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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
"Ich will ein Zoodirektor zum Anfassen sein"
Zwischenüberschrift:
Michael Böer hat am Schölerberg in Osnabrück seinen Traumjob gefunden
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Am 1. Juni ist Michael Böer ein Jahr Direktor des Zoos Osnabrück. Mit unserer Zeitung sprach der 59-Jährige über seine kindliche Begeisterung für Tiere, seinen Führungsstil und das Geheimnis des Erfolgs.
Herr Böer, was mögen Sie lieber: Menschen oder Tiere?
Schwer zu sagen, da muss ich überlegen. Ich mag beide Spezies sehr, jede auf ihre Art und Weise. Menschen neigen dazu, sich über die Natur zu stellen, anstatt sich als Teil von ihr zu verstehen. Das widerstrebt mir. Ich möchte mein großes Vorbild Bernhard Grzimek zitieren, den ich zweimal in meinem Leben getroffen habe: einmal als ich 10 war, und dann als Student auf einer Fachtagung. Er hat mir gesagt: " Böer , über Tiere können Sie alles lernen. Aber die schwierigste Tierart ist der Mensch." Damals, mit 22, habe ich das nicht begriffen heute schon.
Welche tierischen Eigenschaften wünschen Sie sich bei den Menschen?
Die Empathie der Gorillas und die Gelassenheit von Kamelen.
Wenn Sie ein Tier sein dürften, welches wäre das?
Ein Wolf. Er hat Ausdauer, verteidigt sein Territorium konsequent und ist widerstandsfähig gegen Kälte und Hitze. Seine Wunden heilen schnell. Er setzt sich liebevoll und aufopfernd für seine Kinder ein und ist in der Lage zu hochsozialisiertem Teamwork. Der Wolf ist mein absolutes Lieblingstier!
Woher kommt Ihre Leidenschaft für Tiere?
Sie gehören zu meinem Leben, seit ich ein kleiner Junge war. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken. Sie schenkte mir mein erstes Haustier: einen gelben Kanarienvogel, Hansi. Und dann gab es noch Peggy, eine Mittelschnäuzerhündin. Meine Mutter war wirklich eine Hundenärrin! Sie ging oft mit mir in Hagenbecks Tierpark und hat meinen Enthusiasmus gefördert. Mein Vater hatte es dagegen weniger mit Tieren, dafür mehr mit Wirtschaft. Mit meinem jetzigen Job hätte ich vermutlich beide zufriedengestellt.
Gibt es auch Tiere, die Sie nicht mögen?
Zecken. Parasiten im Allgemeinen stehen mir emotional nicht ganz so nah. Diese Geschöpfe können einen ganz schön quälen.
Sie sind jetzt ein Jahr in Osnabrück. Den früher vereinsgeführten Zoo übernahmen Sie in einer Phase des Umbruchs. Heute hat eine gemeinnützige Gesellschaft mit vielen Akteuren das Sagen. Wie klappt die Zusammenarbeit?
Wir haben eine sehr gute, übersichtliche und gut funktionierende Struktur mit Experten für alle Bereiche: unseren Geschäftsführer Andreas Busemann für das wirtschaftlich-kaufmännische Management und den Zoodirektor für Tiergartenbiologie und Wissenschaft. Eine gute Zusammenarbeit ist essenziell. Dank Herrn Busemann hat sich der Osnabrücker Zoo in den vergangenen 15 Jahren phänomenal entwickelt. Ich möchte meinen bescheidenen Anteil leisten, damit das so bleibt.
Gemeinsam wollen wir den Zoo im hohen Tempo weiter nach vorn bringen auch wenn wir dafür viel weniger Geld zur Verfügung haben als andere Zoos. Was Hannover und Hagenbeck mit zweistelligen Millionenbudgets anstellen, versuchen wir bisher mit gutem Erfolg einstellig. Das alles geht natürlich nur, wenn gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung da sind. Mein Eindruck aus den ersten Kontaktgesprächen mit dem Zoo Osnabrück hat sich diesbezüglich bestätigt: Der Umgang miteinander ist hier so offen und konstruktiv, wie ich es nirgendwo anders erlebt habe.
Ein Beispiel?
Wir führen regelmäßig Projektgespräche, um das Know-how der Tierpfleger maximal zu nutzen. Dabei werden Ideen entwickelt, die wir im B-Plan des Zoos verwirklichen.
Der Zoo hat einen Plan B?
Den B-Plan haben wir neu eingeführt. Darin bündeln wir zurzeit 38 kleinere und leicht umsetzbare Vorhaben, die den Rest des Zoos voranbringen sollen abseits von all den großen Projekten, die im Masterplan verankert sind. So haben wir etwa beschlossen, im Südamerika-Bereich aus der alten Tropenhalle eine Trockensavanne zu machen, die uns jährlich 8000 Euro Heizkosten spart. Oder den Klammeraffen-Bereich am Haupteingang zu vergrößern, indem wir Scheiben versetzen. Das kostet uns fast nichts, bietet aber auf Anhieb 40 Quadratmeter mehr Platz für die Tiere.
Es macht mir Freude zu sehen, mit welcher Begeisterung die Mitarbeiter ihre Ideen einbringen. Der B-Plan, für den in diesem Jahr 30 000 Euro aus dem Einnahmenpool zur Verfügung stehen, ist eine tolle Möglichkeit, die Belegschaft an der Entwicklung des Zoos zu beteiligen. Sie bei manchen Projekten laufen zu lassen und zu sagen: macht mal! das motiviert ungemein.
Dennoch gibt es Dinge, die nur ein Zoodirektor entscheiden kann und muss.
Ich versuche, zu meinen Mitarbeitern ein ausgewogenes Arbeitsverhältnis aufzubauen, das von gegenseitiger Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft geprägt ist. Gerade wenn man etwas mit dem Herzen will, muss man sich selbst zurücknehmen können. Aber wahr ist auch: Als Zoodirektor bin ich verantwortlich für das Wohlbefinden der Tiere. Ist ihr Schutz gefährdet, würde ich notfalls mit dem Kopf durch die Wand gehen. Im Alltag bin ich jedoch der Letzte, der stets sagt: Wir machen es so, wie ich das will!
Es gibt ein zoologisches Leitungsteam . . .
. . . mit dem ich mich in wesentlichen Entscheidungen abstimme. Dazu gehören der Zooinspektor, der meine rechte Hand ist im täglichen Routinebetrieb, außerdem der Zootierarzt und zwei wissenschaftliche Assistenten. Auch die Meinung der Tierpfleger ist mir sehr wichtig. Erst kürzlich habe ich mich von meinen Mitarbeitern eines Besseren belehren lassen, als es darum ging, zwei Wölfinnen in eine Gruppe Rüden zu integrieren. Ich wollte warten, bis die Männchen beide Fähen akzeptieren, aber die eine wurde verdrängt und nur gebissen. Irgendwann haben die Pfleger mir klargemacht, dass die Tiere unter dieser Situation zu sehr leiden. Es ist mir gerade noch rechtzeitig gelungen, mich von meiner Meinung zu lösen und auf meine Kollegen zu hören.
Kommunikation spielt für Sie eine große Rolle.
A bsolut. Kommunikation zwischen Menschen ist sehr wichtig. Ich selbst kommuniziere nicht immer gerne. Ich brauche auch Ruhephasen, um nachzudenken über das, was ich selbst möchte und was andere wollen. Dazu gehört auch die Öffentlichkeit.
Wie meinen Sie das?
Seit ich in Osnabrück bin besonders aber in den vergangenen Monaten habe ich gelernt, wie wichtig der Blickwinkel der Öffentlichkeit ist. Bisher habe ich da konservativer gedacht. Jetzt erkenne ich, dass wir auch brisante Themen offen mitteilen müssen. Die Menschen haben ein Recht darauf zu erfahren, was wir hinter den Kulissen mit den Tieren machen und planen. Wir arbeiten als Zoo-Wissenschaftler ja nicht im Elfenbeinturm. Als Zoodirektor muss mich interessieren, was die Menschen wollen. Und sie wollen vor allem eins: Bescheid wissen. Wenn ich bei meinen Rundgängen von Besuchern etwas gefragt werde, dann antworte ich und erkläre. Ich möchte ein Zoodirektor zum Anfassen sein.
Sie spielen auf die Diskussion um die Osnabrücker Elefanten an. Ihr Plan, Afrikaner gegen Asiaten zu tauschen, stieß nicht bei allen auf Gegenliebe.
Das Thema Elefanten ist ein Beispiel für die Frage, was ein Zoodirektor entscheiden muss. Ich habe seit 1976 ständig mit Elefanten zu tun, kenne beide Arten. Ich habe vier Elefantengeburten erlebt, auch schwere, und ich habe die erste Bluttransfusion bei Elefanten gemacht. Diese Erfahrung schafft Mut für Entscheidungen. Trotzdem habe ich sie nicht einsam getroffen. Alles ist in Absprache mit den Verantwortlichen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms geschehen. Ich habe mich bei Kollegen in anderen Zoos vergewissert und auch meine Mitarbeiter im Elefantenhaus stets informiert. Mit ihnen habe ich meine Entscheidungen hinterfragt: Das daraus resultierende Vertrauen zwischen Tierpflegern und Leitungsteam kommt letztlich den Elefanten selbst zugute.
Der Zoo Osnabrück befand sich beim Thema Elefanten in einer Sackgasse: Wir hatten fünf Afrikaner, die sich nicht vertrugen, und eine Zucht war nicht möglich. Mir war klar, dass es so nicht weitergeht. Ich möchte Elefanten im Familienverband zeigen. Und wir müssen ihre Sozialdynamik in der Wildbahn simulieren. Da zieht ein Verband umher, Tiere trennen sich und bleiben nicht ewig und drei Tage zusammen.
Haben Sie sich über die Kritik von außen geärgert?
Nein. Ich habe Verständnis für die Trauer, die Zoobesucher empfinden, wenn sie sich von lieb gewonnenen Tieren verabschieden müssen. Aber auf Einzelschicksale kann ich keine Rücksicht nehmen. Außerdem ist die Bindung von Zoobesuchern zu den Tieren einseitig, auch wenn es einigen Menschen anders vorkommen mag. Man kann es nicht jedem Besucher recht machen, aber ich möchte es allen Elefanten recht machen. Bisher haben wir das eingehalten.
Dennoch läuft beim Elefantentausch zurzeit nicht alles wie gewünscht.
Die uns zugeteilten, zuchtfähigen Tiere aus Emmen konnten wir nicht nehmen, weil sie möglicherweise an Tuberkulose erkrankt sind. Dennoch gehe ich davon aus, dass wir bis Jahresende sechs asiatische Elefanten in Osnabrück haben werden. Der Tbc-Test bei Zuchtbulle Luka fiel negativ aus. Er wird aus Spanien kommen, sobald der Umbau hier abgeschlossen ist. Das ist definitiv.
Der potente Dickhäuter wird auf lauter Geschlechtsgenossen treffen.
Unser Beitrag zur Erhaltung dieser besonders bedrohten Elefantenart ist nicht nur, sofort Kälber zu züchten, sondern auch anderen Zoos überzählige Population vorübergehend abzunehmen. Bis wir passende Weibchen gefunden haben, kann sich Luka als Kinder- und Jugendpfleger betätigen.
Wann erleben wir in Osnabrück die erste Elefantengeburt?
Wenn man die richtigen Tiere zusammenhat, kann die Zucht wie von selbst losgehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit verfügen wir in zwei bis drei Jahren über eine geeignete Mutterlinie. Die Aussichten sind sehr gut, dass wir in spätestens fünf Jahren eigenen Nachwuchs im Elefantenrevier haben.
Sie geben das Stichwort: Wie sieht der Osnabrücker Zoo in fünf Jahren aus?
Das Geheimnis unseres Erfolges war und ist, dass wir Familien für uns gewinnen können. Ich weiß noch, wie ich selbst als Kind in Hagenbecks Tierpark ständig auf einer alten Wellenrutsche hinuntergesaust bin die war mir fast wichtiger als der große sibirische Tiger nebenan. Ich verstehe deshalb unseren Geschäftsführer auch so gut, wenn er sich besonders um das Wohl der Kinder im Zoo s orgt. Wir bieten schon jetzt viele Möglichkeiten zum Spielen und Toben . So lernen Kinder leichter über Tiere als durch Frontalunterricht. Pädagogik hatte schon immer einen hohen Stellenwert im Osnabrücker Zoo, der Bereich kann aber durchaus noch ausgebaut werden.
Es wird auch darum gehen, noch mehr naturnahe Anlagen vorzuhalten, in denen wir Tiere nicht einzeln, sondern im Sozialverband zeigen: Familien, Gruppen, Herden, verschiedene Geschlechter und Generationen. Die Besucher können sich so besser in den Tieren wiederfinden, das ist zoo didaktisch sehr wichtig. Wir wollen den Besuchern möglichst viele Brücken bauen, um Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier zu entdecken. Das ist unsere Hauptaufgabe als Zoo in der modernen Bildungs- und Wissensgesellschaft: den Menschen klarzumachen, dass sie Teil der Natur sind.

Was haben Sie sich konkret vorgenommen?
Ich möchte einen in sich lebendigen Tierbestand mit regelmäßiger Nachzucht etabliere n. Das bedeutet eine wesentliche Bereicherung für das Verhalten der Tiere: Familienleben und Erziehung können nicht nur Menschen ausfüllen, sondern auch Tiere. Wir wollen Wissenschaft und Forschung im Zoo sofort nutzbar machen. Zum Beispiel plane ich, über die Analyse von Hormonen im Kot Daten zu gewinnen über Elefanten in der Pubertät. Das ist bislang völlig unerforscht. Oder durch den Einbau einer 5, 5-Tonnen-Waage die Gewichtsentwicklung der Elefanten für den Besucher sichtbar zu verfolgen. Ich kenne keinen Zoo, wo das möglich ist.
Darüber hinaus haben wir vor, andere bedrohte Tiere nachzuzüchten und in ihrer Heimat auszuwildern: Tapire in Ecuador, Luchse in Polen und den Nerz in Niedersachsen. In fünf Jahren ist unsere Nordamerika-Anlage fast fertig, wenn es gut läuft. Wir werden eine neue Menschenaffen-Anlage haben und Sumatra-Tiger 2016 hoffentlich das erste Tigerbaby. Und wir vergrößern die Elefantenanlage, sobald wir hier Nachwuchs haben.

Bildtext:
Sieht die Dinge positiv, aber nicht immer rosarot es sei denn, es handelt sich um Flamingos: Michael Böer ist seit einem Jahr als Direktor verantwortlich für Tiergartenbiologie und Wissenschaft im Osnabrücker Zoo.

Foto:
Jörn Martens

Autor:
Sebastian Stricker


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