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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Vitischanze als Heim für Flüchtlinge
Zwischenüberschrift:
Wohnungsnot der Nachkriegszeit
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die Viti schanze mit dem Barenturm hat im Laufe ihres 500-jährigen Daseins schon so manche Nutzung erlebt. Die längste Zeit war sie ein Verteidigungsbollwerk. Dann kam die Gastronomie, später die Spielbank, parallel dazu die Schach-Jugend und in jüngster Zeit das Zentrum für Industrie-Design der Hochschule. Weniger bekannt dürfte ein Zwischenspiel sein, das auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1950 dokumentiert ist: die Vitischanze als Flüchtlingsunterkunft.

In Osnabrück herrschte ein unbeschreiblicher Wohnraummangel, nachdem der Bombenkrieg 12 500 Wohnungen zerstört oder schwer beschädigt hatte. Zusätzlich bekam die Stadt einen Anteil an den insgesamt zwölf Millionen Flüchtlingen zugewiesen, die die bisherigen deutschen Ostgebiete verlassen mussten. Alles, was sich auch nur entfernt als Wohnraum eignete, wurde herangezogen. So auch der Barenturm.

Die links daneben auf der Bastion 1899 errichtete Gaststätte hatte Bombenschäden erlitten. Die Stadt als Eigentümerin ließ die Ruine beräumen und setzte auf das Fundament eine eingeschossige Notunterkunft. Auf architektonische Harmonie und respektvollen Umgang mit der denkmalgeschützten Altsubstanz kam es in jenen Tagen nicht an. Hauptsache, das Dach war geschlossen, man konnte Betten aufstellen und mit dem Bollerofen etwas Wärme in das Gemäuer bringen.

Der Barenturm selbst zeigt noch die Spuren eines ersten Umbaus für gastronomische Zwecke im 19. Jahrhundert. Dacherker, Schornsteine und die mit Fenstern geschlossenen Schießscharten gehen auf das Jahr 1878 zurück. Schankwirt Friedrich Schwabedissen hatte den Turm, der schon lange nicht mehr zur Verteidigung benötigt wurde, von der Stadt gepachtet. Schmausen und Zechen in einem mittelalterlichen Wehrturm das kam der erwachenden Ritter-Romantik jener Zeit entgegen. Schwabedissens Nachfolger waren die Wirtsleute Schubert, die neben den Turm das 1945 zerstörte Restaurationsgebäude bauen ließen.

Zusammen mit dem großzügigen Biergarten erlebte die Vitischanzen-Gastronomie um die Jahrhundertwende ihre Blütezeit. Der Aufgang vom Hasetor wurde als kleine Parkanlage gestaltet. Sie gab dem Gedenkstein für den Komponisten Justus Wilhelm Lyra, 1905 hier platziert, einen würdigen Rahmen. Von einer " Oase der Beschaulichkeit und Stille" wurde damals gesprochen, die einen " reizvollen Gegensatz zum nüchternen Hasetorbahnhof" auf der anderen Straßenseite schaffe.

1958 war es mit der Beschaulichkeit und Stille nicht mehr so weit her. Der zunehmende Autoverkehr machte eine Verbreiterung der Hasebrücke im Zuge des Wallrings erforderlich. Die Gartenanlage wurde angeknabbert, Lyra musste zum Herrenteichswall umziehen. Gleichzeitig schmerzte es viele Osnabrücker, sehen zu müssen, wie die Bastion immer weiter verfiel. Verkehrsdirektor Hermann Poppe-Marquard fand große Resonanz mit seinem Vorschlag, " Bausteine" für den Wiederaufbau der Vitischanze und ihrer einst so beliebten Gastronomie auszugeben. Für eine Mark konnten die Osnabrücker eine Holzschnitt-Grafik mit einer Darstellung der historischen Vitischanze erwerben. Hinzu kamen größere Einzelspenden und städtische Mittel, sodass schon bald mit der Ausbesserung der alten Wehrgänge und des Turmmauerwerks begonnen werden konnte. Die Notunterkünfte verschwanden und machten einem neuen Gaststättengebäude Platz, das Hanns Knipschild 1960 als Pächter übernahm. Weinstube im Barenturm, das Restaurant mit breiter Fensterfront und das Konferenzzimmer waren im Geschmack der Zeit " mit einer Täfelung aus Nussbaum und westindischem Palisander" vornehm eingerichtet.

Als " Juwel im Kranz der Osnabrücker Gastronomie" bezeichnete Stadtkämmerer Raimund Wimmer die Vitischanze 1968 nach einer " gründlichen Renovierung" und Übergabe an den neuen Pächter Horst Gensch. Doch auch der behielt nicht sehr lange Freude an dem Standort. Weitere Pächter wie Peter Gallmann, Werner Borgmann und die Fricke-Blöcks-Gastronomen Michael Schürmann und Lutz Tenbusch mussten die Erfahrung machen, dass weder die gehobene Küche noch das Konzept einer Musik-Kneipe gut zu dem historischen Standort passte.

Erleichterung machte sich daher bei der Stadt breit, als der Umbau zu einer Spielbank eingefädelt werden konnte. Ab November 2001 wurden Roulette und Black Jack in dem " romantischsten Casino Deutschlands" gespielt, bis im April 2008 nichts mehr ging. Aus wirtschaftlichen Gründen schloss die Niedersächsische Spielbanken GmbH die für sechs Millionen Mark hergerichtete Stätte und zog mit allen Spieltischen in das Unterhaltungscenter am Hauptbahnhof, wo sie zuvor schon Automatenspiel angeboten hatte. Nachfolgemieter wurde die Fachhochschule mit Lehreinrichtungen für den Studiengang Industrial Design.
Bildtexte:
Winterstimmung im Jahr 1950: Die hell erleuchteten Fenster des Behelfsbaus sind das Lebenszeichen der Flüchtlinge und Ausgebombten, die auf der Vitischanze Unterkunft gefunden haben.
Viele Umbauten später präsentiert sich die alte Bastion heute als Hochschulstandort für den Studiengang Industrial Design.
Foto:
A. Wiechmann, entnommen aus: Wido Spratte, Osnabrück 1945–1955, Verlag Wenner Osnabrück, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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