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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Wenn der politische Wind sich dreht
Zwischenüberschrift:
Energiewende ganz praktisch: Das größte anzunehmende Windrad liefert Strom für Osnabrück
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück/ Diepenau. Die Energiewende findet auf hohem Niveau statt: 135 Meter über einem Acker im Kreis Nienburg. Die Stadtwerke Osnabrück betreiben hier mit dem Windkonzern Enercon eine Windmaschine der neuen Generation. Größere gibt es an Land nicht. Die mächtige Mühle ist auch ein Wahrzeichen für die hohen Ziele der Stadtwerke die allerdings durch die Unberechenbarkeit der Politik in Gefahr geraten. Denn niemand kann mit Gewissheit sagen, woher der politische Wind wehen wird.
Wusch. Wusch. Wusch. Wer hier mit verbundenen Augen ausgesetzt würde, müsste annehmen, dass ein Flugzeug tief über seinem Kopf kreist. Wir sind in Diepenau, Samtgemeinde Uchte, 3960 Einwohner, am äußersten Zipfel des Kreises Nienburg und hart an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Das Land ist flach, das nächste Haus nicht ganz einen Kilometer entfernt, der Blick wird kaum von Bäumen verstellt. Es weht eine frische Brise.
Mitten im freien Feld steht, noch ziemlich einsam, die größte, zurzeit auf dem Markt verfügbare Windkraftanlage für Standorte an Land. Wenn der Wind ordentlich pfeift, kann der Generator 7500 Kilowattstunden Strom erzeugen. Die zwei großen Mühlen auf dem Piesberg würden, stellte man sie daneben, wie Kleinwagen neben einem Laster wirken. Die Piesberger Windräder schaffen 2000 Kilowattstunden, also weniger als ein Drittel der Leistung des E-126.
So groß wie ein Haus
Die Zahl 126 steht für den Flügeldurchmesser: 126 Meter. Die Spannweite des größten Passagierflugzeugs, des Airbus A380, ist mit 79, 80 Metern dagegen lächerlich klein. Die Fläche, die die drei Flügel bei einer Drehung überstreichen, ist so groß wie zwei Fußballfelder. Die Gondel ist so groß wie ein solides Einfamilienhaus und schwingt bei extremen Belastungen bis zu einem halben Meter hin und her.
Zum Aufbau schafften die Enercon-Leute den größten mobilen Kran heran, den es in Deutschland nur zweimal gibt. 100 Lastwagen wurden zum Transport des Krans benötigt, allein zwei Wochen dauerte es, diesen Kran aufzubauen. Nein, dies ist kein Ort für Kleingeister.
Stadtwerke-Chef Manfred Hülsmann führt die Diepenauer Windmaschine gern als einen Leuchtturm in der Energie-Strategie der Stadtwerke vor. Das kommunale Unternehmen will bis 2018 rechnerisch alle 80 000 Privatkunden in Osnabrück mit grünem Strom versorgen. Etwa 30 Prozent dieser Zielmarke werden bis Ende des Jahres erreicht sein.
Es ist nicht (nur) das ökologische Gewissen, das die Stadtwerke dazu bewegt, bis 2020 insgesamt 180 Millionen Euro in Umwelt- und Klimaprojekte zu investieren. Es gibt viel Geld zu verdienen zumindest, solange die Politik am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festhält.
Elektro-Busse
Die gerade heftig diskutierte Erhöhung der EEG-Umlage auf 5, 27 Cent pro Kilowattstunde hat für Stadtwerke-Kunden aus Osnabrück zwei Aspekte: Auf der einen Seite müssen sie mehr für ihren Strom bezahlen, auf der anderen profitieren sie indirekt als Bürger und Aktionär der Stadtwerke von der Einspeisevergütung für grünen Strom.
2012 leisten alle Osnabrücker Bürger und Unternehmen einen EEG-Umlagebetrag von 29 Millionen Euro. 2013 wird dieser Betrag auf 42, 5 Millionen Euro steigen. Die Stadtwerke haben als Netzbetreiber in ihrem Netzgebiet (Stadt Osnabrück und Büren) 2011 insgesamt sechs Millionen Euro an Vergütung an alle EEG-Anlagenbetreiber gezahlt. Das bedeutet: Osnabrück zahlt deutlich mehr in den EEG-Topf ein, als es erhält.
" Deshalb legen wir ja einen Schwerpunkt in unserer EE-Strategie in den Bau und Ausbau von Anlagen in Osnabrück. Hier im Stadtgebiet sind die Möglichkeiten wiederum sehr begrenzt und nahezu ausgeschöpft", sagt Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer. Mit allen EE-Anlagen im Stadtgebiet haben die Stadtwerke 2011 rund zwei Millionen Euro Einspeisevergütung erhalten. Bei der Windkraftanlage in Diepenau rechnen die Stadtwerke mit einer Vergütung von 600 000 Euro jährlich.
Die Strategie der Stadtwerke läuft darauf hinaus, von Wertschöpfungsketten komplett zu profitieren. Beispiel Verkehr: Bis 2020 sollen 80 Prozent des Nahverkehrs elektrisch durch Osnabrück rollen mit möglichst viel Strom aus eigener Produktion. Und ganz nebenbei reduzieren die Stadtwerke damit ihre Kohlendioxid-Emissionen. Erklärtes Ziel ist es, den CO 2 - Ausstoß bis 2050 um mindestens 80 Prozent zu reduzieren. Kritiker halten den Stadtwerken vor, nicht konsequent zu sein, weil sie zum Beispiel zusammen mit 22 anderen kommunalen Versorgungsunternehmen am Kohlekraftwerk in Hamm beteiligt sind.
Diese Beteiligung stammt aus dem Jahr 2008, lange
vor der ersten Wende innerhalb der deutschen Energiewende. Es galt zu dem Zeitpunkt der Beschluss der rot-grünen Bundesregierung, aus der Atomkraft auszusteigen. Nach dem Regierungswechsel 2009 setzte die Regierung Merkel die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durch. Das war der Ausstieg aus dem Ausstieg. Die Katastrophe von Fuku shima stellte dann alles wieder auf den Kopf.
" Was wir brauchen, ist Planungssicherheit", sagt Stadtwerke-Chef Manfred Hülsmann. Er müsse der Politik den Vorwurf machen, dass die" doppelte Energiewende" und die pausenlosen Diskussionen für Verunsicherung sorgen, die die Investitionsbereitschaft lähmt. Er würde sich eine letzte, dritte Energiewende wünschen, die verlässlich regenerative und fossile Energiequellen zusammenführe." Das Gesamtkonzept einschließlich Netzausbau und Infrastruktur muss passen", sagt Hülsmann, während über seinem Kopf die Rieselflügel der Diepen auer Anlage kreisen.
Seit August sind die Flügel in Bewegung und haben bislang 2156, 345 Megawatt Strom geliefert. Das entspricht dem Strom, den 616 durchschnittliche Vier-Personen-Haushalte im Jahr verbrauchen. Auf ein ganzes Jahr gerechnet, erwarten die Stadtwerke einen Stromertrag aus Diepenau, der für 10 700 Haushalte genügen würde.
Im Spektrum der grünen Energieträger dominiert der Wind eindeutig. Die Stadtwerke sind über die Green Gecco GmbH an mehreren Windparks unter andrem in Schottland und Nordrhein-Westfalen beteiligt. 29 Millionen Kilowattstunden (oder den Bedarf von 8300 Haushalten) produzieren die Stadtwerke im Moment selbst." Wenn wir die beiden noch in diesem Jahr ans Netz gehenden Anlagen in Wallenhorst dazurechen, liegen wir bei insgesamt knapp 37, 5 Millionen Kilowattstunden im Jahr", sagt Hülsmann.
Das Projekt Diepenau ist nicht nur wegen der Größe bemerkenswert: Der Windradbauer Enercon und die Stadtwerke haben für Bau und Betrieb eine gemeinsame Gesellschaft gegründet. 49 Prozent halten die Stadtwerke, 51 Prozent Enercon. Der Betrieb von Windkraftanlagen bildet nur einen" Bruchteil" des Enercon-Geschäfts." Wir machen das, weil wir wissen wollen, womit Anlagenbetreiber zu tun und zu kämpfen haben", erklärt Enercon-Projektentwickler Hans-Heinrich Behrens.
Enercon-Gründer Aloys Wobben ist für seine Schweigsamkeit bekannt. Und so hält es Behrens auch, als das Gespräch auf die Kosten der Diepenauer Anlage kommt. Er redet darum herum. Aber wenn man weiß, dass die Stadtwerke rund sechs Millionen in das Projekt steckten, lässt sich die Gesamtinvestition auf 12 bis 13 Millionen Euro taxieren.
Die Rechnung wird aufgehen, wenn sich der politische Wind nicht plötzlich dreht und das Einspeisegesetz nicht über Nacht geändert wird. Die Energiewende, wie sie die Stadtwerke aus lauter Eigennutz vollziehen, ist ein Modell, das international Beachtung findet. Stadtwerke-Pressesprecher Marco Hörmeyer berichtet vom Besuch mehrerer Delegationen aus Japan, die sich das EEG, die dezentralen Versorgungsstrukturen (die es in Japan nicht gibt) und das Konzept der Stadtwerke erklären ließen.
Vielleicht stehen demnächst auch Japaner auf dem Acker im Kreis Nienburg.
Bildtexte:
Das größte Windrad, das es zurzeit auf dem Markt gibt, dreht sich in Diepenau. Es gehört zur Hälfte den Stadtwerken Osnabrück. Die Gondel ist so groß wie ein Einfamilienhaus.
Und hier liegt Diepenau, am äußersten Zipfel des Kreises Nienburg.
Fotos:
Pia Stoppe, Stepmap
Autor:
Wilfried Hinrichs


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