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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Als die Lust an der Exotik die Stadt eroberte
Zwischenüberschrift:
April 1913: Die große Kolonialausstellung lockte Osnabrücker in Massen in die Stadthalle
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die Stadthalle am Kollegienwall war vom 18. bis 21. April 1913 Schauplatz einer großen Kolonialausstellung, die die Lokalmeldungen des Osnabrücker Tageblattes schon im Vorfeld über Wochen beherrschte.

Als spektakulärer Anziehungspunkt diente eine leibhaftige " Negerfamilie", die vor einem " echten Negerdorf" aus schilfgedeckten Hütten ihre Rundtänze aufführte. Gleich daneben wartete ein ostafrikanischer " Luwajäger" mit Beispielen seines " Kulturstandes" auf: Eine Reihe menschlicher Schädel, die auf hohe Stangen aufgespießt waren, belegten " sein blutiges Handwerk".

Auf das Osnabrücker Publikum wirkte die ausgestellte Exotik sensationell. Der Andrang war so stark, " daß zeitweise der Zutritt verwehrt und Hunderte von Personen unverrichteter Dinge wieder umkehren mußten", schrieb das Blatt. Veranstalter der Ausstellung war die Deutsche Kolonial-Gesellschaft in Verbindung mit dem Kolonial-Frauenbund. Sie wollten damit " koloniales Interesse wecken" und " deutschen Geist und deutsche Sprache in unseren Kolonien stärken". " An dieser großen nationalen Aufgabe mitzuarbeiten, sollte Ehrenpflicht aller deutschfühlenden Frauen und Männer sein."

Daneben war wohl auch beabsichtigt, " unsere in jähem Aufschwunge begriffene Industrie" in ihren Handelsinteressen zu unterstützen. Im Grünen Saal waren verschiedenste Kolonialwaren ausgestellt wie Usambara kaffee, Kamerunkakao, Bananenkakao, " deutsche Kolonialschokolade" und Kokosnüsse. Osnabrücker Firmen zeigten ihre aus kolonialen Rohstoffen hergestellten Waren. So die Seifenfabrik Frömbling eine aus Palmkernen und Kopra produzierte Seife, Lange & Lehners Kokoskuchen und Sojabohnen aus Deutsch-China sowie Sisal-Agaven für die Gewinnung von Tauwerk. Die Weberei Hammersen präsentierte eine Abfolge der Verarbeitungsschritte von der Rohbaumwolle bis zum fertigen Kleiderstoff. Die Pelzwarenfirma Heinrich Schrader glänzte mit einer Reihe ausgestopfter Wild- und Nutztiere wie Löwe, Tiger und Leopard neben " zierlichen Persianer-Schafen". Beste Unterhaltung war im " Goldgräberlager" garantiert, " wo reizende Goldgräberinnen in der ansprechenden Tracht des Wilden Westens verschiedene Biere kredenzen".

Sehr empfohlen wurde auch der Besuch des Kabaretts im Kaisersaal. " Neben den Kriegstänzen der Indianer und Südsee-Insulaner fesseln Balladen aus dem Wunderlande Indiens das Auge.

Über die " Bevölkerungsvorgänge" im Monat März teilte das Standesamt mit: 158 Lebendgeborenen standen 74 Sterbefälle gegenüber. Bei den Todesursachen dominierten Krankheiten der Atmungsorgane (8 Fälle), Tuberkulose (6), Keuchhusten (4), Diphterie und Krupp (4). Weniger oft war Tod durch Kindbettfieber zu beklagen (1 Fall), durch Magen-Darm-Katarrh (1) und durch " Verunglückung oder andere gewaltsame Einwirkungen" (2). Es bleibt eine große Restmenge von 48 " sonstigen Krankheiten". Im Vergleich zu heutigen Statistiken fällt auf, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen (2011 verantwortlich für 40, 2 Prozent aller Todesfälle) und Krebserkrankungen (26 Prozent) vor hundert Jahren noch nicht explizit erfasst wurden.

In einem Leserbrief wird das " unsinnige Rasen" vieler Automobile auf der Bramscher Straße beklagt. Besonders kritisch sei es an der Haster Mühle mit der sehr schmalen Brücke über die Nette. Wenn ein Auto und ein Fuhrwerk sich dort begegneten das Auto " wie gewöhnlich in toller Fahrt" und wenn das Auto dann auch noch " sein Warnungssignal erst kurz vor dem Gespann" gebe, so sei ein Scheuen des Pferdes nicht ausgeschlossen. Fußgänger auf der Brücke gerieten dadurch in größte Gefahr. " Wodurch entstehen denn so viele Automobilunglücke?", fragt der Leserbriefschreiber und gibt sogleich die Antwort: " Dadurch, dass infolge des scharfen Fahrens die Bremse nicht mehr rechtzeitig in Wirksamkeit gesetzt werden konnte!" Behördlicher Schutz vor der Unsitte des Rasens wird gefordert, und zwar bald, denn mit dem begonnenen Frühling werde der Autoverkehr immer größer. Und das, wo die Anlieger der Bramscher Straße doch so schon genug Unannehmlichkeiten " durch Aufwirbelung von Staub und Benzingeruch" zu erdulden hätten. Wo bleibe da die Gerechtigkeit gegenüber den Hausfrauen, denen das Teppichklopfen nach der Straße hin streng verboten sei?

Ein weiterer Leserbrief lenkt die Aufmerksamkeit auf das häufige Fehlverhalten der Radfahrer an der Bramscher Straße. Sie benützten, " ohne das landrätliche Verbot zu achten, statt des Fahrdammes das Bankett zur Seite der Straße". Wenn Passanten nicht schnell genug auswichen, würden sie obendrein noch " mit ungehörigen Redensarten" bedacht. " Nötig ist unbedingt ein Beamter", so endet die Leser zuschrift, " der hin und wieder die Straße bis etwa
zum Schmied im Hone′ abgeht."

Wenn Mitglieder der kaiserlichen Familie auf der Bahnreise durch Osnabrück kommen, dann ist das allemal eine Erwähnung wert. " Prinz Heinrich von Preußen passierte gestern vormittag auf der Rückkehr von England über Vlissingen nach Kiel den hiesigen Bahnhof. Ferner berührte gleichfalls gestern morgen Prinz August Wilhelm, der viertälteste Sohn des Kaisers, auf der Fahrt nach dem Schießplatz Meppen die hiesige Station."

Frischer Unmut regt sich darüber, dass die Gossen der Großen Straße gefegt wurden, ohne zuvor auch nur einen Tropfen Wasser zu versprengen, " sehr zum Unwillen der Passanten, die in großem Bogen die aufwirbelnden Staubwolken umgehen mussten". Der Artikelschreiber erinnert daran, dass " Wassersprengen beim Straßenkehren eine der elementarsten hygienischen Forderungen" sei, und bittet die Stadtverwaltung um künftige Beachtung.

In der Ratgeber-Ecke erfährt der Leser, was er gegen die alljährlich im Frühjahr aufkommende Ameisen-Plage tun kann. Wolle er die Ameisen nur von bestimmten Räumlichkeiten fernhalten, so streue er " gutes Persisches Insektenpulver", Kampfer oder Kerbelkraut aus. Sollen die Ameisen aber getötet werden, so müsse man die Nester oder Zugänge ausfindig machen und mit kochendem Seifenwasser übergießen. Man könne aber auch ein Gemisch von Zucker und Pottasche in mehlartiger Form ausstreuen.

Bildtext:
Einen Riesenandrang erlebte das Osnabrücker Vereinshaus, die Stadthalle am Kollegienwall, als dort vom 18. bis 21. April 1913 eine große Kolonialausstellung zu sehen war.

Foto:
Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück
Autor:
Joachim Dierks


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