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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Hier trank das Domkapitel Rotwein
Zwischenüberschrift:
Der "Niedersächsische Hof"
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Einige Traditionshotels wie das Hohenzollern, Klute oder Westermann wurden nach den Kriegszerstörungen wiederaufgebaut und bestehen bis heute fort. Andere sind spurlos verschwunden. Eines aus dieser Kategorie zeigt die historische Ansicht der Herrenteichsstraße aus dem Jahr 1934: das Hotel Niedersächsischer Hof.

In der stadtgeschichtlichen Literatur ist wenig bis gar nichts darüber zu finden. Nicht so schlimm, denn zum Glück gibt es Margareta Pörtner, die Tochter des letzten Hoteliers Ferdinand Pörtner. Die heute 86-jährige Dame hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, das alle Aufzeichnungen überflüssig macht. Sie war sechs Jahre alt, als ihre Eltern Ferdinand Pörtner und Bernhardina, geborene Hörnschemeyer, das gut eingeführte Haus 1932 von Ludwig Konersmann erwarben und ihren Wohnsitz von der Arndtstraße in die Herrenteichsstraße 15 verlegten. Ihr Vater stammte von einem Bauernhof in Bohmte, verfügte aber bereits über gastronomische Erfahrung, da er bis 1928 den " Oldenburger Hof" in der Hasestraße geführt hatte.

Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte Margareta in der Herrenteichsstraße. Großen Eindruck hinterließ die Straßenbahn, die direkt vor dem Haus entlang fuhr, quietschend und meistens recht langsam, wegen der Kurven und der beengten Verkehrsverhältnisse. Ein großer Spaß war es für Margareta und ihre Freundinnen, Zündplättchen auf die Gleise zu legen. Sie ergötzten sich daran, wie die Passanten erschraken, wenn die Straßenbahn darüber fuhr und es wie ein Pistolenschuss knallte.

Ihre Familie wohnte im ersten Obergeschoss hinter den sechs Fenstern, die auf der Straßenansicht des Hauses zu sehen sind. Darüber lebten im zweiten Stock die Großeltern. Der Eingang war von einem kleinen Kragdach geschützt. Das zierten die einzigen abends hinterleuchteten Reklametafeln der Straße. " Ferd. Pörtner" und " Dortmunder Union Bier" war dort zu lesen, und Margareta war mächtig stolz darauf.

Rechts vom Eingang lag das Restaurant und links das " Clubzimmer". Die Wände im Clubzimmer waren vollgehängt mit Bildern, die vom geselligen Leben der hier regelmäßig tagenden Vereine und Gruppen kündeten. Der Carolingerbund war darunter, und mancher Gesangverein. " Oft kamen auch die schwarz gekleideten Herren des Domkapitels und tranken hier ihren Rotwein", erzählt Margareta Pörtner, " deshalb hießen wir für einige einfach nur das Schwarze Haus′." Zum Ende der Schulzeit fielen die Abiturienten ein und veranstalteten ihre Kommerse, die Caro-Schüler genauso wie die vom Rats- und vom Realgymnasium oder von der Noelle′schen Handelsschule. " Mein Vater war gern mit den jungen Leuten zusammen, er hieß bei denen nur Don Fernando′, sie hatten ihren Spaß", erinnert sich die Tochter des Hauses, " er ließ Zigarren mit Banderolen für die jeweiligen Schulen ausstatten, eine Sorte waren zum Beispiel die Noellianer′."

Das eigentliche Gästehaus lag im Hof hinter der Straßenfront. Es war größer als das Vorderhaus und bot in drei Obergeschossen 32 Gästezimmern Platz. Bad und WC gab es nur einmal pro Etage, aber immerhin auf jedem Zimmer ein Waschbecken. " Immer wenn mal wieder ein Zimmer renoviert wurde, durfte ich mit zu Schauenburg & Lambrecht, schräg gegenüber und ein neues Tapetenmuster aussuchen", weiß die alte Dame noch genau.

Im Erdgeschoss des Hinterhauses lagen der Saal und das Frühstückszimmer für die Hausgäste. In dieses Frühstückszimmer musste Margareta Pörtner häufig die jüdischen Eigentümer des Textilhauses Alsberg begleiten, Max Katz, Ludwig Stern und Gustav Falk. Mit Einsetzen der Boykott-Hetze gegen jüdische Geschäftsleute wagte es, so Margareta Pörtner, kein Osnabrücker Gastwirt mehr, sie in ihren öffentlichen Gasträumen zu bedienen. Margareta musste die Herren, die später ihr Geschäft an Lengermann und Trieschmann verkauften, durch den Kellereingang des Vorderhauses in den Hof und dann in den Frühstücksraum geleiten, wo sie ungestört und unbeobachtet ihr Mittagessen einnehmen konnten.

Der Saal war oft mit Hochzeiten, Sängerfesten und Weihnachtsfeiern belegt. Wenn der Domchor seine Adventsfeier beging, war Bischof Berning regelmäßig Gast. " Dann mussten wir immer einen extra hohen Sessel für ihn holen", so Pörtner.

Palmsonntag 1945 wurde alles zerstört. Ferdinand Pörtner hatte nicht den Mut zu einem Wiederaufbau an alter Stelle. Er pachtete in seinem Heimatort Bohmte die Bahnhofsgaststätte, bevor er 1952 wieder nach Osnabrück zog und noch einige Jahre die Gaststätte Gildebräu an der Hasestraße (heute Nachtclub Parisiana) betrieb. Der vormalige Niedersächsische Hof wurde an das Möbelhaus Lahrmann verkauft.

Bildtexte:
Der Niedersächsische Hof, in der Herrenteichsstraße kurz vor dem Nikolaiort gelegen, gehörte einst zu den renommierten Hotel- und Saalbetrieben in der Osnabrücker Innenstadt. Ansichtskarte (1934) aus dem Privatbesitz Margareta Pörtner

Der geschwungene Verlauf der Straße ist das Einzige, was man auf dem aktuellen Vergleichsfoto wiedererkennen kann.

Foto:
Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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