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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
"Serben sind schlecht zu behandeln"
 
Mehr Fragen als Antworten: Alltag der Gefangenen
Zwischenüberschrift:
Historiker suchen Erklärungen: Warum im Lager Eversheide manches anders war als im übrigen Hitlerdeutschland
 
Im Offizierslager Eversheide konnten die Juden einigermaßen unbehelligt ihre Gottesdienste veranstalten
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Für die Stadtplaner ist das Kasernengelände an der Landwehrstraße ein ideales Gewerbegebiet. Historiker aus Deutschland, Serbien und Israel betrachten das frühere Kriegsgefangenenlager Eversheide auf dem Areal an der Landwehrstraße als einen Ort internationaler Geschichte. Bei einer Tagung in der Universität wurden Besonderheiten erörtert und Hintergründe beleuchtet.

" Serbische Kriegsgefangene, vor allem Offiziere, sind auf Befehl des Führers als Urheber des Vertragsbruches schlecht zu behandeln." So lautete ein Befehl, den der Generalstab im April 1941 ausgab. Die Gefangenen sollten " rücksichtslos" zu Straßenbauarbeiten eingesetzt werden. Rüdiger Overmans, Militärhistoriker aus Freiburg, brachte den 70 Teilnehmern der Tagung in der Uni-Bibliothek das Dokument mit und verwies ausdrücklich auf die Randnotiz. Handschriftlich hat dort jemand vermerkt: " Das ist doch selbstverständlich!"

Dennoch: Die Offiziere im Lager Eversheide Oflag VIc wurden nicht zu Straßenbauarbeiten herangezogen. Im Großen und Ganzen, so urteilen die Historiker, standen sie unter dem Schutz der Genfer Konvention einem Schutz, der den Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion verweigert wurde.

Sogar die jüdische Minderheit lebte im Lager Eversheide in relativer Sicherheit auf jeden Fall sicherer als zu Hause in Jugoslawien. " Es hat sich herausgestellt, dass für sie die Kriegsgefangenschaft ein Segen war", urteilt der Belgrader Historiker Zoran Janjetovic.

Daniel Uziel von der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem hält es für gesichert, dass jüdische Kriegsgefangene im Oflag VIc " relativ gut behandelt wurden" und mit ihrem Rabbiner Hermann Helfgott sogar ihre eigene Gemeinde aufbauen konnten.

Das heißt aber nicht, dass im Lager eine friedliche Atmosphäre geherrscht hätte. In jedem Augenblick mussten die Insassen mit gewalttätigen Übergriffen der Wachmannschaften rechnen. Aus den Nürnberger Prozessen ist bekannt, dass Gefangene aus Übermut und Willkür erschossen und misshandelt wurden.

Die Tagung in der Osnabrücker Uni-Bibliothek machte deutlich, wie politisch heterogen das Lager zusammengesetzt war. " Die Fronten verliefen zwischen pro-jugoslawischen, national-serbischen und links stehenden Kräften", fasst Bernd Robiniok von der Humboldt-Universität Berlin zusammen. Zoran Janjetovic markiert noch weitere Trennlinien und unterscheidet die Linken in Vorkriegskommunisten, Sym pathisanten und Juden.

Der ideologische Kampf, der in Serbien tobte, habe sich im Lager widergespiegelt. Anhänger der Partisanenbewegung hätten durch ihre Vorträge, Kurse, Konzerte und illegale Zeitschriften den " Volksbefreiungskampf" unterstützt. Aber auch dadurch, dass sie ihre politischen Gegner im Lager verprügelten.

Auf der anderen Seite sieht Janjetovic den rechtsorientierten Teil der gefangenen Offiziere, zu dem er die Mehrheit der Generäle und die höheren Dienstgrade zählt. Diese rechte Gruppe sei noch verschiedenartiger gewesen als die linke, mit anglophilen, rechtsradikalen, monarchistischen und antisemitischen Elementen. Ihren gemeinsamen Nenner sieht Janjetovic einzig im strammen Antikommunismus.

Die Juden, die überwiegend zur linksintellektuellen Elite gezählt wurden, hatten in diesem Geflecht unter allen Lagerinsassen den schwersten Stand und mussten immer auch mit der Gefahr aus den eigenen Reihen rechnen. Es waren rechtsorientierte serbische Offiziere, die am 21. März 1943 den von Rabbiner Hermann Helfgott eingerichteten Gebetsraum entweihten und plünderten.

Oberwasser bekamen die Judenfeinde, als in Serbien die hitlerfreundliche Marionettenregierung unter Milan Nedic am Ruder war. Über die Situation in Jugoslawien waren die Gefangenen offenbar gut informiert, weil sie über mehrere ins Lager geschmuggelte Radios verfügten.

Dass es der jüdischen Minderheit gelang, offenbar mit Einverständnis der Lagerleitung nicht nur Gottesdienste, sondern ein funktionierendes Gemeindeleben aufzubauen, ist nach Einschätzung von Rüdiger Overmans " definitiv einmalig".

Der Freiburger Militärhistoriker sieht den Rabbiner Hermann Helfgott als " Spiritus Rector" dieses Glaubensmuts und dieses Selbstbehauptungswillens. " Ihm könnte man hier ein Denkmal setzen", lautet Overmans′ Plädoyer, " ich denke, das wäre es wert."

Die Denkmalwürdigkeit der bis heute erhaltenen Lagergebäude war das beherrschende Thema in der Schlussrunde der Tagung. Angelika Geiger vom Landesamt für Denkmalpflege in Hannover unterstrich den Anspruch, möglichst das gesamte Lager " in seiner Dichtigkeit und Originalität" zu bewahren. Nach den Beobachtungen der Denkmalpflegerin lässt sich der Stellenwert des Gefangenenlagers für die Erinnerungskultur schon daran ablesen, dass Nachkommen ehemaliger Insassen diesen Ort aufsuchen.

Geiger dementierte nicht, dass die Entscheidung, nur eine Baracke unter Denkmalschutz zu stellen, wohl das Ergebnis eines politischen Kompromisses ist. Dass diese Baracke mit der Nummer 35 schon seit acht oder zehn Jahren leer stehe und nicht beheizt werde, gefährde die historische Substanz. Historiker Overmans wurde noch deutlicher: " Ein Haus, das nicht bewohnt wird, verkommt", wetterte er, eine Baracke aus Holz erst recht.

Der Verein Antikriegsbaracke Atter, der die Tagung
gemeinsam mit der Universität veranstaltet hat, will eine Gedenkstätte auf dem La gergelände an der Landwehrstraße einrichten, aber die Idee droht am Geldmangel
zu scheitern. Rolf Keller von der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten machte der Osnabrücker Initiative Mut. Wer solch ein Projekt
auf den Weg bringen wolle, müsse einen langen Atem haben. Deshalb gelte es, weiterzumachen, offen zu diskutieren und dicke Bretter zu bohren.

Bildtexte:
Alles noch original: Walter Gröttrup vom Verein Antikriegsbaracke Atter mit Besuchern der Tagung vor der einzigen denkmalgeschützten Baracke im Lager Eversheide. Foto: Egmont Seiler

" Das ist doch selbstverständlich!", hat hier jemand an den Rand gekritzelt. Es geht um Hitlers Befehl von 1941, die gefangenen Serben schlecht zu behandeln. Quelle: Bundesarchiv

" Ideologische Kämpfe" auch im Lager: Historiker Zoran Janjetovic aus Belgrad.

" Jüdische Gefangene wurden relativ gut behandelt": Daniel Uziel, Yad Vashem.

" Definitiv einmalig": Rüdiger Overmans zur Geschichte des Lagers Eversheide.

" Die Fronten gingen durch das Lager": Bernd Robiniok, Berlin. Fotos:

Serbische Kriegsgefangene in Belgrad. Von 1941 bis 1945 wurden Offiziere aus Jugoslawien im Lager Oflag VIc Eversheide gefangen gehalten.

Fotos:
Rainer Lahmann-Lammert/ Archiv

Osnabrück. Es gibt Ereignisse, die sich ihrem historischen Zusammenhang zu entziehen scheinen. Solche Fragen wirft das Gefangenenlager Eversheide in Osnabrück auf, in dem etwa 5000 jugoslawische Offiziere während des Zweiten Weltkriegs festgehalten waren.
Die jüdische Minderheit im Lager konnte einigermaßen unbehelligt ihre Gottesdienste veranstalten zu einem Zeitpunkt, als die jüdischen Zivilisten in Deutschland längst in die Vernichtungslager deportiert waren.
Was zu diesem augenscheinlichen Anachronismus geführt hat, wurde jetzt auf einer Tagung internationaler Historiker in der Osnabrücker Universität erörtert.
Im Lager Eversheide, von den Nazis Oflag VIc genannt, waren Offiziere untergebracht, die zuvor in der königlichen Armee gedient hatten. Nach 1945 wollten oder konnten viele von ihnen nicht in Titos sozialistisches Jugoslawien zurückkehren. Viele blieben in Osnabrück und gründeten die serbisch-orthodoxe Gemeinde, deren Mittelpunkt die Kirche an der Wersener Landstraße ist.
Einblicke in den Lageralltag gibt das Buch " Wir sind Zeugen", in dem der Militärrabbiner Hermann Helfgott seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht hat. Unter den 400 jüdischen Lagerinsassen war er offensichtlich eine charismatische Figur. Nach dem Krieg kämpfte er in Palästina, später arbeitete er unter dem Namen Zvi Asaria als Kölner Gemeinderabbiner und als niedersächsischer Landesrabbiner.
Hier ein Auszug aus seinem Tagebuch von 1942. Asaria schreibt von sich selbst in der dritten Person:
Nach dem Fasttag am 9. Aw . . . erreichte uns Gefangene die Nachricht, Leutnant Neumann, der sich im Krankenhaus außerhalb des Lagers befand, sei gestorben. Fünf Tage nach dem Tode wurde die Leiche ins Lager überführt.
Die " Chewra Kadischa" nahm die rituelle Waschung vor. Die deutsche Kommandantur gestattete die Zeremonie, und 30 Mann, 18 jüdische und 12 nichtjüdische Offiziere, begaben sich in die Stadt Osnabrück. Die Teilnehmer des Begräbnisses blickten sich in der Stadt um. Die Ruinen wiesen deutlich darauf hin, was sich außerhalb des Gefangenenlagers abspielte. Ein Lastauto voller Frauen fuhr vorbei. Wohin werden sie geführt?
Nach drei Stunden erreichten die Gefangenen den jüdischen Friedhof. Zahlreiche Frauen und Kinder waren dort versammelt. Gibt es auch Juden darunter? Die Gefangenen traten an den Sarg beim Grab heran. Das Quartett Blam, Scher, Feldbauer und Reiss begann mit " Joschew Besseter". Blam komponierte eine besondere Melodie für die Begräbniszeremonie. Es wurden Psalmen verlesen, und der Rabbi nahm Abschied von dem Kameraden. Nach der Beisetzung erblickten die Gefangenen in der Ferne einen Mann mit gelbem Stern und der Aufschrift " Jude". Der Rabbi rief ihn insgeheim herbei und fragte: " Wie viel Juden gibt es in Osnabrück?" Die Antwort: " 10 bis 12."
" Familien?"
" Nein, Seelen."
" Wo sind denn die Juden?"
" Die arbeiten, und es geht ihnen gut", antwortete der Mann lächelnd.
Bildtext:
Rabbi im Gefangenenlager: Hermann Helfgott.
Foto:
Archiv
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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