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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Justus Wilhelm Lyra: Leben zwischen Heiterkeit und Schwermut
Zwischenüberschrift:
Heimatstadt widmet dem Komponisten des Mai-Liedes eine Straße
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. 14 Pferde musste Bauer Siebert aus Vehrte einspannen, um den mächtigen Findling von seinem morastigen Fundort im Vehrter Bruch wegzuschleppen. Die Königlich Preußische Eisenbahnverwaltung hatte ihr Arsenal geöffnet und jede Menge Eisenbahnschwellen angeliefert, mit denen ein behelfsmäßiger Karrenweg bis zur nächsten befestigten Chaussee angelegt wurde. Es blieb eine mordsmäßige Knochenarbeit. Der Verschönerungsverein Osnabrück musste 1904 alle Kräfte anspannen, um Justus Wilhelm Lyra ein würdiges Denkmal mit besagtem Findling als Hauptbestandteil zu setzen.
Der Bildhauer Rudolf Wulfertange schuf ein Bronze-Relief des Komponisten, das er in die Schauseite des Steins einarbeitete. Am 30. April 1905 wurde der Stein in einer neu geschaffenen Parkanlage an der Vitischanze enthüllt. Mit dem Anstimmen der wohl populärsten Lyra-Komposition " Der Mai ist gekommen" begann die Tradition des bis heute gepflegten offenen Maisingens in der Nacht zum 1. Mai.
So schwer der Stein auch ist, schon zweimal musste er umziehen. Erst war er dem Umbau der Hasetor-Kreuzung im Wege und fand Zuflucht 100 Meter weiter am Herrenteichswall. 1984 sollte das von den Nazis zerstörte Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal an seinem alten Standort wiederaufgebaut werden. Der lag direkt neben dem Lyrastein. Beides passte nicht gut zusammen. Also musste der Lyrastein den älteren Rechten weichen und ein weiteres Mal wandern, diesmal in den Schlossgarten. Nachts zu dunkel, zu abgelegen, zu matschig, befand der Sängerkreis Osnabrück, der dorthin einige Male zum Maisingen eingeladen hatte. Man wollte lieber wieder ins Zentrum. Seit 2001 wird nicht mehr am Stein gesungen, sondern auf dem Marktplatz. " Egal wo sie singen der Mai kommt immer wieder", titelte damals die Neue OZ. Und sie berichtete auch darüber, dass nicht immer alle Osnabrücker hinter der Tradition standen. 1968 etwa skandierten angeheiterte Jung-68er " Ho-Ho-Ho Chi Minh" und störten die romantischen Empfindungen ihrer sangesfreudigen Mitbürger.
Unter dem Strich müsste Lyra jedoch zufrieden sein, wie die Vaterstadt das Gedenken an ihn, den berühmten Sohn, wachhält. Bereits zwei Jahre vor der Errichtung des Gedenksteins entschied der Magistrat 1903, die frühere Kleine Kampstraße, das Verbindungsstück zwischen Neuer Graben und Seminarstraße, nach Lyra zu benennen. Als wenn das noch nicht genug wäre, ließen sich auch zwei Musikalienhandlungen im direkten Umfeld der musikalischen Straße (lateinisch lyra′ heißt auf Deutsch Leier′ oder Laute′) nieder: Bössmann und Rohlfing. Und nicht zu vergessen: Das einzige Fahrgastschiff auf dem Stichkanal hört auf den Namen " Lyra".
Justus Wilhelm Lyra ist in erster Linie als Komponist heiterer Volkslieder bekannt geblieben. Das war jedoch nicht die Hauptsache in seinem Leben, wie schon wenige Eckdaten seiner Biografie belegen: 1822 in Osnabrück in der Hasestraße 55 geboren, lernt er bereits mit drei Jahren lesen und kommt mit sechs Jahren aufs Ratsgymnasium. Als Sechzehnjähriger komponiert er geistliche Motetten. Nach dem Abitur 1840 nimmt er das Studium der Sprachwissenschaften und der Geschichte in Berlin auf. Er besucht Vorlesungen der Brüder Grimm und bei Leopold von Ranke, die Musik beschäftigt ihn eher als Liebhaberei.
1842 der Wechsel nach Bonn. Lyra lässt sich von rheinischer Wander-, Trink- und Sangesfreude anstecken. Er schreibt Kommerslieder, gibt eine Volksliedersammlung heraus und vertont Emanuel Geibels Gedicht " Der Mai ist gekommen". 1844 wendet sich sein Leben, er wird grüblerisch, zweifelt an seinem bisherigen Lebensweg und durchlebt Phasen der Schwermut. Gegen den Willen der Eltern beginnt er das Theologiestudium. 1846 legt er das erste theologische Examen in Osnabrück ab. Doch bis er ein Pfarramt übernehmen kann, vergehen zwei Jahrzehnte, die geprägt sind von körperlichen und seelischen Leiden. Vier Jahre verbringt er in der Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim. 1862 legt er das zweite theologische Examen ab und ist so weit stabilisiert, dass er öffentliche Ämter übernehmen kann: zunächst als Hilfsprediger in Bohmte-Arenshorst und als Militärgeistlicher in Langensalza, ab 1867 Pfarrstellen in Wittingen, in Bevensen und in Gehrden. Er stirbt am 30. Dezember 1882 nach zwei Schlaganfällen in Gehrden.
Lyra wurde nur 60 Jahre alt. Das erste Drittel seines Lebens steht für den Lyra, wie ihn die Nachwelt vorwiegend kennt: Lebenslustig, erlebnishungrig, musikalisch hochbegabt. In dieser Phase landet er den Volltreffer mit dem Mai-Lied. Das zweite Lebensdrittel ist bestimmt von inneren Kämpfen und der Suche nach einer neuen Bestimmung, die er im letzten Drittel im geistlichen Schaffen, mit musikwissenschaftlichen Arbeiten und der Komposition von Motetten und Kantaten gefunden hat.

Bildtext:
Die Lyrastraße befindet sich in der Innenstadt.

Fotos:
Archiv NOZ, Joachim Dierks
Autor:
jod


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