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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Langer Abschied vom Traditionslokal.
Zwischenüberschrift:
Das Kaffeehaus Fernblick und sein umstrittenes Ende.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Was heute eine bevorzugte Wohnlage ist, war vor hundert Jahren eine Vorrangfläche für Ziegen und Schafe. Aus Lehm, Mergel und Felsen besteht die 115 Meter hohe Berningshöhe, die den Tieren mit Dornengestrüpp und Disteln nur ein karges Auskommen bot. Ortsnamen wie Ziegenbrink und Armenholz künden davon, dass dieser Bereich des heutigen Stadtteils Kalkhügel nicht in höchstem Ansehen stand.

Das wurde erst anders, als 1924 die Besiedlung der Berningshöhe begann. Die Genossenschaft " Selbsthilfe gegen Wohnungsnot" legte eine sogenannte Nebenerwerbssiedlung entlang der Straßen Nahner Weg, Holzhauser Weg, Am Armenholz und Am Nahner Holz an. Das bedeutete, dass zu jeder Parzelle Acker- und Gartenland gehörte, auf dem die Arbeiter und Angestellten Obst und Gemüse zogen Düngung aus dem hauseigenen Dreikammersystem inbegriffen. Jedes Haus hatte seinen Stall für Schwein, Hühner und anderes Kleinvieh. Der Baugenossenschaft wurde auferlegt, eine für Pferdegespanne geeignete Zufahrt vom Johannisfriedhof bis hoch in die Neusiedlung zu legen. Zu diesem Zweck baute sie den Hauswörmannsweg zu einer Straße aus.

Die Siedlergemeinschaft, in einiger Entfernung vor der Stadt gelegen, hatte bald ihren eigenen Lebensmittelladen, einen Milchmann, eine Bäckerei, einen Schuhmacher, einen Kohlenhandel mit Fuhrgeschäft und die Gaststätte Fernblick. 1928 wurde das später in ganz Osnabrück und Umgebung bekannte Kaffeehaus Fernblick, Besitzer A. Fuhrmann, mit Kegelbahn, Saalbetrieb und Biergarten gebaut. Die Ansichtskarte aus dem Jahr 1932 zeigt den großzügigen Bau von Nordosten, also von der Stadt aus gesehen, vor dem Hintergrund des Waldstücks Armenholz auf der Kuppe. Aus den Panoramafenstern des Saales und von der Freiterrasse hat man den gerühmten Fernblick auf die Türme der Stadt.

Die Linden und Kastanien inmitten des Kaffeegartens sind noch recht mickrig, Schatten vermögen sie nicht zu spenden. Diese Aufgabe übernehmen die zahlreichen Sonnenschirme.

70 Jahre später sieht die Sache anders aus. Zu großen, prächtigen Bäumen ausgewachsen, stoppen diese vorübergehend die dort projektierte Wohnbebauung. Doch der Reihe nach . . .

In den 1950er- bis 1970er-Jahren knüpft der Fernblick noch einmal an seine großen Zeiten vor dem Krieg an. Der Biergarten läuft im Sommer gut, das Sonntags-Frühstücksbuffet ist sehr beliebt, die Minigolfanlage liegt im Trend, die traditionellen Osterfeuer ziehen Hunderte an. Doch dann bekommen die Pächter ihre Schwierigkeiten. Die Altbausubstanz hätte einer Renovierung bedurft, die aus dem zurückgehenden Geschäft nicht zu erwirtschaften ist. Eine Entwicklung, die zahlreiche andere Ausflugslokale am Stadtrand wie die Ludwigshalle, das Schweizerhaus, die Friedenshöhe oder das Kaffeehaus Paradies schon hinweggerafft hat, macht auch vor dem Fernblick nicht halt.

Im Juni 1995 verkündet die Erbengemeinschaft als Eigentümerin, das Lokal aufgeben zu wollen. Sie steht in Verhandlungen mit der Baufirma Scholle, die dort Pläne für eine verdichtete Wohnbebauung entwickelt hat. Umgehend bildet sich unter Stammgästen eine Initiative gegen den Abriss. " Der Fernblick als Traditionsinsel muss gerettet werden", lautet ihre Devise. Ihr spielt in die Hände, dass der geänderte Bebauungsplan einen so weitgehenden Erhalt von Grünflächen vorsieht, dass der Investor abspringt. 1996 schließen die Eigentümer mit einem anderen Gastronomen einen neuen Pachtvertrag über zehn Jahre.

Doch nach vier Jahren geht auch dem die Puste aus. Mit einem letzten großen Osterfeuer schließt das Lokal im April 2000 und verfällt danach zusehends. Im Oktober 2001 kauft die Baufirma Echterhoff das Fernblick-Grundstück und plant eine weniger dichte Bebauung. Da Baumschutzauflagen ihr eine Bebauung des Biergarten-Areals verwehren, schlägt sie der Stadt einen Tausch dieses Teilgrundstücks gegen den " Bolzplatz" vor, eine Wiese nördlich des Fernblicks zum Bergerskamp hin.

Dagegen macht nun eine neue Bürgerinitiative mobil. Den Abriss des letzten der alten Osnabrücker Ausflugslokale im Juli 2002 nimmt sie mehr oder weniger achselzuckend hin, nachdem die Denkmalpflege das Gebäude als nicht schutzwürdig eingestuft hat. Aber die Spielwiese für die Kinder will sie unbedingt erhalten wissen. Im Oktober 2002 scheint ein Kompromiss gefunden: Zwei Drittel des Bolzplatzes werden nicht angetastet, nur der Randstreifen zum Hauswörmannsweg hin darf bebaut werden, unter den Biergarten-Bäumen richtet die Stadt einen öffentlichen Spielplatz ein. Aber auch diese abgespeckte Version des B-Plans stößt auf heftige Kritik. Der Bürgerverein Neustadt sammelt 440 Unterschriften und erhält Unterstützung von SPD und Grünen im Rat. Im September 2003 setzt sich die Ratsmehrheit schließlich durch, und dem Baubeginn steht nichts mehr im Wege.

Mittlerweile haben sich die Gemüter beruhigt, die Neubebauung ist abgeschlossen. Kinder haben den einstigen Biergarten übernommen. Sie schaukeln, rutschen und klettern unter den mächtigen Kastanien und Linden. Die Bäume und ein paar Haselnusshecken sind die letzten Relikte des Kaffeehauses Fernblick und seiner früher so beliebten Gartenwirtschaft

Bildtexte:
Ein Bild aus großer Zeit: 1932 war das Kaffeehaus Fernblick auf der Berningshöhe ein weithin beliebtes Ausflugsziel.

Ein Kinderspielplatz nimmt heute die Flächen des ehemaligen Biergartens ein. Im Hintergrund neue Wohnhäuser anstelle des Traditionslokals.

Fotos:

Postkarte aus der Sammlung Helmut Riecken/ Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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