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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Alte Laster und das Café Untreu.
Zwischenüberschrift:
Die Bremer Straße um 1954 – Lkw-Fahrer hatten Respekt vor der Steigung.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. In den Nachkriegsjahren lag Osnabrück fernab des eh noch sehr grobmaschigen Autobahnnetzes. Der gesamte Fernverkehr Richtung Bremen musste, wie der Name es auch schon besagt, über die Bremer Straße rollen. Dafür ging es doch recht beschaulich zu auf der Hauptausfallstraße nach Nordosten. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls das um 1954 entstandene Foto.

Es zeigt einen Lastwagen mit Anhänger, der gerade den Schinkelberg hochkeucht. Der Mann links auf dem Bürgersteig mit der typischen 50er-Jahre-Schirmmütze, vielleicht ein Bahnarbeiter, lässt es ruhig angehen und schiebt sein Fahrrad. Dieser Abschnitt der Bremer Straße oberhalb des Hotels Westerkamp gehört zu den steilsten Anstiegen auf Osnabrücks Durchgangsstraßen.

Die Lastkraftwagen nach dem Krieg hatten nicht 420 PS wie die heutigen, sondern allenfalls 90. Dafür zogen sie oft zwei Anhänger, was bis 1957 noch erlaubt war. Wenn die Hänger voll beladen waren, kam es vor, dass einer von ihnen am Fuß des Schinkelbergs abgekuppelt wurde und der Zugwagen dann einen nach dem anderen hochschleppte.

Auch die Stadtwerke-Busfahrer haben Respekt vor der Steigung. Jedenfalls im Winter. Wenn einmal nicht rechtzeitig gestreut wurde und sich Schneeglätte gebildet hat, haben die Busse keine Chance mehr, nach Belm durchzukommen. Mit 123 Metern gehört der Schinkelberg zu den höchsten Erhebungen auf Stadtgebiet. Vor 200 Jahren hieß er noch Osterberg, wohl so benannt als Gegenstück zum im Westen der Stadt gelegenen Westerberg, der es nur auf 102 Meter Höhe bringt.

Bergab kommt uns ein Mercedes-Benz 170 entgegen, ein Typ, der von 1936 bis 1953 gebaut wurde. In der Vergrößerung erkennt man das Kennzeichenschild der Besatzungszeit: " BN" für Britische Zone Niedersachsen in weißer Schrift auf schwarzem Grund. Damit wird die Datierung der Aufnahme " um 1954" plausibel. Denn ab dem 1. Juli 1956 wurden die Kennzeichen auf das uns heute vertraute Kürzel " OS" in schwarzer Schrift auf weißem Grund umgestellt.

Die Bremer Straße hat noch ihre Vorkriegsbreite. Erst 1963 fiel die Baumreihe rechts, um vier Fahrspuren anlegen zu können. Da hatte Osnabrück den Weg zur " autogerechten Stadt" eingeschlagen. Die B 51 von Bremen nach dem Ruhrgebiet und weiter bis ins Saarland sollte vierspurig durch die Hasestadt geführt werden. Heute dreht sich das Rad wieder anders herum, die Bremer Straße schrumpft auf zwei Spuren zurück.

Die ersten Straßenbauer auf dem Schinkelberg standen vor 200 Jahren in Diensten des französischen Kaisers Napoleon. Er befahl den Bau einer Heerstraße vom Rheinland über Osnabrück nach Hamburg, um seine Truppen besser bewegen zu können. Die Schinkeler Bevölkerung fand das alles nicht so toll. Sie musste für den Bau der Chaussee 1811/ 1812 unbezahlte Arbeitsdienste leisten.

Das einzeln stehende Haus am linken Bildrand mit der Nummer 145 beherbergte damals einen Kolonialwarenladen. Später war hier die Wäscherei und Heißmangel von Eduard Voß. Die sich anschließend den Berg hochziehenden, einheitlich gestalteten Wohnhausblöcke Nr. 147 bis Nr. 175 wurden zwischen den Weltkriegen erbaut und haben die Bomben überlebt. Ebenso das markante " Schinkeltürmchen" am rechten Bildrand. Wirt Carl Becker hat es vor hundert Jahren errichten lassen. Fortan hieß sein Restaurant " Wilhelmsturm", nicht zu verwechseln mit der Gaststätte " Zur Wilhelmshöhe", neun Häuser weiter bergauf.

Das Kaffeehaus Wilhelmsturm war ein beliebtes Ausflugsziel mit Biergarten, Kinderspielplatz, Rehgehege und Affenkäfig. Wenn der Osnabrücker Mandolinenverein zum Frühkonzert lud, wurde es rappelvoll. " Stell zu sechse deinen Wecker, es ist Frühkonzert bei Becker", lautete der Werbespruch.

Der Sportverein TV Fichte hatte hier sein Vereinslokal ebenso wie der Ziegenzuchtverein. Im letzten Krieg bezogen Meldeposten der Feuerwehr den Turm. Der gute Überblick über die Stadt erlaubte es, nach Luftangriffen die Rettungs- und Löschtrupps gezielt einsetzen zu können.

Familie Becker-Reczkowski führte das Lokal noch bis in die 1970er-Jahre. Dann wechselten die Pächter und die Namen. Mal war es die Diskothek " Surf-In", dann der " Fiaker" mit einer alten Kutsche als Erkennungszeichen auf dem Dach. Unter dem holländischen Wirt Ad Bink machte es sich als " Café Untreu" einen guten Namen. Aktuell betreibt ein spanischer Besitzer dort die Tapas-Bar " El Toro". Das zu Ehren Kaiser Wilhelms errichtete Aussichtstürmchen ist adrett in den spanischen Nationalfarben Gelb und Rot herausgeputzt.

Bildtexte:
Das waren noch Zeiten: die Bremer Straße als schmale geflickte Chaussee um das Jahr 1954. Der Blick geht stadtauswärts den Schinkelberg hinauf. Die Straße verläuft hier durch den heutigen Stadtteil Widukindland.

Der Wilhelmsturm rechts und die Siedlungshäuser links sind als Konstante erhalten geblieben.

Fotos:
Joachim Dierks/ Archiv
Autor:
Joachim Dierks


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