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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Flaggenkrieg als Vorbote
Zwischenüberschrift:
Gewerkschaftshaus am Kollegienwall 1933 im Zentrum des Machtkampfs
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Heute vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Mit dem " Tag der Machtergreifung" nahm die Nazi-Herrschaft ihren Anfang, die zwölf Jahre später in der totalen Zerstörung auch der Stadt Osnabrück endete. Gegenpol zur örtlichen NSDAP-Leitung in der Schlikkerschen Villa am Kanzlerwall (heute Teil des Kulturgeschichtlichen Museums) war das Gewerkschaftshaus am Kollegienwall 14.

Es beherbergte neben dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) auch Geschäftsstellen des Angestelltenverbandes und des Beamtenbundes, die sich zu den " Freien Gewerkschaften" zusammengeschlossen hatten, und Büros der SPD sowie der Arbeiterwohlfahrt. Der repräsentative Bau mit dem Mittelgiebel im Stil der Weser-Renaissance diente nicht nur den Verwaltungen, sondern auch Bildungs- und Freizeitzwecken der Arbeitervereine.

1932 war das Klima der Auseinandersetzungen zwischen den politischen Kontrahenten NSDAP, SPD und KPD immer rauer geworden. Das Argument galt nicht mehr, der Diskurs wurde mit dem Stuhlbein in der Hand in Saal- und Straßenschlachten ausgetragen. Die Kampfverbände der Parteien bewachten nachts ihre Plakate, damit sie nicht vom Gegner heruntergerissen oder übertüncht wurden. Vor dem Gewerkschaftshaus zog der " Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" auf, ein Kampfbund von überwiegend sozialdemokratischen Kriegsveteranen, um den Hort der Osnabrücker Arbeiterbewegung gegen die Feinde von Rechts- und Linksaußen zu schützen.

Die Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 feierte die Osnabrücker Kreisleitung der NSDAP mit einem " Fackelzug der 3000", wie die zum NS-Sprachrohr gewordene " Osnabrücker Zeitung" schrieb. Bereits im Februar setzte die Verfolgung der politischen Gegner ein. Kommunisten wurden verhaftet und ihre Versammlungsstätten durchsucht. Festgesetzt wurde auch Gustav Haas (1886 1933), Erster Sekretär des Metallarbeiterverbandes mit Sitz im Gewerkschaftshaus. Es half ihm nichts, dass er als SPD-Mitglied gewählter Bürgervorsteher im Stadtparlament war. Noch mehrfach wurde er drangsaliert und inhaftiert, worauf sein früher Tod im Oktober 1933 zurückgeführt wird. Ein Stolperstein vor dem heutigen Wohn- und Geschäftshaus Kollegienwall 14 erinnert an ihn.

Am 11. März 1933 wurde das Gewerkschaftshaus unter dem Vorwand, von dort aus seien Hetzschriften gegen Hitler verbreitet worden, von der SS gestürmt, durchsucht und besetzt. Akten flogen auf die Straße, Schüsse fielen. Der SS-Trupp holte die Reichsbannerflagge auf dem Dach ein und hisste stattdessen die Hakenkreuzfahne. Zwar musste die SS sich bald zurückziehen und das Gebäude der Polizei übergeben, nutzte den " Rückzug" aber dennoch zu einer weiteren Demütigung für die Arbeiterbewegung: Sie zog die Reichsbannerflagge hinter einem Auto als breite Schleppe durch den Dreck und verbrannte sie vor dem verhassten Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal am Herrenteichswall.

Den SPD-Anhängern gelang aber ein kleiner " Rachefeldzug". Sie überlisteten den Polizeiposten, der das Haus bewachte, stiegen auf den Dachboden, holten die Hakenkreuzfahne ein, zerschnitten sie und verstreuten die Fetzen in der hinter dem Haus fließenden Hase. Daraufhin nahm die SS das Haus am 13. März erneut in Besitz, wobei diesmal die Polizei passiv blieb. Im Juli 1933 trug das Gewerkschaftshaus die Inschrift " Haus der Deutschen Arbeitsfront". Die Zerschlagung der Gewerkschaften war eingeleitet, der ungleiche Machtkampf beendet. Auch die Unternehmerverbände wurden aufgelöst. Arbeiter und Betriebsführer saßen, in der " Arbeitsfront" zwangsvereint, am Kollegienwall 14 unter demselben Dach und mussten politische Schulungen über sich ergehen lassen. Führende Gewerkschafter und Sozialdemokraten waren in " Schutzhaft" genommen worden.

Im Jahr 1936 prangte die Aufschrift " Osnabrücker Hof" an der Fassade. Neben Hotel und Restaurant waren jetzt hier der SS-Sturmbann II/ 82 und andere NS-Einrichtungen untergebracht.

Im Bombenkrieg ging das Haus unter. Auf seinen Grundmauern wurden zwei schlichte Wohn- und Bürohäuser errichtet. Der DGB fand 1953 am Neuen Graben eine neue Heimat.

Bildtexte:
Das alte Gewerkschaftshaus am Kollegienwall unmittelbar nach der Besetzung durch Stoßtrupps der SS am 11. März 1933. Auf dem Dach weht die Hakenkreuzfahne.

Zwei unscheinbare Nachkriegs-Neubauten nehmen am Kollegienwall heute den Standort des kriegszerstörten Gewerkschaftshauses ein.

Das alte Gewerkschaftshaus am Kollegienwall wurde im Bomenkrieg zerstört.

Fotos:
Karl Ordelheide, entnommen aus: Wido Spratte, Alt-Osnabrück, Band 3, Verlag Wenner Osnabrück/ Joachim Dierks/ Archiv
Autor:
Joachim Dierks


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