User Online: 2 | Timeout: 18:22Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wie ein Autist den Schulalltag meistert
Zwischenüberschrift:
IGS Osnabrück lebt Inklusion: Mit Integrationshelfer Markus Döllmann bekommt Philipp seine Wutausbrüche in den Griff
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Jede Schule ist seit vergangenem Jahr verpflichtet, Schüler mit Förderbedarf aufzunehmen. Die Integrierte Gesamtschule (IGS) Osnabrück nimmt eine Vorreiterrolle ein, weil sie auf Wunsch der Eltern bereits seit Jahren Kinder mit Förderbedarf aufnimmt. Einer davon ist Autist Philipp. Kinder wie Philipp haben Integrationshelfer, die den Alltag der Regelschulen künftig noch viel stärker prägen werden, weil viele Förderschulen in den kommenden Jahren auslaufen werden. Wir haben Philipp und Integrationshelfer Markus Döllmann einen Tag in der Schule begleitet.

Im Januar muss Integrationshelfer Markus Döllmann mit Philipp fast täglich vor die Tür, weil er regelmäßig im Klassenraum ausrastet. Döllmann ist seit Beginn des Jahres für die Betreuung des Elfjährigen zuständig. " Zunächst lief es überhaupt nicht. Er wurde jede Woche zweimal nach Hause geschickt", sagt Döllmann. " Inzwischen habe ich die Wutausbrüche zusammen mit Philipp so weit in den Griff bekommen, dass er den Unterricht größtenteils verfolgen kann." Der 19-jährige Abiturient im freiwilligen sozialen Jahr sagt das, während er im Klassenraum der 5e nur rund einen Meter entfernt von seinem Schützling sitzt und erklärt: " Ihn stört es, wenn ein anderer Schüler neben ihm sitzt." Das dürfe nur er.

Philipp hat den einzigen Einzel-Sitzplatz und darf diesen auch das ganze Schuljahr über behalten, während die Mitschüler monatlich in der Sitzordnung rotieren. " Alles Ungewohnte und Neue ist für Philipp schwierig. Als Autist lebt er in seiner eigenen Welt. Wenn er feste Regeln hat und eine ganz konkrete Aufgabenstellung, dann arbeitet er super. Er lässt sich aber leicht ablenken, sucht Kontakt zu anderen, hat daher Konzentrationsprobleme und wird schnell aggressiv", versucht Döllmann das Spannungsfeld zu umschreiben. Im sogenannten " Individuelle Lernzeit" (ILZ)- Unterricht arbeitet Philipp gut mit. In der ILZ kann jeder Schüler an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Aufgaben aus anderen Fächern beenden, vor- oder nachbereiten. Philipp darf in dieser Stunde am Computer eine Powerpoint-Präsentation für ein Referat zum Thema " Flugzeuge im Ersten und Zweiten Weltkrieg" erarbeiten. Philipp gibt bei Google " Raketenwerfer" ein. Daraufhin sagt Döllmann: " Da muss ich jetzt mal einschreiten. Philipp, surf mal lieber zu Wikipedia."

Das eigens für den Autisten eingeführte Ampelsystem an der Tafel zeigt Grün. Das heißt: alles in Ordnung. Wenn Philipp unruhiger wird, sich und andere ablenkt, schiebt Philipp den grauen Magneten auf Gelb, um ihn zu verwarnen, und wenn auch das nicht hilft, schiebt er ihn weiter auf Rot. Dann muss Philipp den Klassenraum mit Döllmann verlassen, sich draußen beruhigen und eine schriftliche Aufgabe erledigen. " Die Ampel ist eine Hilfe, dass er sich selbst einschätzen kann", erklärt Döllmann.

Die Sozialarbeiterin, die Klassenlehrerin und das Autismus-Therapiezentrum hätten die Ampel als eines von zwei Verwarnsystemen erarbeitet. Parallel zur Ampel gibt es ein Heft, das Döllmann " Smiley-Heft" nennt. Hat er sich den ganzen Tag gut im Unterricht benommen, dann bekommt er einen Smiley und darf am nächsten Tag zur Belohnung unter Aufsicht zehn Minuten Spiele am Computer spielen. " Das Heft ist sehr wichtig für ihn, weil es auch von seiner Mutter unterschrieben wird. Es ist ihm extrem wichtig, dass seine Mutter Gutes von ihm aus der Schule hört. Daher ist es eine zusätzliche gute Kontrolle von außen." Trotz der beiden Verwarnsysteme ist ein Wechsel in Fachräume aber immer noch kritisch, wie er nach der Pause bevorsteht.

In der großen Pause spielt Philipp mit seinem Klassenkameraden Jafir, der als einer von mehreren Schülern in der Klasse 5e einen Förderschwerpunkt im Bereich Lernen hat. Zusammen machen sie sich einen Spaß daraus, sich vor Döllmann zu verstecken. Dazu sagt der in seinem weißen Kapuzenpullover betont locker wirkende Integrationshelfer nur: " Wenn man ihm ständig hinterherrennt, dann ist es ein großes Problem, ihn nach der Pause wieder zum Unterricht zu bewegen. Wenn man ihn aber machen lässt, dann kommt er von selbst herein, weil ihm das sonst zu langweilig wird."

Döllmann hat seine Zeit gebraucht, bis er das Prinzip verstanden hat. " Am Anfang war das extrem anstrengend, weil er einen auch richtig unter Druck setzen kann. Es dauert, bis er einen als Respektsperson anerkennen kann. Am Anfang hat er richtig rumgeschrien, gegen mich oder gegen Schränke getreten, fing an zu weinen oder öffentlich am Daumen zu nuckeln", beschreibt er. Nach den ersten Tagen mit ihm habe er sich nach der Arbeit oft nur noch kraftlos aufs Bett legen können. Doch der Umgang mit solchen Problemen habe ihn auch selbstbewusster gemacht. Er habe gelernt, vieles zu ignorieren, beruhigend einzuwirken oder einfach streng zu sagen: " Es ist Quatsch, was du sagst."

Vor einer ähnlichen Herausforderung soll der junge Integrationshelfer auch in der nächsten Stunde wieder stehen. Naturwissenschaften stehen auf dem Plan. Döllmann begleitet ihn zum Fachraum und setzt sich an einen Tisch neben ihn. Auf den Tisch legt er einen einlaminierten Zettel mit der Überschrift " Dein Plan für den Unterricht". Darunter stehen neun Regeln. Einige davon lauten: " Du sitzt am Platz", " Du hörst dem Lehrer zu", " Du erledigst die Unterrichtsaufgabe". Zunächst läuft alles gut. Als die Lehrerin Julia Schmietendorf nach dem Fachbegriff für den Prozess der Abtrennung mehrerer Phasen durch Abgießen fragt und Philipp den richtigen Begriff " Dekantieren" nennt, nickt Döllmann anerkennend wie ein großer Bruder. Philipp lacht zufrieden, während kurz danach ein Mitschüler Döllmann von hinten anraunt: " Hey, Markus, kannst du den Kopf runternehmen? Ich sehe doch gar nichts." Döllmann lacht und macht sich kleiner.

In der zweiten Hälfte der Stunde kippt die Stimmung, als die Schüler für die Gruppenarbeit anderen Schülern zugelost werden. Der schlimmste Fall tritt ein: Philipp wird als Einziger einer reinen Mädchengruppe zugelost. Er schimpft direkt: " Scheiße, echt ätzend" und streckt der neuen Sitznachbarin die Zunge raus. Die Förderschullehrerin Ina Folkers schiebt den grauen Magneten auf der Ampel an der Tafel auf Gelb. Doch Philipp kann sich auch weiterhin nicht mit seiner Gruppe arrangieren, sagt nach einer weiteren Ermahnung: " Ich will da nicht mitmachen" und steht trotzig auf. Damit ist die Unterrichtsstunde für ihn beendet, Ina Folkers schiebt den Magneten auf der Ampel auf Rot, und Döllmann begleitet Philipp nach draußen. " Ja, endlich raus hier. Das ist eh viel besser", ruft Philipp wütend im Hinausgehen.

Döllmann folgt ihm mit dem Schlüssel für den leeren Nebenraum und einem Buch in der Hand. Er soll zwei Aufgaben zu dem eben im Unterricht behandelten Stoff behandeln. Philipp sagt störrisch: " Ich bearbeite das nicht." Döllmann bleibt ganz gelassen. " Ja, ist gut, beruhige dich. Ich gehe jetzt raus, und wenn ich wieder da bin, dann will ich, dass in deinem Heft was steht." Philipp grummelt daraufhin weiter: " Scheiße. Ich mache das nicht", und der Abiturient verlässt den Raum. " Wenn man ihm das hinlegt und nicht auf seine Provokationen reagiert, dann langweilt er sich schnell und fängt irgendwann doch an zu arbeiten." Philipp könne sich richtig in eine Aufgabe reinsteigern, wenn sie klar definiert ist. Als er einmal im Matheunterricht nur Blödsinn gemacht habe und rausgeschmissen worden sei, habe er die Arbeit in der nächsten Stunde dennoch " eins" geschrieben, weil er es dennoch irgendwie geschafft habe, den Stoff aufzunehmen, erinnert sich Döllmann. Der Autist mit dem sogenannten Asperger-Syndrom habe eine gewisse Inselbegabung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Als er au ch in diesem Fall nach einer Viertelstunde wieder den Raum betritt, hat Philipp nicht nur zwei, sondern sogar vier Aufgaben bearbeitet. Döllmanns Konzept ist aufgegangen. Als Philipp wieder die Klasse betritt, machen die Mitschüler darum nicht viel Aufhebens und ignorieren fast, dass er leise wieder an seinen Platz zurückkehrt. " Die Klasse hat sich gut auf ihn eingestellt und hilft ihm auch, indem sie solche Sachen ignoriert", erklärt D öllmann.

Auch die Fachlehrerin räumt nach der Stunde ein: " Philipp hat eben auch viel Pech beim Losen gehabt, dass er mit den Mädchen in eine Gruppe kam." Trotz der " guten Erfahrung", wie Markus Döllmann die Arbeit bis zum Schuljahresende mit Philipp nennt, ist er froh, wenn er danach ein Studium aufnehmen kann. Denn neben dem vielen Selbstbewusstsein, das er aus dem freiwilligen sozialen Jahr mitnimmt, hat ihn der Job im Auftrag des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes auch gelehrt: " Die Belastung ist einfach zu groß, als dass ich es ein Leben lang machen möchte."

Den Weg mit Philipp muss dann ein anderer Integrationshelfer weitergehen, weil der Elfjährige dann noch nicht so weit sein wird, dass er den Schulalltag ohne ihn meistern könnte. Die Klassenlehrerin Joanna Gniel czyk wünscht sich nur: " Hoffentlich ist der nächste Integrationshelfer dann auch wieder so ruhig und souverän wie Markus."

Oft wirkt Integrationshelfer Markus Döllmann neben Autist Philipp wie ein großer Bruder als Sitznachbar. Foto: Michael Gründel

Der Magnet auf der für Philipp kreierten Ampel an der Tafel wird im naturwissenschaftlichen Unterricht auf Gelb geschoben. Damit wird Philipp verwarnt.

Markus Döllmann wird von hinten angeraunt: " Hey, Markus, kannst du den Kopf runternehmen? Ich sehe doch gar nichts." Döllmann lacht und macht sich kleiner.

Autist Philipp nennt den Fachbegriff " Dekantieren" im naturwissenschaftlichen Unterricht, als die Lehrerin nach dem Prozess der Abtrennung mehrerer Phasen fragt. Sein Integrationshelfer Markus Döllmann nickt zufrieden. Fotos: Michael Gründel

Als Philipp einer Mädchengruppe zugelost wird, kippt die Stimmung, und er schimpft: " Scheiße, echt ätzend." Später muss er mit seinem Integrationshelfer den Raum verlassen.

Alles im grünen Bereich ist für Philipp noch im " Individuellen Lernzeit"- Unterricht.
Autor:
Jean-Charles Fays


Anfang der Liste Ende der Liste