angestrebt. Die Abschaffung der Schullaufbahnempfehlung sei zudem leistungsfeindlich.
Bildtext:
Offensiv präsentiert Kultusministerin Frauke Heiligenstadt den Entwurf des neuen Schulgesetzes.
Foto:
dpa
Autor:
Hans Brinkmann


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