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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Todesfalle für zwölf Zwangsarbeiter
Zwischenüberschrift:
Die Rosenkranzkirche wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Den Dom gibt es seit mehr als 1000 Jahren, die Rosenkranzkirche noch nicht ganz 100. Die stark wachsende und überwiegend katholische Bevölkerung in Schinkel war es irgendwann leid, immer den weiten Weg in die Innenstadt zurücklegen zu müssen, und begann ab 1895, für eine eigene Kapelle zu sammeln.

Um den Standort gab es einiges Gezerre. Das hatte auch mit sozialen Gegensätzen zwischen der bäuerlich geprägten Bevölkerung in Schinkel-Ost und den Arbeiter-Milieus weiter im Westen zu tun. Schließlich der Kompromiss: Schinkel-West bekam die Heilig-Kreuz-Kirche an der Schützenstraße und Schinkel-Ost an der Windt horststraße eine Marienkapelle, die zum Heilig-Kreuz-Pfarrverband gehörte.

Im Juli 1914 war die Marienkapelle auf einem Grundstück, das Bauer Bolte-Elbert geschenkt hatte, fertiggestellt. Die Bevölkerung wuchs weiter. Ebenso der Wunsch, eine eigenständige Pfarrei zu bilden. 1919 war es so weit. Neben die Heilig-Kreuz-Gemeinde trat die " abgepfarrte" Gemeinde " St. Maria Rosenkranz". Der Namenszusatz " Rosenkranz" war gewählt worden, um Verwechslungen mit St. Marien am Markt zu vermeiden.

Am 1. April 1923 übernahm Pastor Karl Ellerhorst die Pfarrstelle. Alten Schinkelanern ist er in guter Erinnerung, denn er hat dieses Amt 31 Jahre lang geprägt. Die junge Rosenkranzkirche wurde nach und nach reicher ausgestattet. 1925 erhielt sie eine prachtvolle Ausmalung. " Davon schwärmen die Alten noch heute", weiß Walter Leineweber zu berichten. Der langjährige Rendant und Archivar der Kirchgemeinde ist Jahrgang 1949 und kennt die Gewölbemalerei daher nicht aus eigener Anschauung, hütet die wenigen Bilder, die es davon gibt, aber wie einen Schatz.

Noch hatte die Kirche keinen Turm. Der wurde erst 1935 zusammen mit einem Erweiterungsbau angefügt. Glockengeläut, Turmuhr und Orgel kamen hinzu. Im Juni 1936 weihte Bischof Berning die nunmehr im Endzustand ausgebaute Rosenkranzkirche neu.

Doch die Freude der Gemeinde über ihre schöne stattliche Kirche währte nicht lange. Keine neun Jahre später schlug der Bombenkrieg zu. Am 16. Februar 1945 erlitt das Kirchenschiff einen Sprengbomben-Volltreffer. Nur einige Mauerreste blieben stehen. Dabei wurde der Turm verschont. Nicht einmal eine Pfanne verrutschte, sogar die Turmuhr lief weiter.

Als die Alarmsirenen losgingen, strebten die Menschen in den Luftschutzbunker, der hinter der Kirche in den Schinkelberg getrieben worden war. Er war recht groß und bot 800 Menschen Platz. Nicht jedoch Zwangsarbeitern. Die vorschriftsgemäß unnachgiebige, gleichwohl aber unmenschliche Haltung der Bunkerwärter kostete sieben Italiener und fünf Niederländer das Leben. Sie waren zwangsweise der " Organisation Todt" zugewiesen worden und wurden wahrscheinlich bei Aufräumarbeiten im Reichsbahnausbesserungswerk eingesetzt. Als Luftalarm gegeben wurde und sie nicht in den Bunker durften, suchten sie in ihrer Not Deckung in der Kirche. Dort wurden sie von herabstürzenden Gewölbeteilen erschlagen. Elf Leichen wurden in den folgenden Tagen aus dem Heizungskeller geborgen. Die zwölfte Person galt als vermisst. Erst fünf Jahre später stieß man im Zuge des Wiederaufbaus auf Teile eines menschlichen Skeletts. Sie wurden als die sterblichen Überreste des Holländers Hendrikus Broere identifiziert, geboren am 14. Juli 1921 in Zevenbergen/ Nordbrabant.

Es ist das Verdienst von Heinrich Munk, Geschichtslehrer an der benachbarten Gesamtschule, und einiger seiner Schüler, das Schicksal dieser Zwangsarbeiter näher erforscht zu haben. Im Jahr 2003 richteten sie eine Gedenkstätte in einer Nische des Kirchenschiffs ein. Munk wandte sich auch an das Bürgermeisteramt des Dorfes Capizzone bei Bergamo, dem Heimatort eines der Opfer, des damals 20-jährigen Osvaldo Pellegrini. Dabei kam er in Kontakt mit der Familie, die bis dahin nichts Näheres über die Todesumstände wusste. 2009 besuchten Bruder und Schwester mit ihren Kindern den Ort, der Osvaldo den Tod brachte. Seine Nichte Giovanna Vassalli sprach ein Gebet in der Rosenkranzkirche, dankbar, dass die lange Zeit der Ungewissheit für die Hinterbliebenen nun beendet war.

Für die Gemeindeglieder musste das Leben nach der Zerstörung weitergehen. Sie kauften den Engländern eine Baracke ab, stellten sie neben der Kirche auf und feierten ab August 1947 darin wieder Gottesdienst. Gleichzeitig leisteten sie viele Tausende unbezahlter Arbeitsstunden, um in einer riesigen Kraftanstrengung die Kirche neu zu errichten. Im Dezember 1953 hatten sie das Ziel erreicht. Weihbischof Johannes von Rudloff erteilte der Rosenkranzkirche erneut die Weihe.
Bildtexte:
In alter Schönheit zumindest äußerlich wiederhergestellt, liegt St. Maria Rosenkranz heute im urbanen Zentrum des Stadtteils Schinkel-Ost.
Der Volltreffer einer Sprengbombe hatte die Rosenkranzkirche 1945 in eine Ruine verwandelt. Nur der Turm blieb stehen.
Die Rosenkranzkirche im Stadtteil Schinkel-Ost.
Kirchenschiff der Rosenkranzkirche. Die Aufnahme entstand vermutlich Weihnachten 1959.
Die Rosenkranzkirche nach dem Wiederaufbau (Aufnahme ca. 1953). Gegenüber das Pfarrheim. Links am Kirchenschiff ist die Baracke zu erkennen, die in den Jahren zuvor als Notkirche gedient hatte.
Historische Aufnahme von 1917: Die Rosenkranzkirche war in dem noch stark ländlich geprägten Schinkel-Ost auf einem Grundstück erbaut worden, das der Bauer Bolte-Elbert zur Verfügung gestellt hatte.
Luftbild der Rosenkranzkirche aus dem Jahr 2008.
Luftbild aus dem Jahr 2005.
Für die in der Kirche ums Leben gekommenen Zwangsarbeiter wurde im Kirchenschiff eine Gedenknische eingerichtet (Aufnahme von 2009).
Fotos:
Joachim Dierks, Archiv Kirchgemeinde St. Maria Rosenkranz, Archiv, Gert Westdörp, Hermann Pentermann
Autor:
Joachim Dierks


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