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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Remarques "Gebärhaus"
Zwischenüberschrift:
In der früheren Hebammen-Lehranstalt lernen heute Dachdecker und Bauklempner
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Zur Abwechslung zeigt die Zeitreise heute ein Motiv, das sich im Laufe der Jahre kaum verändert hat. Dass es so kam, war allerdings ein hartes Stück Arbeit. In erster Linie für den städtischen Denkmalpfleger Bruno Switala. Irgendwann hatte er es geschafft, den Eigentümer Kabelmetal Europe (KME) davon zu überzeugen, dass die ehemalige Provinzial-Hebammenlehranstalt an der Knollstraße nicht abgerissen werden darf.

Knackpunkt bei jedem Eingriff des Denkmalschutzes ist die Frage der wirtschaftlichen Zumutbarkeit eines Erhalts. Ein hundert Jahre altes Gebäude an heutige Nutzungsanforderungen anzupassen ist meistens viel teurer, als es abzureißen und neu zu bauen. Erschwerend kam hinzu, dass der Neo-renaissance-Bau von 1904 an die Grenzlinie zwischen den Stadtteilen Sonnenhügel und Gartlage seit etwa 1990 nicht mehr von KME genutzt wurde und leer stand. Zwölf Jahre gingen mit Diskussionen und Auseinandersetzungen ins Land, in denen Nässe und Temperaturwechsel der Bausubstanz weiter zusetzten.

2002 war es endlich so weit. Das neue Nutzungskonzept stand, die KME-Bauabteilung hatte ihre Bestandsaufnahme abgeschlossen, und im Konzern waren alle Wege für eine umfassende Sanierung geebnet. In achtmonatiger Bauzeit richtete Generalunternehmer Köster-Bau in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege den Bau für vier Millionen Euro so her, dass im Innern moderne Arbeitsplätze entstehen konnten. Die Sandsteinfassade mit allen Ziergiebeln, Türmchen, Balkonen und der abwechslungsreichen Fenster-Landschaft blieb originalgetreu erhalten. Alles wurde gereinigt und Schadhaftes durch neue Sandsteinelemente ersetzt. Erd- und Kellergeschoss geben einer Ausstellung und einem Schulungszentrum Raum. Architekten und Bauhandwerker können hier erfahren, was man mit Kupfer am Bau alles machen kann und wie man ihn am besten verarbeitet. Die Betriebskrankenkasse BKK Firmus, Betriebsgastronomie und Schulungsräume für KME-Mitarbeiter aus ganz Europa fanden ebenfalls Platz.

Heute Spitze in Sachen Kupfer-Anwendung, vor hundert Jahren Spitze in Sachen Geburtshilfe: 1904 besichtigte der Hebammenverein den Neubau und war sehr angetan von den fortschrittlichen Einrichtungen. Die Teilnehmerinnen gewannen den Eindruck, dass sich die neue Anstalt " mit jeder Frauenklinik einer kleineren Universitätsstadt" messen könne, war damals in der Tageszeitung zu lesen. Als Neuerung versprachen die Betreiber eine Sprechstunde für " unbemittelte" Schwangere. Deren Einrichtung entspreche einem großen Bedürfnis und werde zweifellos segensreich wirken, da viele leidende Frauen aus Scheu vor den Kosten keine ärztliche Geburtshilfe in Anspruch nähmen, hieß es weiter, mit allen Folgen für die Mütter- und Kindersterblichkeit.

Bisweilen wird behauptet, der große Osnabrücker Romanautor Erich Maria Remarque sei in der Hebammen-Lehranstalt geboren worden. Das kann aber schon deshalb nicht zutreffen, weil sie erst 1904 ihrer Bestimmung übergeben wurde, als der kleine Erich Paul Remark so sein Geburtsname schon sechs Jahre alt war. Vielmehr gilt als sicher, dass Remarque in der alten Hebammen-Lehranstalt an der Knollstraße 7, also etwas weiter stadteinwärts, das Licht der Welt erblickt hat. Seine Beziehung zu dem Stadtviertel war auf jeden Fall eine besondere. Nicht zuletzt deshalb, weil Familie Remark häufiger in der Nähe des Gertrudenbergs wohnte. So von 1904 bis 1905 an der Gertrudenstraße 17, als der Neubau der Lehranstalt an der Knollstraße 16 gerade eingeweiht worden war.

In Remarques Roman mit den meisten Osnabrück-Bezügen, dem " Schwarzen Obelisken", taucht die " Gebäranstalt" verschiedentlich auf. So auch ganz am Schluss, als er auf seine kriegszerstörte Heimatstadt zurückblickt und es als Ironie der Geschichte hinstellt, dass ausgerechnet " die Irrenanstalt und die Gebäranstalt", also das Landeskrankenhaus und die Hebammen-Lehranstalt, unzerstört geblieben sind. Zu unserem Glück überstanden sie auch den Modernisierungsdrang der Nachkriegszeit.

Bildtext:
Preußischer Prunkstil von 1904: die Provinzial-Hebammen-Lehranstalt an der Knollstraße.

Der sorgfältig restaurierte Bau gegenüber dem Ameos-Klinikum gehört heute zum Kabelmetal-Komplex.

Foto:
Archiv/ LIndemann
Autor:
Joachim Dierks


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