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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Nazis vertrieben den renommierten Künstler
Zwischenüberschrift:
Die Fritz-Berend-Straße erinnert an den früheren Osnabrücker Theater-Intendanten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Bis 1987 kannte kaum jemand in Osnabrück den Namen Fritz Berend. Der Komponist, Dirigent und Musikwissenschaftler war von 1926 bis 1931 Erster Kapellmeister am Osnabrücker Theater, vergleichbar mit dem heutigen Generalmusikdirektor. In den beiden Folgejahren hatte er die Theaterleitung inne. Dann vertrieben ihn die Nazis.
1986 rief der Germanistikprofessor Heinrich Mohr an der Uni Osnabrück ein Forschungsprojekt ins Leben, das die Schicksale jüdischer Künstler thematisierte, die aus einer kleineren Großstadt ins Exil getrieben wurden. Lehramtsstudent Manfred Kroboth hatte damals sein Examen in der Tasche, bekam aber keine Stelle. Da war er heilfroh, über eine ABM-Maßnahme in das Projekt hineinzurutschen. Er sammelte alles, was er über Berend in Erfahrung bringen konnte. Nach und nach vervollständigte sich für ihn das Bild des jüdischen Künstlers Fritz Berend. Der heute in Krefeld als Lehrer tätige Kroboth schildert, wie ihm Berends Schicksal mehr und mehr zur Herzensangelegenheit wurde, das ihn auch am Ende eines Arbeitstages in Bibliotheken und Archiven nicht losließ: " Ich fand es unfassbar, wie damals selbst in einer eher provinziellen Stadt wie Osnabrück große Teile der Lokalelite verjagt wurden, und zwar von einem Tag auf den anderen. Welche kulturellen Werte dabei verloren gingen, schien mir überhaupt nicht aufgearbeitet zu sein."
Kroboth leistete einen Beitrag zu dieser Aufarbeitung, indem er 1988 einen Vortrag über Berend im Foyer der Städtischen Bühnen hielt. Er schloss damals mit dem Satz: " Es wäre an der Zeit, zumindest eine Straße nach ihm zu benennen." Die Zeit dafür war günstig. Auch Peter Junk und Martina Sellmeyer gingen in ihrem Werk " Stationen auf dem Weg nach Auschwitz" (1. Auflage 1988) auf Berend ein. In der Stadtverwaltung griff man die Anregung auf. Seit 1989 Berend wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden gibt es in Eversburg die Fritz-Berend-Straße. Sie erschließt die damals neu entstandene Wohnsiedlung südlich des Eversburger Platzes.
Fritz Berend entstammte einer jüdischen Gelehrtenfamilie. Am 10. März 1889 kam er in Hannover zur Welt. Nach dem Abitur studierte er auf Wunsch des Vaters zunächst Jura, schwenkte dann aber auf Musikwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte um. Er promovierte 1913 in München über einen Barock-Komponisten. Seine erste Anstellung als Theater-Kapellmeister in Freiburg von 1914 bis 1920 wurde durch den Kriegseinsatz unterbrochen. Er kehrte als hoch dekorierter Artillerieoffizier 1918 ans Dirigentenpult zurück.
Von 1922 bis 1924 war Berend Erster Kapellmeister am Stadttheater Kaiserslautern, danach Oberspielleiter an der Oper in Hagen/ Westfalen. Anfang 1926 kam er ans Osnabrücker Theater, das damals finanziell bedrängt war, aber in der Publikumsgunst ganz oben stand. Die Zahl der Abonnenten verfünffachte sich von 1922 bis 1930. Auf dem Höhepunkt von Berends Osnabrücker Schaffenszeit gab es 4595 Abonnenten. Das entsprach fünf Prozent der Osnabrücker Einwohnerschaft und war einmalig in der deutschen Bühnengeschichte. Seinen Inszenierungen wurde ein Niveau " weit über Provinzhöhe" bescheinigt.
1931 wechselte Intendant Erich Pabst nach Augsburg. Berend übernahm seine Position. Um Synergieeffekte zu nutzen, wie man heute sagen würde, schlossen sich in der Wirtschaftskrise die Theater in Münster und Osnabrück zu einer Theaterunion zusammen, als deren Leiter sich Berend bewährte.
Obwohl er das Vertrauen von Publikum, Magistrat und Presse besaß, wurde Berend nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 aus Osnabrücker Diensten entlassen. In Münster blieb er noch bis 1936 unbehelligt. Dann wurde er vor einer bevorstehenden Verhaftung gewarnt und floh über Italien nach England.
Während seine Mutter und seine Halbgeschwister Opfer des Holocaust wurden, fand Berend nach einigen Mühen Zugang zur britischen Musikwelt. 1953 wurde er Musikdirektor der walisischen Nationaloper in Cardiff. Berend erhielt die Einladung, zur Eröffnung des neuen Stadttheaters in Münster zu dirigieren. Er konnte ihr nicht mehr folgen. Am 29. Dezember 1955 starb der Künstler in London an einer Herzkrankheit.

Bildunterschriften: In Eversburg erinnert eine Straße an Fritz Berend.

Fritz Berend (1889–1955)

Foto: Dierks


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