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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Vorhölle zum Sterben an der Front
Zwischenüberschrift:
Remarque als Rekrut in Osnabrück
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Der Exerzierplatz der Caprivikaserne auf dem Westerberg ist 200 Meter lang und 60 Meter breit. Das sind 12 000 Quadratmeter, eine riesige Fläche vor ebenso riesigen Gebäuden. Heute parken hier die Autos der Studierenden und der Hochschul-Mitarbeiter.

Es gibt eine kleine Mensa auf dem Platz, daneben eine Sonnenterrasse mit großartiger Aussicht auf die Stadt und überraschenden Einblicken in die Seminarräume im Untergeschoss. Aber wie lang können 200 Meter sein, wenn man sie mit vollem Sturmgepäck und das Gewehr im Arm, mit " Hinlegen!" und " Sprung auf, marsch marsch!" überwinden muss, die Nase immer wieder im Dreck? Als Rekrut, gehetzt von einem preußischen Feldwebel mit dem sprechenden Namen Himmelstoß? Erich Maria Remarque ist nur der prominenteste von allen Soldaten, die einmal auf diesem Kasernenhof geschliffen wurden.

Die Caprivikaserne auf dem Westerberg zwischen Blumenthalstraße und Caprivistraße ist der eindrucksvollste Militärbau der wilhelminischen Kaiserzeit in Osnabrück. Sie ist benannt nach dem Generalstabsoffizier und späteren Reichskanzler (1890 bis 1894) Georg Leo von Caprivi und wurde in den Jahren 1896 bis 1899 vom preußischen Militärfiskus erbaut. Untergebracht wurde hier das I. Bataillon des in Osnabrück seit 1873 stationierten Infanterieregiments Nr. 78. Immerhin gehörten zu einem solchen Infanteriebataillon des kaiserlichen Heeres in der Zeit vor 1914 etwa 800 bis 1000 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Das II. Bataillon dieses nach Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig benannten Regiments war in der Klosterkaserne und mehreren Einquartierungshäusern eingezogen. Das III. Bataillon lag weiterhin in Aurich, weshalb das Infanterieregiment 78 auch " Ostfriesisches" genannt wurde, obwohl der Großteil der Soldaten eben in Osnabrück stationiert war. Der Regimentskommandeur wohnte standesgemäß im Schloss am Wall.

Für den Bau der Caprivikaserne bewilligte der Reichstag im Februar 1897 eine erste Baurate von 300 000 Mark, insgesamt dürfte die Kaserne deshalb deutlich mehr als eine Million Goldmark gekostet haben. Beschäftigt war dabei unter anderem eine Kolonne italienischer Maurer. Denn Arbeitskräfte waren zu dieser Zeit im Deutschen Reich ohnehin knapp, und diese Wanderarbeiter waren aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Verwendung von Bruchsteinen als Mauerwerk für dieses Projekt besonders qualifiziert. Davon zeugt auch heute noch der exakte Fugenverlauf bei der Verwendung des heimischen Muschelkalk-Bruchsteins aus den benachbarten Steinbrüchen des Westerberges. Farblich abgesetzt wurde das ockerfarbene Sichtsteinmauerwerk mit Fenstereinfassungen sowie sparsam verwendeten Ornamenten im Stil der Neorenaissance aus rotem Wesersandstein. Erstaunlich für ein Bauprojekt dieser Größe ist: Im November 1897 gehen die italienischen Arbeiter, die beim Bau der Caprivikaserne beschäftigt sind, wegen der kalten Witterung erst einmal in die Heimat zurück. Die Kaserne steht bereits im Rohbau bis zum Dachstuhl und soll im Oktober nächsten Jahres fertig sein.

Die Caprivikaserne besteht bis heute aus einer rhythmisch gestaffelten Abfolge von einem Offiziers-Wohnhaus und zwei großen vier- bis fünfstöckigen Mannschaftshäusern, zwischen denen ein Wirtschaftsgebäude als Küche und Kantine sowie zwei Latrinenhäuser aufgereiht sind. Alle Häuser stehen entlang der nördlichen Fluchtlinie des Kasernenhofes. Daran schließen sich nach Osten längs der Blumenthalstraße eine Turnhalle und die Wache sowie im Süden das Kammergebäude und Patronenhaus an. Das ganze Ensemble steht heute unter Denkmalschutz. Und zwar einerseits wegen seiner qualitätvollen und vielgestaltigen Bauausführung, andererseits auch wegen der dominierenden Stellung der Kaserne auf der Kuppe des Westerberges, die " weithin sichtbar ein erhebliches bauliches Pathos entwickelt", wie es in der Begründung der Denkmalpfleger für die Unterschutzstellung heißt.

Wie sich solch " bauliches Pathos" auf die Rekruten des kaiserlichen Heeres ausgewirkt haben mag, die auf dem riesigen Exerzierplatz vor dieser Monumentalkulisse ausgebildet worden sind, lässt sich an einem literarischen Zeugnis ablesen. Ausgerechnet Erich Maria Remarque ist als Rekrut auf diesem Kasernenhof " geschliffen" worden: Der Seminarschüler Remarque wurde am 26. November 1916 eingezogen und kam zum Ersatz-Bataillon des Infanterieregiments 78, später dann von einem Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide aus an die Westfront, wo er bereits vier Wochen später durch Granatsplitter verwundet worden ist.

Wir erfahren im Roman noch mehr von dem sagenhaften Schleifer " Unteroffizier Himmelstoß". Die Vorlage für diese literarische Figur hörte übrigens auf den nicht weniger sprechenden Namen Himmelreich, wie Remarques Biograf Hanns-Gerd Rabe berichtet hat. Und dieser Mann will die jungen Soldaten demütigen und somit " in die Exerzitien des heiligen preußischen Militarismus einführen", wie Rabe sagt. Der Unteroffizier, " ein kleiner, untersetzter Kerl, der zwölf Jahre gedient hatte, mit fuchsigem, aufgewirbeltem Schnurrbart, im Zivilberuf Briefträger", kennt nämlich nur ein Ziel: Jeden Widerstand und alle latente Verweigerung mit allen Mitteln zu brechen; mit stundenlangem Exerzieren, mit Schindereien und Schikanen. Das bittere Fazit des Ich-Erzählers im Roman: " Wir wurden hart, misstrauisch, mitleidlos, rachsüchtig, roh und das war gut; denn diese Eigenschaften fehlten uns gerade. Hätte man uns ohne diese Ausbildungszeit in den Schützengraben geschickt, dann wären wohl die meisten von uns verrückt geworden. So aber waren wir vorbereitet für das, was uns erwartete."

Wie Remarque sind ganze Jahrgänge eingezogen und in diesen Krieg geworfen worden. Die ersten Kriegsfreiwilligen wurden in Osnabrück Anfang September 1914 im Schlosshof vereidigt. Auch davon gibt es ein Foto: Es zeigt die Kolonnen der Soldaten, den Fahnenschmuck und den Musikzug, Lorbeerbäume, eine Kaiser-Büste aus Gips vor dem Podium und mit dabei Geistliche der beiden Konfessionen. Mitte November, acht Wochen später, standen auch diese jungen Männer in der Schlacht bei Ypern und Langemarck. Der Sturmangriff endete im Kampf Mann gegen Mann, im Grabenkrieg mit Handgranaten, Spaten und Bajonett. Minimal waren die Geländegewinne, grausig der Blutzoll auf beiden Seiten. Bis zu siebzig Prozent der Offiziere und die Hälfte der Mannschaften fielen in vierzehn Tagen. Und was manche ahnten, aber niemand aussprechen mochte: Der Krieg war schon jetzt verloren. Aber dennoch ging das Blutvergießen vier Jahre weiter.

Bildtexte:
Imposante Architektur und Soldaten als Untertanen: Die Caprivikaserne auf dem Westerberg wurde von 1896 bis 1899 erbaut. Auf diesem Kasernenhof wurden Generationen von Rekruten geschliffen, darunter auch Erich Maria Remarque im Winter 1916.

Vereidigung der ersten Kriegsfreiwilligen im September 1914: Aufgeboten für diesen feierlichen Akt wurden auch Geistliche der beiden Konfessionen.

" Kaisers schimmernde Wehr": Die Soldaten standen im Mittelpunkt der Gesellschaft, und Kasernen waren ein beliebtes Ansichtskartenmotiv. Hier die Caprivikaserne an der Blumenthalstraße vor 1914.

Fotos:
Medienzentrum Osnabrück/ Staatsarchiv Osnabrück
Autor:
Frank Henrichvark


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