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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die tote Ecke am Neumarkt
Zwischenüberschrift:
Das grüne Geschäftshaus mit den Kacheln und der darin ansässige Einzelhandel verkommen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Der alte Glanz der grünen Kacheloptik ist verblasst, das Eckhaus Neumarkt 14 der Schandfleck der Osnabrücker Innenstadt. Weil das Geschäft lahmt, haben einige Läden im Erdgeschoss bereits geschlossen. Andere ziehen in Kürze aus.

Als das Gebäude 1966 entstand, war seine grüne Kachelfassade modisch der letzte Schrei. Heute ist nicht wenigen Osnabrückern tatsächlich zum Schreien zumute angesichts des miserablen Zustands, in dem sich das fünfgeschossige Eckhaus gegenüber von historischem Landgericht und hochglänzendem Neumarkt-Carré befindet. Farbe bröckelt von der Wand, in allen Ecken sammeln sich Staub, Schmutz und Spinnweben, auf dem Boden kleben Kaugummis, unter den Arkaden quellen Aschenbecher und Abfalleimer über, stehen ganze Ladenlokale leer. Die Vitrinen zur Johannisstraße: kein Schaufenster für blühenden Einzelhandel, sondern wilde Litfaßsäulen. Der Bürgersteig entlang des Neumarkts: keine einladende Shopping- und Flaniermeile, sondern Müllsammelplatz und Behelfsbushaltestelle. Kein Zweifel: Dieses Stück City ist furchtbar hässlich und mausetot.

" Ein Kunde nannte es mal die , Bronx von Osnabrück′", sagt Karl-Heinz Trippe, " dabei war das Ganze hier einst eine tolle Lage ich will nicht sagen 1a, aber doch 1b." Trippe ist Inhaber von " Hosen-Center", dem mutmaßlich ältesten Jeansladen der Stadt. Sein Geschäft befindet sich seit 40 Jahren an dieser Stelle. Als Dauermieter im Haus Neumarkt 14 erlebte es die Blütezeit des Gebäudes, aber auch dessen Verfall.

" Wir befanden uns damals zwischen Horten und Hertie", erinnert sich der 51-Jährige an eine längst vergangene Kaufhaus-Ära. Die Rolltreppen der Neumarkt-Passage spülten zuverlässig Kundschaft in das Fachgeschäft, wo es laut Trippe " für jeden Hintern eine Hose" gibt. Die Stammkundschaft ist treu bis heute. " Der Laden funktioniert nach wie vor sehr gut", sagt der Geschäftsführer. " Das Problem ist nur: Seit am Neumarkt das Einkaufscenter in Planung ist, wird mit diesem Haus Monopoly gespielt. Es ist nur noch Spekulationsobjekt." Um Millionen werde da geschachert Geld, das eigentlich einmal in die Renovierung des heruntergekommenen Baus gesteckt werden sollte. Viele Versprechungen habe es gegeben, gehalten wurde keins. Am Ende sei das Haus Eigentümerwechseln und Erbstreitigkeiten zum Opfer gefallen. " Das sollte richtig schön gemacht werden mit Sandsteinfassade und neuem Treppenhaus. Aber da ist nie was draus geworden." Heute wird das Gebäude vom Shoppingmall-Investor MFI vermietet, der dem Vernehmen nach einen Abbruch im März 2014 erwägt. Den Vertrag mit den Essenern hat Karl-Heinz Trippe deshalb vorauseilend zum Jahresende gekündigt: Das Hosen-Center zieht um. Eine neue Heimat findet es im alten Sparkassengebäude an der Krahn straße 10, gegenüber der Eisdiele Fontanella. " Passend zum Start des Weihnachtsmarktes sind wir drin", kündigt Inhaber Trippe an. In einer Zeit, wo er rund um Neumarkt 14 Gerichtsvollzieher Bares abholen sehe, sei der künftige Standort zweifellos die bessere Innenstadt-Adresse. " Das ist ein wesentlich gepflegteres Umfeld. Da fühlen wir uns auch wohler."

Einfach umziehen, ohne die zentrale Lage seines Geschäfts aufzugeben und dadurch zahllose Kunden zu verlieren das würde auch Menduh Hyseni gerne. Für den Betreiber des Automaten-Casinos " City Treff" jedoch ist das Geschäft am Neumarkt 14 existenziell. " Davon lebe ich. Diese Spielhalle hält die ganze Firma über Wasser." Die von ihm geführte Mendos GmbH unterhält noch zwei kleinere Filialen in Atterstraße und Lotter Straße. Doch mit drei bis vier Dutzend Besuchern, die sich täglich an den zwölf Geldspiel-Automaten tummeln, ist das Kasino im Kachelhaus das wichtigste Standbein. Sechs Mitarbeiter beschäftigt der 36-jährige Kosovare am Neumarkt 14. " Wenn ich hier schließen muss, sind deren Jobs in Gefahr und die ganze Firma."

Immerhin scheint seine Kasse noch mehr zu klingeln als beim Textilhändler " Kiss Me". " Das ist eine tote Ecke, hier läuft gar nichts", schimpft ein Verkäufer. Das Geschäft mit der preiswerten Trendmode sei an dieser Stelle " eine Katastrophe": gestern 120 Euro, heute 60 Euro, und morgen? " Jeden Tag minus, minus, minus das lohnt nicht und macht nur Kopfschmerzen." Neidisch schaue er in die Große Straße. Dort brummten die Läden. Doch Geld verdienen könne man dort als kleiner Einzelhändler wohl auch nicht, mutmaßt der Mann. " Die andere Straßenseite ist zu teuer. Die zahlen dort fünfstellige Monatsmieten, das können sich doch nur die großen Ketten leisten."

Doch nicht nur Fachgeschäfte haben es schwer im Haus Neumarkt 14. Die Reisebank verlässt das Gebäude nach Informationen unserer Zeitung bereits Ende September. Und selbst die Imbissstuben darben: Die Dönerbude " Dadas" sperrt für vier Wochen ab dicht bis Mitte August. Die Waffelbäckerei " Waffel # 1", Erfinderin des fruchtig-süßen Kebabs, stöhnt wegen der ausbleibenden Kundschaft. " Könnte besser sein", antwortet Geschäftsführerin Kawsar Kamal kurz und knapp auf die Frage, wie denn die Geschäfte im Kachelhaus gehen. Dabei hat " Waffel # 1" erst im Februar hier eröffnet.

Bildtexte:
Unappetitlich und abschreckend: ein Aschenbecher unter den Arkaden.

Mit platt getretenen Kaugummis übersät ist der Bodenbelag unter den Arkaden.

Der Jeansladen " Hosen-Center" befindet sich seit 40 Jahren an dieser Stelle. Zum Jahresende zieht er mangels Perspektive in die Krahnstraße um.

Fotos:
Jörn Martens


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