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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Der mittelalterlichen Bischofsresidenz auf der Spur.
Zwischenüberschrift:
Graben statt Sport: Bevor ab Mai 2013 die neue Caro-Halle gebaut wird, sind die Archäologen am Werk
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Immer wenn in der Osnabrücker Innenstadt gebaut wird, reiben sich die Archäologen die Hände. Sie haben dann ein paar Wochen und manchmal auch Monate Zeit, um im Boden nach Spuren der Vergangenheit zu suchen. Besonders begehrt sind Flächen in der Nähe des Doms, der den Anfang der Stadtentwicklung markiert.

Jetzt ist es wieder so weit. Der Abriss der Sporthalle am Gymnasium Carolinum hat Ellinor Fischer und Sara Snowadsky auf den Plan gerufen. Die beiden Projektleiterinnen der Stadt- und Kreisarchäologie werden bis April 2013 das 1000 Quadratmeter große Areal an der Hase unter die Lupe nehmen und die mehr als 1200 Jahre währende bauliche Nutzung rekonstruieren. Die ersten drei Grabungswochen haben bereits zahlreiche interessante Funde ans Licht gebracht.

Dazu zählen Knochen, bunt glasierte Keramikscherben aus der Barockzeit und eine gut erhaltene Münze ein 400 Jahre alter Rechenpfennig. Wichtiger sind aber die Grundmauern, die Aufschluss über die Bebauung der Vergangenheit geben. An einigen Stellen wird das Gelände daher zentimeterweise abgetragen mit Schaufeln und Maurerkellen, und wenn es sein muss, auch mit feinen Spachteln und Pinseln.

Feuereifer im Regen

Bis zu zwölf Grabungshelfer sind derzeit im Einsatz. Einer von ihnen ist André Schmalkuche, der trotz des schlechten Wetters mit Feuereifer bei der Sache ist: " Man weiß morgens nicht, was man abends gefunden hat." Am Donnerstag sind er und Charlotte Speth von Schülzburg in zwei Meter Tiefe auf eine solide Steinreihe gestoßen. Was genau sie entdeckt haben, ist auch den beiden Projektleiterinnen noch unklar: vielleicht die Abdeckung einer mittelalterlichen Kanalisation? Oder doch schon die ersten Hinweise auf den Bischofshof aus dem 10. und 11. Jahrhundert?

Darauf hat es das Grabungsteam nämlich abgesehen. Ellinor Fischer und Sara Snowadsky sind zuversichtlich, Überreste der Residenz freizulegen. Von der genauen Lage und ihrem Aussehen ist bisher so gut wie gar nichts bekannt. Nur so viel, dass sie nordöstlich des Domes stand und dass sie Bischof Konrad von Rietberg Ende des 13. Jahrhunderts aufgegeben hat. Die Fläche wurde anschließend an angesehene Osnabrücker Bürger veräußert, diente später als Garten, bevor die Jesuiten dort im 17. Jahrhundert ihr neues Kolleg errichteten.

Wer hätte das beim Turnen, Ballspielen oder Zirkeltraining geahnt, dass unter seinen Füßen möglicherweise der mittelalterliche Bischofspalast schlummert? Noch ist es eine Vermutung. Bodo Zehm, Leiter der Stadt- und Kreisarchäologie, rechnet jedenfalls damit, dass insgesamt bedeutende neue Erkenntnisse über die frühe Phase der Stadtentwicklung ans Licht kommen. Das Gelände sei aus archäologischer Sicht einzigartig.

Das gilt auch für den östlichen Rand, wo die Fundamente der Hellingsmauer aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts zum Vorschein gekommen sind. In dieser Woche waren dort die Diplom-Museologin Judith Franzen und Praktikantin Annika Jochens am Werk. Dass sie dort auf die frühe Stadtbefestigung stoßen, war nicht überraschend. Bisher war allerdings unbekannt, dass es sich um ein zweischaliges Mauerwerk aus mächtigen Steinquadern handelt und die Hohlräume mit Lehm verfüllt waren.

Viel Geduld müssen in diesen Tagen auch Sarah Jünemann und Laura Hieronymus beweisen. Beide studieren Archäologie in Münster, kommen tageweise nach Osnabrück, um am Carolinum praktische Erfahrungen zu sammeln. Zuletzt hatten sie in einer Jesuitenkloake aus dem 17. Jahrhundert zu tun, durchwühlten den schlammigen Boden nach brauchbaren Abfällen aus der Vergangenheit. " Man achtet auf alles, was glänzt", berichtete Laura Hieronymus beim Ortstermin. Im Anfang habe sie viele wertlose Steine heraussortiert, doch mit der Zeit stelle sich Routine ein.

Gucklöcher im Bauzaun

Interessierte können übrigens vom Haseufer aus einen Blick auf das Ausgrabungsgelände werfen, und demnächst sollen auch Führungen stattfinden. In den Bauzaun zum Schulhof sind in unterschiedlicher Höhe kopfgroße Gucklöcher gesägt, damit auch die Gymnasiasten die Arbeit der Archäologen verfolgen können. Bis zum nächsten Frühjahr haben sie dazu noch Gelegenheit. Im Mai 2013 werden schwere Baufahrzeuge anrücken, um die Grube für die neue Caro-Sporthalle auszuheben.

Dann wird alles, was fein säuberlich ausgegraben und dokumentiert wurde, wieder zugeschüttet und endgültig zerstört. Für Ellinor Fischer und Sara Snowadsky ist das zwar ein schwerer Moment. Aber im Laufe der Zeit haben sie sich nach eigenen Worten daran gewöhnt.

Detailliertes Arbeiten ist vor diesem Hintergrund umso wichtiger. An zwei tief ausgeschachteten Löchern direkt am Altbau des Carolinums haben die beiden Archäologinnen das bereits praktiziert. Das Fundament des früheren Jesuitenkollegs, auf dem die Schule nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurde, haben sie nicht nur genau begutachtet, beschrieben und fotografiert, sondern im Maßstab 1 : 20 auch abgezeichnet. Und die Beschaffenheit des Bodens haben sie ebenfalls in Wort und Bild festgehalten.

Bildtexte:
Mit viel Geduld und Feingefühl tragen die Archäologiestudentinnen Sarah Jünemann (links) und Laura Hieronymus Schichten in einer Kloake ab.

Stadtbefestigung aus dem 13. Jahrhundert: Konzentriert sind Judith Franzen (vorne) und Annika Jochens an der Hellingsmauer im Einsatz.

Schöne Scherben: Bodo Zehm, Leiter der Stadt- und Kreisarchäologie, zeigt einige der ersten Funde.

Überraschende Entdeckung im Regen: Mit Schaufeln, Maurerkellen und Spachteln legen André Schmalkuche und Charlotte Speth von Schülzburg eine Steinreihe frei.

Arbeit im Detail: Projektleiterin Ellinor Fischer (links) begutachtet das Steinfundament des ehemaligen Jesuitenkollegs. Ihre Kollegin Sara Snowadsky dokumentiert die Befunde mit dem Zeichenstift.

Fotos:
Gert Westdörp
Autor:
Holger Jansing


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