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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Mit den Augen der anderen
Zwischenüberschrift:
Busfahrer und Behinderte lernen miteinander und voneinander
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. In einer bundesweit bisher einmaligen Schulung lernen Menschen mit Behinderung und Busfahrer miteinander und voneinander. Das Konzept für die inklusive Schulung wurde von Menschen mit Behinderung sowie Mitarbeitern der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück, der gemeinnützigen GmbH Hilfe für Hörgeschädigte sowie den Stadtwerken entwickelt.

Warum lässt mich der Busfahrer so langen warten, bis er mir die Rampe aufklappt, fragt sich der Rollstuhlfahrer. Warum läuft mein behinderter Fahrgast, der sonst so ruhig auf seinem Platz sitzt, heute unruhig auf und ab, fragt sich der Busfahrer. Weil vorne beim Einstieg so viele Leute noch Fahrscheine gelöst haben, könnte der Busfahrer antworten. Weil ich vorher nicht gewusst habe, dass der Bus wegen einer Baustelle eine andere Strecke fährt, könnte die Erklärung des behinderten Fahrgastes sein. Ach so! Wie leicht sich alles verstehen lässt, wenn man miteinander spricht.

Bundesweit einmalig

Gelegenheit dazu bietet die inklusive Schulung zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, die bundesweit erste dieser Art, die in Osnabrück entwickelt und erprobt wird. Dabei lernen Menschen mit Behinderung und Busfahrer miteinander und voneinander. Denn viele Behinderte nutzen öffentliche Verkehrsmittel wie Busse, brauchen aber manchmal etwas Unterstützung. Die meisten Busfahrer kennen aus ihrem beruflichen Alltag Fahrgäste mit Behinderung, sind aber unsicher im Umgang mit diesem Personenkreis.

Da liegt es eigentlich nahe, Behinderten durch die Schulung die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu erleichtern. In der Begegnung mit den gehandicapten Menschen entsteht zugleich bei den Mitarbeitern der Stadtwerke ein größeres Verständnis für die Situation von Fahrgästen mit einer geistigen, körperlichen oder psychischen Behinderung. Sie können es sogar am eigenen Leibe erfahren, denn die Finanzierung des Projektes durch die Aktion Mensch ermöglichte die Anschaffung eines Alters-Simulationsanzuges. In ihm können Nichtbehinderte erleben, wie drastisch sich Bewegungs- und Seheinschränkungen auswirken.

Während Busfahrer Rainer Schilling in den Anzug steigt, erzählt Wolfgang Gude von seinen Erfahrungen: " Ich will nie so alt werden, wie ich mich gefühlt habe." Die Fliehkräfte beim Bremsen und Anfahren im Bus wirkten viel extremer. Am schlimmsten aber empfand der erfahrene Busfahrer die Brille mit der Sicht eines am Star erkrankten Menschen. Jetzt könne er verstehen, warum manche seiner alten Fahrgäste selbst die großen Hinweisschilder auf Behindertenplätze nicht erkennen können.

In einem anderen Bus erläutert Uwe Küpke von der Busschule der Stadtwerke, wie und wo sich Rollstuhlfahrer am sichersten platzieren: Immer mit dem Rücken des Rollstuhls dicht an den Vordersitz heranfahren. Warum, zeigt Küpke wenig später bei einem Bremstest: Er beschleunigt den Bus auf 40 Stundenkilometer, um wenig später abrupt abzubremsen. Trotz der Vorwarnung sind Werner Oldenofe und Wladimir Geldt ein wenig erschrocken über die Heftigkeit. Dabei saßen sie sicher und fest.

Werner Oldenofe wurde ebenso wie sein Kollege Viktor Ferderer aus der Werkstatt für hörgeschädigte Menschen von Gebärdendolmetscherinnen begleitet, die alle Erläuterungen simultan übersetzen. Nicht für komplizierte Sachverhalte, aber für eine einfache Verständigung reicht eine kleine Einführung in die Gebärdensprache für die Busfahrer.

Konzept wird verbreitet

Bei sechs ganztägigen Schulungen mit je acht Teilnehmern (vier Busfahrer, zwei Mitarbeiter der Osnabrücker Werkstätten und zwei der Werkstatt für Hörgeschädigte) wird in diesen Wochen das Konzept erprobt. Anschließend soll es auf andere Zielgruppen wie ältere Menschen übertragen und weiteren Trägern der Behindertenhilfe und Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellt werden.

Wunsch aller Beteiligten ist es, die Schulungen in Osnabrück fortzuführen. In den Werkstätten gibt es jede Menge Interessenten, nicht minder bei den Stadtwerken. Mit den ersten Schulungen würden zehn Prozent der Busfahrer erreicht, sagt André Kränzke, Leiter des Fahrbetriebes. Schön wäre es, wenn alle 240 Busfahrer der Stadtwerke und später auch alle 700 der Verkehrsgemeinschaft Osnabrück daran teilnehmen könnten.

Bildtexte:
Wenn der Bus nicht abgesenkt werden kann, muss eine Rampe für Rollstuhlfahrer ausgeklappt werden. Uwe Küpke von der Busschule der Stadtwerke führt das Wladimir Geldt vor.

Erfahrungen im Alters-Simulationsanzug und Sehbehindertenbrille: Busfahrer Rainer Schilling tastet sich langsam nach mühevollem Einstieg vorwärts.

Die sicherste Sitzposition für Rollstuhlfahrer erläutert Uwe Küpke (stehend). Links sitzend die Gebärdendolmetscherin für den hörgeschädigten Werner Oldenofe (Bildmitte).

Fotos:
Hermann Pentermann
Autor:
Ulrike Schmidt


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