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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Flächen-Recycling in der Wüste
Zwischenüberschrift:
2004: Die Müllwerker gingen, Heime für junge Familien kamen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Im Stadtteil Wüste haben sich zwei " Hinterhöfe" zu städtebaulichen Vorzeigeobjekten gemausert.

Vor einem halben Jahr übergab Investor Johannes Külkens das " Weidencarrée" seiner Bestimmung. Er hatte das Areal des ehemaligen Gemüsegroßmarkts zwischen Weiden-, Adolf- und Auguststraße in ein Nahversorgungszentrum mit Büros
und Arztpraxen verwandelt. Dies sei nur zur Abgrenzung gesagt, denn heute soll die Zeitreise zu dem anderen neuen Carrée ganz in der Nähe führen: dem " Jahn-Carrée" zwischen Jahn-, Wüsten-, Kiwittstraße und Schnatgang.

Hier entstand zwischen 2004 und 2006 nach dem Auszug des Abfallwirtschaftsbetriebs ein mustergültiger Wohnpark mit 25 Reihenhäusern und 28 Eigentumswohnungen. Genau zwischen diesen Carrées liegt eine weitere Konversionsfläche: das Studentenwohnheim auf dem ehemaligen Gelände der Gasuhrenfabrik Kromschröder.

Industrie war zuerst da

An den drei genannten Quartieren lässt sich beispielhaft der Nutzungswandel ablesen, der sich in dem früheren Industriegebiet südlich der Martinistraße vollzog: Lange vor den städtischen Müllwerkern und den Gemüsehändlern verschwanden schon das Karosseriewerk Karmann und die Bettfedernfabrik Künsemüller von der Bildfläche und machten der Wohnbebauung oder wohnverträglichem Gewerbe Platz. Dass die Industriebetriebe " zuerst da waren", zählt in der langen Sicht nicht und unterliegt gegen die " Macht des Faktischen". In Streitfällen gaben die Verwaltungsgerichte häufig den Anwohnern recht, wenn die gegen Gewerbelärm klagten. Überall in Deutschland haben wachsende Städte Industrie und Gewerbe von ihren angestammten Flächen weiter nach außen an neu entstandene Peripherien gedrängt.

Im Falle des seit 1905 hier angesiedelten städtischen Fuhrparks und späteren Abfallwirtschaftsbetriebes (AWB) fühlten sich die Nachbarn durch die morgens um fünf geräuschvoll ausrückenden 33 Müllfahrzeuge und die ähnlich große Flotte der Straßenkehrmaschinen belästigt.

Zahlreiche Beschwerden gingen bei der Stadt und beim Bürgerverein Wüste ein. Dessen Vorsitzender Johannes Schmidt sprach von einem " Fremdkörper" im Wohnumfeld, zu dem der AWB geworden sei. Auch die Politik sah in einer Verlagerung große Chancen für eine nachhaltige Aufwertung der vorderen Wüste, zumal sich für den AWB gerade eine verlockende Alternative auftat. Die Baufirma Köster wollte ihren Sitz von der Hafenringstraße zum Burenkamp in Sutthausen verlagern. Mit dem Einzug in die alte Köster-Immobilie hätte der AWB es nicht weit bis zur Deponie Piesberg, die damals noch den städtischen Müll aufnahm. Auch die Müllverwertungsanlage der Firma Herhof, die als Nachfolgelösung für die Deponie bereits im Bau war, lag " gleich um die Ecke".

Die CDU war zunächst gegen den Umzug, da nicht klar sei, wie lange es den städtischen AWB überhaupt noch gebe. Angesichts der europaweiten Liberalisierung des Entsorgungsgeschäfts könne der AWB mit seiner üppigen Personaldecke gegen private Konkurrenz keinen Stich mehr bekommen, meinte Ratsherr Wolfgang Klimm (CDU). Fraktionschef Rainer Tenfelde störte sich daran, dass die Stadt zwischen 1996 und 2000 noch vier Millionen DM in bauliche Sanierungen und Erweiterungen des AWB an der Jahnstraße gesteckt hatte. Er sprach von stümperhafter Planung und warnte, was wohl der Steuerzahlerbund dazu sagen würde, wenn die Stadt bekennen müsste, mal eben vier Millionen " in den Sand gesetzt" zu haben. Die Verwaltung präsentierte daraufhin eine Wirtschaftlichkeitsberechnung, die zu dem Ergebnis kam, dass der Umzug sich trotz der Sonderabschreibungen schnell amortisieren werde.

Rot-grüner Beschluss

Mit rot-grüner Mehrheit fasste der Rat den Verlegungsbeschluss. An einem Wochenende im Februar 2004 zogen die Müllwerker und Straßenkehrer zum Hafengebiet West um, und schon wenige Wochen später ließ der Investor, das Köster-Tochterunternehmen " Grundwerte & Projektideen", die Abrissbagger anrollen. Nach dem Entwurf des dänischen Architekten Carsten Lorenzen entstand auf 9000 Quadratmetern für 13, 5 Millionen Euro ein Wohnquartier mit innovativen Grundrissen und abwechslungsreich bunten Fassaden. Das " Vorzeigeprojekt für familienfreundliches, zentrumsnahes Wohnen" gewann einen bundesweit ausgelobten Preis der LBS-Bausparkasse. Es stieß auf lebhafte Nachfrage und war nach kurzer Zeit komplett belegt.

Bildtexte:
Bunte Farbtupfer in der Wüste: Von 2004 bis 2006 entstand an gleicher Stelle ein mehrfach ausgezeichneter Wohnpark mit begrünten Dachterrassen. Der Entwurf kombiniert Blockrand- mit Zeilenbebauung, sodass Sichtverbindungen zum grünen Innenhof bleiben. Der Blickwinkel ist gegenüber der historischen Aufnahme von 2001 etwas nach rechts gedreht.

Vor 12 Jahren war das heutige Jahn-Carree noch Heimat der Müllabfuhr. Zur Orientierung: Jahnstraße (links), Kiwittstraße (oben), Schnatgang (rechts) und Wüstenstraße (unten) umschließen den Städtischen Fuhrpark mit seinen Garagen, Werkstätten, Verwaltungs- und Sozialräumen und der Betriebstankstelle mitten auf dem Hof. Am linken Bildrand erkennt man die Flachdächer des Studentenwohnheims. Foto: Hermann Pentermann (Archivbild 2001)

Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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