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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Niespulver statt Argumente
Zwischenüberschrift:
1930: Der Neumarkt in politisch bewegten Zeiten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Lieber Ferdy! Heil u. Sieg u. reiche Beute! Na Junge, was sagst du denn nun zu dem Erfolg?" So beginnt der Grußtext auf der Rückseite der historischen Ansichtskarte, die nach der Reichstagswahl 1930 verschickt wurde und offensichtlich auf die Stimmzuwächse der Nationalsozialisten Bezug nimmt. Wie auch das Plakat an der Fassade des Hotels Bavaria am Neumarkt zeigt, war Adolf Hitler in Osnabrück angekommen. Und das lange, bevor die neuen Machthaber den Neumarkt in " Adolf-Hitler-Platz" und den Neuen Graben in " Straße der SA" umbenannten.

Das nur halbprofessionell gestaltete und aufgehängte Propaganda-Plakat mit der Aufschrift " Der Führer aus der Not" gibt einen Hinweis darauf, dass der NS-Staat sich noch nicht etabliert hatte, sondern auf legalem Wege, eben durch das Werben um Parlamentssitze, versuchte, sich den ganzen Staat zur " reichen Beute" zu machen. Die Menschenansammlung vor dem Saaleingang an der Johannisstraße - übrigens fast nur Männer lässt auf den Wahlkampfauftritt einer NS-Größe schließen.

Die vorhergehende Reichstagswahl im Mai 1928 hatte der NSDAP in Osnabrück einen Stimmanteil von lediglich 4, 0 Prozent eingebracht. Am 14. September 1930 waren es 27, 6 Prozent, also das Siebenfache. Im Wahlkreis Osnabrück hatten die Nazis damit die SPD überholt und einen weit höheren Stimmanteil eingefahren als insgesamt auf Reichsebene (18, 0 Prozent). Die Osnabrücker NSDAP-Leitung mit dem Zahnarzt Otto Marxer an der Spitze war außerordentlich aktiv. Zu den zahlreichen Kundgebungen holte sie Parteigrößen aus dem ganzen Reichsgebiet nach Osnabrück, so den Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel und den Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser.

Als die Weltwirtschaftskrise sich auch in Deutschland immer stärker auswirkte, die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellten, der Berliner Reichstag und der Notverordnungs-Kanzler Brüning sich gegenseitig blockierten und Hindenburg schließlich den Reichstag auflöste, setzte auch in Osnabrück ein Wahlkampf von nie gekannter Heftigkeit ein. Die Stadthalle musste bei Veranstaltungen der NSDAP zeitweilig wegen Überfüllung geschlossen werden. Störungen durch politisch Andersdenkende waren an der Tagesordnung, Diskussionen kaum noch möglich. Auf einer Kundgebung des Zentrums beispielsweise verstreute die SA massenhaft Niespulver. In dieser Phase, die auch von gewaltsamen Zusammenstößen gekennzeichnet war, muss das historische Postkarten-Foto gemacht worden sein.

Aus der Sichtachse kann man erschließen, dass der Fotograf im obersten Stockwerk des Hauses Neumarkt 4 gestanden hat. In diesem Haus des Hutmachers Dierker lebte vor dem Krieg ein späteres Opfer des NS-Regimes, der Schlachtermeister und Viehhändler Felix Löwenstein. Er kam 1944 ins KZ Neuengamme, weil er Jude war. Ein Stolperstein im Gehsteig vor dem Haus Neumarkt 4 erinnert heute an seinen gewaltsamen Tod am 30. April 1945.

Links auf dem alten Foto sehen wir den heute kaum veränderten Westflügel des Justizgebäudes. Rechts daneben, mit der Persil-Reklame, das Haus Johannisstraße 65 des Büromaschinenhandels Vordemfelde & Scherz. Es folgt das Eckhaus Nr. 63/ 64 mit dem Hotel Bavaria/ Bayrischer Hof und dem Bürgerrestaurant " Stadtschänke", das man über den Eingang genau auf der Ecke erreichte. Nach der Kriegszerstörung wurde auf dem Eckgrundstück ein eingeschossiger Notbau errichtet, in den die Neuauflage der " Stadtschänke" und die Drogerie Smits einzogen. 1966 baute der Radio- und Fernseh-Händler W. Brüggen das heutige fünfgeschossige Geschäftshaus in der damals hochmodischen grünen Kacheloptik. Mieter jener Tage waren unter anderen Wollkayser, Elles-Blusen, die Firma Hensel und das Café Panorama im ersten Obergeschoss. Mittlerweile ist das Haus in die Jahre gekommen. Eine Fassaden-Aufhübschung steht jedoch nicht zur Debatte. Das Haus soll im geplanten Neumarkt-Einkaufscenter aufgehen.

Bildtexte:
Der Neumarkt im Jahr 1930 mit dem Justizgebäude (links), dem Hotel Bavaria (rechts) und der einmündenden Johannisstraße dazwischen. Das Hitler-Plakat an der Hotelfassade und die Menschenansammlung auf der Straße deuten auf eine Wahlkampfveranstaltung der NSDAP hin.

Mit grüner Kacheloptik nimmt ein Wohn- und Geschäftshaus seit 1966 die Stelle des kriegszerstörten Hotels ein. Der in die Jahre gekommene Bau soll im geplanten Neumarkt-Center aufgehen.

Fotos:
Ansichtskarte aus der Sammlung Helmut Riecken/ Jörn Martens


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