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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ruinen-Café bot Reisenden etwas Wärme
Zwischenüberschrift:
Das "Schaffeld" am Bahnhof
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Mit einem flotten " Coffee to go", der für den modernen Menschen unverzichtbar geworden zu sein scheint, hatte das Angebot des Ruinen-Cafés Schaffeld an der Eisenbahnstraße 18 wenig zu tun. Im Gegenteil. Bahnreisende, die 1946 eine lange Zugfahrt im Stehen auf überfüllten Plattformen oder Trittbrettern hinter sich gebracht hatten, waren froh über einen Sitzplatz bei einer wärmenden Tasse Kaffee-Ersatz.

Und sei es in einer ansonsten unwirtlichen Ruine. Wer den Krieg überlebt hatte, hatte auch gelernt, sich mit zerstörten Häusern zu arrangieren. Von 33 000 Wohnungen im Stadtgebiet waren nur noch 18 000 bewohnbar. Bewohnbar sah in vielen Fällen so aus: Bei Niederschlag mussten Eimer und Wannen aufgestellt werden, weil es durchregnete. Manche Zimmertür blieb vernagelt, weil man dahinter drei Stockwerke tief in den Keller stürzen konnte, und statt einer Treppe gelangte man über eine Leiter in sein luftiges Apartment.

Die Gegend um den Hauptbahnhof war besonders häufig Ziel alliierter Bombenangriffe gewesen. Als Etagenbahnhof im Kreuzungspunkt zweier Hauptbahnstrecken war er erstens leicht aus der Luft auszumachen, und zweitens konnte ein einziger Treffer den deutschen Nachschub gleich auf mehreren Linien empfindlich stören. Entsprechend sah es im Bahnhof aus. Er war so kaputt, dass im Rat der Stadt schon diskutiert wurde, ihn nicht wieder aufzubauen, sondern einen neuen Bahnhof am Niedersachsenplatz für die Nord-Süd-Linie zu errichten und den alten Hannoverschen Bahnhof für die Ost-West-Linie zu reaktivieren. Daraus wurde bekanntlich nichts, weil es das Umsteigen von einer Linie auf die andere gewaltig erschwert hätte.

Aber es sollte Jahre dauern, bis der Hauptbahnhof den Reisenden wieder das bieten konnte, was man von ihm erwartete. In der Empfangshalle watete man zunächst durch Lachen von dreckigem Wasser und Trümmer-Schlamm. Noch Anfang 1947 war nur der Wartesaal dritter Klasse wieder begehbar. Aber was sollte man dort? Er präsentierte sich als öde Halle ohne Stühle und Tische mit notdürftig geflicktem Gewölbedach. Immerhin war er nachts durchgehend beleuchtet, sodass gestrandete Reisende, ausgebreitet auf ihrem Hamstergut, sich etwas sicherer fühlen konnten. Die DRK-Baracke auf Bahnsteig 1, im Krieg zur Unterbringung schwer verwundeter Soldaten bei Transportunterbrechungen genutzt, hatte die Reichsbahn für eigene Verwaltungszwecke beschlagnahmt. Auf dem Bahnhofsvorplatz waren einige Nissenhütten aufgebaut, die aber bald wieder weg mussten, weil sie dem Verkehr im Wege standen.

So kam es, dass das Café (oder " Kaffee", wie man damals auch die gastronomische Einrichtung bezeichnete) an der Eisenbahnstraße eine Bedarfslücke füllte. An Kundschaft herrschte kein Mangel. Wahre Völkerwanderungen stürzten sich nach dem Krieg auf die Bahn als einzigem Transportmittel. Da waren die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ostgebieten, dann die aus der Gefangenschaft entlassenen Soldaten, die Ausgebombten auf dem Weg zu Verwandten, die ihnen eine vorübergehende Bleibe bieten konnten. Nicht zu vergessen auch Menschen auf Nahrungssuche. " Hamsterer" kamen aus den Städten des Ruhrgebiets, um ins Osnabrücker Land auszuschwärmen und auf den Bauernhöfen ihre Armbanduhren oder Eheringe gegen Essbares einzutauschen.

Und wie man damals reiste: In den Abteilfenstern fehlten die Verglasungen, in den Lampenfassungen die Glühbirnen. Abteile und Gänge waren heillos überfüllt. Ein Stehplatz für beide Füße glich einem Hauptgewinn. Wenn der Zug hielt und jemand einsteigen wollte, schlug die Empörung hohe Wogen: " Kein Platz", wurde den Hineindrängenden entgegengebellt. Die Erfahrenen unter ihnen beeindruckte das wenig. Sie warfen einfach ihren Koffer oder Sack auf die Köpfe der auf der Plattform Stehenden, und schon war ein Platz zum Stehen geschaffen. Die Bahnpolizei versuchte vergebens, das Mitfahren auf Trittbrettern, Puffern, Wagendächern und in Bremserhäuschen zu unterbinden. Wer damals mit der Bahn fuhr, nahm unfassbare Strapazen und Gefahren auf sich. Vor diesem Hintergrund mag das Ruinen-Café Schaffeld wie eine Oase der wärmenden Geborgenheit gewirkt haben.

Die Eisenbahnstraße 18 ist bis zum heutigen Tag ein Haus der Dienstleistungen geblieben, in den letzten Jahrzehnten allerdings nur für ein männliches Publikum: Die " Puffer-Reisenden" haben die Adresse der " Puff-Kundschaft" überlassen, die es ins " Rote Haus" zieht.

Bildtexte:
Das Café in der Ruine gegenüber dem Hauptbahnhof war 1946 eine erfolgreiche Geschäftsidee. Die Baupolizei durfte allerdings nicht so genau hinschauen.

Eros-Center: Erst 1970 wieder aufgebaut, bietet die Adresse Eisenbahnstraße 18 als " Das Rote Haus" heute Dienstleistungen anderer Provenienz.

Fotos:
Karl Ordelheide/ Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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