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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Leuchtturm" und Brandfackel
Zwischenüberschrift:
St. Katharinen in den Dreißigern
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Das städtische Verkehrsamt stand in der Nachkriegszeit vor der schwierigen Aufgabe, Osnabrück für Zwecke der Tourismus-Werbung hübsch ins Bild zu setzen. Aktuelles Fotomaterial zeigte aber überwiegend Ruinen und abgeräumte Straßenzüge. Also mogelte man Vorkriegsaufnahmen in die Veröffentlichungen. Ein Bildband aus dem Jahr 1954 zeigt diese Ansicht der Katharinenkirche aus der Clubstraße, der heutigen Hans-Böckler-Straße.

Die Kirche war beim Palmsonntag-Angriff 1945 schwer getroffen worden. Spreng bomben durchschlugen das Turmgewölbe, Brandbomben entzündeten den Turm wie eine riesige Fackel, die schweren Kupferplatten der Turmbedeckung segelten brennenden Papierfetzen gleich zu Boden. Neun Jahre später, bei der Herausgabe des Buchs, war der Turm von St. Katharinen in Wahrheit noch immer ein nacktes, ausgeglühtes Stahlgerippe. Er bekam sein neues Dach erst 1956. Elf lange Jahre hatte das Skelett in der Stadtsilhouette an die Zerstörungen des Krieges gemahnt.

Die historische Aufnahme dürfte aus den 1930er-Jahren stammen. Lichtinszenierungen mit dieser Wattstärke waren typisch für die Zeit des Nationalsozialismus. Andererseits musste ab 1940 mit englischen Luftangriffen gerechnet werden da waren nächtliche Illuminationen nicht mehr denkbar.

Der mit 103 Metern höchste Kirchturm Osnabrücks trägt auf dem alten Bild im Helmansatz noch die vier kleinen Ecktürmchen mit eigenen Spitzdächern, die bei der Wiedererrichtung entfielen. Stattdessen wurde der Dachansatz weiter nach außen über die gemauerten Eckturmstümpfe gezogen. Auch die Zier-Banderole weiter oben blieb bei der Schlichtversion des Wiederaufbaus auf der Strecke.

Der Standort des Fotografen für die alte Aufnahme wäre heute etwa der Wendehammer der Hans-Böckler-Straße beim Ratsgymnasium. Damals führte die kopfsteingepflasterte Clubstraße bis direkt vor die Katharinenkirche. Die beiden waagerechten weißen Linien deuten die Kreuzung des Neuen Grabens an. Sie könnten von den Lichtern einer Straßenbahn in dieser langzeitbelichteten Aufnahme stammen.

Hinter dem Ahornbaum im Vordergrund verläuft die alte Mauer des Schlossgartens. Wo sie endet, wird die Zufahrt zum Kinderhospital sichtbar. 1871 von Osnabrücker Bürgern ins Leben gerufen, hatte das Hospital nach dem Gründungsstandort Ziegelstraße 22 seit 1878 hier an der Clubstraße seine Heimstatt gefunden (rechts außerhalb des Bildes). Das Grundstück konnte mithilfe eines Vermächtnisses des Stadtsyndikus Pagenstecher angekauft werden. Stadtbaurat Hackländer entwarf das 30-Betten-Haus, dem später noch eine Isolierstation angefügt wurde. Schwere Scharlach-, Masern- und Diphterieepidemien hatten unter den Kindern viele Opfer gefordert. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand das Kinderhospital an der Iburger Straße eine neue Bleibe.

Der Name Clubstraße verweist auf den Großen Club. Der hatte sein großzügiges Vereinshaus hinter dem kleinen Wirtschaftsgebäude, das auf der linken Straßenseite zu sehen ist, also etwa da, wo 1952 das Gewerkschaftshaus und 1977 die Stadthalle gebaut wurden.

Der Große Club war 1793 von 23 angesehenen Osnabrücker Bürgern, darunter Justus Möser, gegründet worden. Fabrikanten, Ärzte, Kaufleute, höhere Beamte und Offiziere sorgten in den fast 160 Jahren seines Bestehens dafür, dass das Clubhaus durch eine Vielzahl kultureller und unterhaltsamer Veranstaltungen der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt war.

Unter der NS-Herrschaft wurde der Club zunehmend drangsaliert. 1942 kaufte die Stadt die Liegenschaft unter fragwürdigen Umständen zu einem Preis weit unterhalb des Verkehrswerts. Dem letzten Club-Präsidenten Hans Künsemüller gelang es 1951, in einem Rückerstattungsverfahren einen Ausgleichsbetrag von 25 000 DM zu erstreiten. Den spendeten die verbliebenen Club-Mitglieder dem Kinderhospitalverein und lösten den Club danach auf.

Etwa zeitgleich formierte sich aus der Söhnegeneration der früheren Club-Honoratioren der Osnabrücker Club, der an die Traditionen des Großen Clubs anknüpft und ebenfalls nicht nur die Geselligkeit pflegt, sondern sich in besonderer Weise für die Stadt und ihre Bewohner engagiert.

Bildtexte:
Ein Winterabend in den 1930er-Jahren: Der Blick folgt dem Verlauf der Clubstraße (heute Hans-Böckler-Straße) bis zu St. Katharinen.
Das Kreishaus (links) und die IHK (rechts) bilden heute den Rahmen für den Blick auf die Katharinenkirche vom Neuen Graben aus.
Fotos:
Koltzenburg, aus dem Bildband " Osnabrück" des städtischen Kultur- und Verkehrsamtes, herausgegeben 1954, Michael Gründel
Autor:
Joachim Dierks


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