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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Die zweite IGS soll kommen – aber wohin?
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An den potenziellen Gesamtschul-Standorten regt sich der Widerstand
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Nach der Landtagswahl ist vor der IGS-Einführung. Die Landesregierung möchte mehr Integrierte Gesamtschulen in Niedersachsen installieren, und SPD und Grüne in Osnabrück wollen da gerne mitmachen.

" Wir sind jetzt optimistisch, dass es in Osnabrück in absehbarer Zeit zu einer dritten Gesamtschule kommen kann", sagte Volker Bajus (Grüne) am vergangenen Mittwoch, nachdem SPD und Grüne einen Gesetzentwurf zur Änderung schulrechtlicher Vorschriften in den Landtag eingebracht hatten. Der sieht vor, dass eine Vierzügigkeit in besonderen Fällen auch Dreizügigkeit für die Bildung einer IGS ausreicht. Zudem sollen Gesamtschulen in Zukunft wieder in 13 Jahren zum Abitur führen. Die Änderungen sollen die Errichtung von Gesamtschulen erleichtern. Landtags- und Stadtratsmitglied Bajus will denn auch spätestens im kommenden Jahr eine Entscheidung zum Thema Integrierte Gesamtschule in Osnabrück.

In den Startlöchern

Die Sozialdemokraten stehen ebenfalls in den Startlöchern. Folgt man ihrem schulpolitischen Sprecher Jens Martin, ist bei der SPD die Frage nach dem " Ob" längst abgehakt. Bleibt nur noch das " Wo, Wann" und " Wie".

Osnabrücks Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski ist zwar auf die anstehende Gesamtschuldiskussion in der Hasestadt vorbereitet, betont aber zugleich, dass sie mit einer endgültigen Entscheidung gerne noch warten möchte, bis der Landkreis seine Befragung zur Schulentwicklung abgeschlossen und ein Konzept erarbeitet hat. Der Einwand scheint berechtigt, da vor allem die Gymnasien in der Stadt etliche Schüler aus dem Landkreis auf das Abitur vorbereiten.

Auch in der CDU möchte man zunächst einmal auf den Landkreis warten. Die christdemokratische Fachfrau für Schulfragen, Brigitte Neumann, sieht derzeit auch gar keinen Bedarf für eine dritte Gesamtschule und eine zweite IGS. " Der Elternwille ist ein wichtiger Faktor", sagt Neumann. Und der besage, dass mehr als 50 Prozent der Eltern potenzieller Gymnasiasten ihre Sprösslinge lieber auf einem klassischen Gymnasium als auf einer IGS sehen möchten. Und noch ein Punkt bewegt Neumann: " Wir haben in unseren Schulen einen immensen Sanierungsstau. Da müssen wir uns fragen, ob wir uns eine zweite IGS überhaupt leisten können."

Ideologische Diskussion

Die FDP würde einen Vorstoß der SPD ebenfalls nicht unterstützen. " Das ist Politik mit der Brechstange", sagt Thomas Thiele. Die Gesamtschuldiskussion sei eine ideologische und habe mit den Menschen nichts zu tun.

Während das " Ja" zur Gesamtschule von SPD und Grünen bereits vollmundig verkündet wird, erlegt man sich in der Standortfrage schon fast aristokratische Zurückhaltung auf. Man wolle zunächst mit den betroffenen Schulen sprechen, so Bajus und Martin unisono.

Auf einen Empfang mit offenen Armen dürfen sie allerdings nicht hoffen. Drei Standorte werden immer wieder genannt, wenn das Gespräch auf das Thema Gesamtschule kommt: das Schulzentrum Sonnenhügel mit dem Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, der Wittekind-Realschule und der Felix-Nussbaum-Hauptschule; der Standort an der Gottlieb-Planck-Straße mit Graf-Stauffenberg-Gymnasium und Berta-von-Suttner-Realschule; sowie der Standort Wüste mit Gymnasium in der Wüste und Erich-Maria-Remarque-Realschule.

Große Freude über die mögliche Einrichtung einer IGS an ihrem Standort kommt bei keiner der infrage kommenden Schulen auf. Anne Gussenberg-Westermann, Leiterin der Wittekind-Realschule: " Die Schulen im Schulzentrum können schon jetzt nicht allen Elternwünschen nachkommen." Im Klartext: In jedem Schuljahr müssen Schüler abgelehnt werden, die gerne eine der drei Schulformen am Sonnenhügel besuchen möchten. Außerdem hält sie den Standort Sonnenhügel für ungünstig, weil es mit der KGS Schinkel und der IGS Eversburg schon zwei Gesamtschulen in unmittelbarer Nachbarschaft gebe.

" Mit uns nicht"

" Mit uns nicht." Das ist die klare Ansage vom Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium zum Thema IGS. Imke Loock, stellvertretende Schulleiterin, sieht nicht nur das Kollegium hinter sich, sondern auch Schüler- und Elternschaft. Loock betont die außergewöhnlich gute Kooperation mit den anderen Schulen im Schulzentrum, die auch eine unkomplizierte Durchlässigkeit zwischen den Schulformen einschließe. Sonnenhügel und Dodesheide seien zwei wachsende Stadtteile, die die drei eingenständigen Schulformen bräuchten. EMA und Wittekind seien nachgefragte Schulen mit besonderen Schwerpunkten, die so im Gesamtkonzept der Osnabrücker Schullandschaft erhalten bleiben müssten.

" Wir stehen der Umwandlung in eine IGS offen gegenüber." Karl Wurdel, der die Felix-Nussbaum-Schule leitet, hängt weitaus weniger an der Eigenständigkeit als seine Direktoren-Kollegen. Bedingt ist dieses Loslassenkönnen durch die besondere Situation an den Hauptschulen (Wurdel: " Es wird immer schwerer, an Hauptschulen zu unterrichten."). Eine Stellungnahme seines Kollegiums zum Thema IGS sei derzeit noch in Arbeit.

Wenn nicht im Schulzentrum Sonnenhügel, wo denn dann? Ebenfalls hoch gehandelt für einen IGS-Standort ist das Graf-Stauffenberg-Gymnasium mit der benachbarten Berta-von-Suttner-Realschule. Deren Leiter Martin Sandkämper zeigt sich aber auch schon als bekennendes Mitglied im IGS-Skeptiker-Chor. Die Eltern seiner Schüler hätten sich bewusst für die Schulform der Realschule entschieden. Das sei auch bei der jüngsten Infoveranstaltung für den neuen Jahrgang Anfang April deutlich geworden. Zugleich weist er auf einen Verdrängungsmechanismus hin, der einsetze, wenn an einem der Standorte eine IGS eingerichtet werde, da viele Eltern dann eine Ausweichmöglichkeit suchen würden. Ohne massive bauliche Veränderungen sei an der Gottlieb-Planck-Straße eine IGS ohnehin nicht möglich.

Nicht kampflos aufgeben

Und auch sein Nachbar, Josef Krotzek, Leiter des GSG, ist kein IGS-Fan für seinen Standort. Wenngleich er wie auch alle anderen Schulleiter die IGS für eine durchaus lobenswerte Schulform hält, kann er sich eine solche an seiner Schule nicht vorstellen. Das GSG sei eine akzeptierte Schule, die gute inhaltliche und konzeptionelle Arbeit leiste. " Wir würden unseren Standort nicht kampflos aufgeben", so die klare Aussage. Die Stimmung in der Wüste unterscheidet sich kaum von der an den anderen Standorten. Gymnasialleiter Jürgen Westphal: " Wir wachsen im Sekundarbereich I. Eine Umwandlung unserer Schule würde diesen Elternwillen auf den Kopf stellen."

Man solle doch bitte der IGS in Eversburg zwei bis drei Jahre Zeit lassen, sich zu entwickeln und dann über eine weitere Integrierte Gesamtschule nachdenken, argumentiert seine Nachbarin Gabriele Pinkernell, Leiterin der Erich-Maria-Remarque-Realschule. Pinkernell wünscht sich erst einmal " Ruhe in der Schulpolitik der Stadt".

Und wie wäre es mit einem ganz neuen Standort, einer zusätzlichen Schule? Eher unwahrscheinlich. Ein Neubau dürfte aus Kostengründen unmöglich sein. Zudem könnte der Verdrängungsprozess für andere Schulen existenzgefährdend werden.

Letztendlich wird der Elternwille das Maß aller Dinge sein. Eine weitere IGS neben dem Standort in Eversburg wird es nur geben, wenn der Bedarf nachgewiesen ist.

Bildtexte.
Das Schulzentrum Sonnenhügel wird als möglicher IGS-Standort gehandelt. Auf viel Gegenliebe stößt das Vorhaben hier aber nicht, ebenso wenig wie . . . Fotos:

. . . oder am Graf-Stauffenberg-Gymnasium.

. . . am Gymnasium in der Wüste . . .

Fotos:
Jörn Martens

Kommentar
Erst einmal alte Baustellen abarbeiten

SPD und Grüne wollen eine zweite Integrierte Gesamtschule. Form und Inhalt des IGS-Modells werden bei der Diskussion eine untergeordnete Rolle spielen. Die Standortfrage wird die Auseinandersetzung dominieren.

Keiner der bislang genannten Standorte wird ohne heftige Gegenwehr umzusetzen sein. Die Kollegien dort leisten hervorragende Arbeit und reagieren mit Recht sauer, wenn diese Arbeit durch Auflösung der eigenen Schule abgestraft würde. Motivation für den Job sieht anders aus.

Hinzu kommt, dass andere Schulen gemeinsam mit CDU und FDP im Stadtrat zu Recht fordern, doch bitte erst einmal die Baustellen abzuarbeiten, die ganz offensichtlich auf der Hand liegen. Das kostet viel Geld. Und dann noch eine IGS, die ohne bauliche Maßnahmen an keinem Standort umgesetzt werden kann? Der Kämmerer wird mit schreckgeweiteten Augen in seine Kasse blicken.

Die Landespolitik muss ebenfalls kritisch hinterfragt werden. Gerade Integrierte Gesamtschulen bedürfen einer opulenten personellen und sachlichen Ausstattung, soll das ihnen zugrunde liegende pädagogische Konzept erfolgreich umgesetzt werden. Ohne die Bereitschaft des Finanzministers, seiner Kollegin aus dem Bildungsressort einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu geben, wird auch diese schulstrukturpolitische Reform zum Rohrkrepierer. Davon gibt es aber schon genug in diesem Land, was berechtigten Frust bei Lehrern, Schülern und Eltern hervorruft.

Wenn man zudem den Eltern verspricht, dass ihre Kinder an einer Gesamtschule ihr Abitur in 13 Jahren machen dürfen, während sich der Gymnasiast in 12 Jahren zum Abi peitschen lassen muss, riecht das schwer nach einem kleinen Leckerli für eine Pro-IGS-Entscheidung. Mutig wäre es zu sagen, wir kippen G8 und machen wieder vernünftig Schule.

Autor:
Dietmar Kröger


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