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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Schutzturm für die Literatur
Zwischenüberschrift:
In seiner 500-jährigen Geschichte hat der Bürgergehorsam viel erlebt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Am 14. März 1726 ließ der Rat der Stadt einige ehrbare Bürger kurzerhand festsetzen und steckte sie in den " Bürgergehorsam". Die Vorsteher der Haselaischaft hatten dem Rat in der Frage der Bepflanzung der Landwehr Widerstand entgegengesetzt und die wohlweisen Ratsherren dadurch offenbar mächtig geärgert. In einem summarischen Verfahren machte der Rat also von seinem " Recht, störrische Bürger zur Raison zu bringen", Gebrauch und ließ die widerspenstigen Laischaftsvorsteher einsperren.

Alles Bitten und Klagen der Familienmitglieder half nichts. Die schalteten sogar den Vorstand der Nachbar-Laischaft, der mächtigen Heger Laischaft, ein mit der Bitte um Vermittlung, ebenfalls vergebens. Deren Wort- und Buchhalter wurde verwarnt und an seinen Bürgereid erinnert, wonach eine Einmischung in Dinge des Rates nicht statthaft sei. Erst am nächsten Tag ließ man die Häftlinge frei, nachdem sie eine ordentliche Geldbuße gezahlt hatten.

Doch zur Zähmung der Widerspenstigen war der Turm ursprünglich nicht gedacht. Er entstand 200 Jahre früher, von 1517 bis 1519, als vorgelagerter Schutz der Stadtmauern und des Natruper Tors. Diese Funktion erfüllte er gut. Als 1553 Philipp Magnus, Sohn des Herzogs Heinrich von Braunschweig, bereits die Iburg erobert hatte und im Zuge eines Streits mit dem Osnabrücker Bischof Franz von Waldeck nun auch die Stadt belagerte, beschoss er sie vom Gertrudenberg aus. Die Kugeln prallten von der kurz zuvor verstärkten Wallanlage und von den drei Meter dicken Mauern des Wehrturms wirkungslos ab. So konnte der Rat den Herzog wissen lassen, dass an eine Übergabe der Stadt nicht gedacht werde und Seine Fürstliche Gnade gegebenenfalls mit Osnabrücker " Kraut und Lot" (Pulver und Blei) Bekanntschaft machen würde. Der Herzog zog ab und verwüstete das Land. Die Stadt aber blieb, durch ihre starken Befestigungen geschützt, ungeschoren.

Im Zweiten Weltkrieg fielen auch nahe beim Bürgergehorsam Bomben, aber die dicken Mauern trugen keine Schäden davon. Nur der Turmhelm wurde abgedeckt. Im Januar 1950 mahnte das Osnabrücker Tageblatt, das Dach bitte schnell wiederherzustellen, wenn der Turm auch für kommende Generationen noch erhalten bleiben solle. Ein halbes Jahr später war dieses Ziel erreicht. Die historische Aufnahme zeigt den Bürgergehorsam mit neuem Dach, während die Dominikanerkirche links daneben noch deutliche Kriegsfolgen erkennen lässt.

Auch eine Kriegsfolge stellt in gewisser Weise die Notunterkunft für die Stadtbücherei vor dem Bürgergehorsam dar. Palmsonntag 1945 wurde der alte Standort der " Städtischen Bücherei und Lesehalle" im Westflügel des Schlosses vernichtet. Von ehemals 30 000 Bänden überlebten ganze 1000 in einem Keller. Sie waren der Grundstock für einen ersten Neubeginn nach dem Krieg in einem Raum des Museums. Doch das Museum brauchte den Platz selbst. So bezog die Bücherei die hier abgebildete Notbaracke auf dem Grünstreifen zwischen Hasemauer und Hasetorwall. Mit bescheidenen Mitteln und in ganz kleinen Schritten hier und da brachte ein Leser ein zu Hause gerettetes Buch zurück begann die Ausleihe der zunächst 1500 Bände, die nachgefragt wurden wie nie zuvor. Der Benutzerkreis erweiterte sich auf alle Teile der Bevölkerung, was auf die großen privaten Verluste an Büchern, aber auch auf die komplette geistige Neuorientierung zurückzuführen war.

Die Baracke bestand aus einem einzigen Raum für die Ausleihe, zum Lesen und für die Verwaltung. Der " Lesesaal" besaß genau ein zwölfbändiges Lexikon und führte eine Reihe von Zeitungen. Anfang 1950 wurde zu Bücherspenden aufgerufen. Ein aus acht Personen bestehender Beirat begann tatkräftig seine Arbeit an der " Stadtbücherei", wie die Einrichtung nun hieß. 1952 war der Bestand auf 7000 Bände angewachsen und erreichte 36 000 Entleihungen. Damit war die Baracke heillos überfordert. Für eine Übergangszeit zog die Bücherei in die erste Etage über der Metzgerei Bartlitz an der Großen Straße. 1953 wurde schon wieder umgezogen, diesmal in das ehemalige Offizierskasino am Ledenhof gegenüber dem Schloss. Das war ein großer Fortschritt. 22 000 Bände und 57 000 Entleihungen lauteten die Zahlen für 1958. Ein Jahr später ging die Bücherei in das Gebäude der ehemaligen Löwen-Apotheke Markt 6 (heute Remarque-Friedenszentrum), von wo aus sie sich in den benachbarten Neubau der Stadtkasse ausbreitete. Heute weist der elektronische Katalog der Stadtbibliothek 200 000 Titel aus.

Bildtexte:
In einer Baracke vor dem Bürgergehorsam war von 1946 bis 1952 die Stadtbücherei untergebracht. Links die kriegsbeschädigte Dominikanerkirche, rechts im Hintergrund das Stadtkrankenhaus (heute Stadthaus I).
Äußerlich unverändert hält der Rundturm seit 500 Jahren die Wacht.

Fotos:

Archiv Wido Spratte/ Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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