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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Opa Heinrich war Tante Emma.
Zwischenüberschrift:
Von 1919 bis 1969 verkaufte Heinrich Stockhowe Lebensmittel an der Tannenburgstraße.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Mit etwas Nachdenken kommt Heinz-Udo Böker auf 13 Geschäfte. 13 Orte, an denen man in seiner Jugendzeit in der Tannenburgstraße Lebensmittel einkaufen konnte. Einer davon war der Laden seines Großvaters Heinrich Stockhowe in der Tannenburgstraße 111. Wenn man heute die 236 Häuser der Straße abgeht, trifft man noch auf genau ein Einzelhandelsgeschäft, das Essbares anbietet.

Die Entwicklung hin zu großflächigen Supermärkten und Discountern kann man beklagen oder achselzuckend hinnehmen oder, mit Blick auf das Preisniveau, sogar begrüßen. Fest steht für Böker jedoch, dass mit dem Sterben der kleinen Läden auch ein Stück nachbarschaftlicher Identität und Vertrautheit verschwand. " Früher, da gab es hier außer unserem Laden noch Entrup und Hüdepohl und Eisele, dann die Bäcker Meinker und Tepe", zählt Böker auf. An Schlachtern fallen ihm Schwan und Bernhard Lucas ein. Puke und Helmkamp waren Milchläden. Nicht zu vergessen die Fischhalle, die Drogerie Deuper und Tabakläden, wo man auch Schlickersachen kriegen konnte.

Gleich nach dem Krieg waren es oftmals die Frauen, die Ladengeschäfte weiterführten oder neu eröffneten. Wenn der Mann noch in Gefangenschaft war, konnten sie auf dem Wege ihre und ihrer Kinder Existenz sichern. Opa Heinrichs Lebensmittelladen warf nicht so viel ab, als dass die ganze Großfamilie davon hätte leben können. Heinz-Udos Mutter Hedwig Böker, geborene Stockhowe, machte auf der anderen Straßenseite in Nummer 106 a, einem eingeschossigen Behelfsbau, ein Handarbeitsgeschäft auf. Da gab es Nähgarn, Wolle und allerlei Kurzwaren wie Kräuselband, Haken und Ösen, Druckknöpfe und Namensläppchen zum Einnähen. Wichtiger Geschäftszweig war der Laufmaschen-Reparaturdienst. Nylonstrümpfe waren vergleichsweise teuer, sodass sich das " Aufnehmen" von Laufmaschen lohnte. Dafür berechnete Mutter Hedwig 10 oder 20 Pfennige, richtige Löcher zu schließen war etwas teurer. Eine ganze Anzahl weiterer Läden in der Umgebung fungierte als " Strumpf-Annahmen". Heinz-Udo musste mit dem Fahrrad die Läden abklappern, die Seidenstrümpfe abholen und nach der Reparatur wieder ausliefern.

" Tja, es wurde nichts weggeworfen, es wurde alles repariert." Heinz-Udo Böker meint, dass dadurch mehr Respekt gegenüber den Dingen herrschte, die schlaue Leute erfunden hatten und die mit Arbeits- und Materialeinsatz hergestellt worden waren. Mutter und Schwester saßen abends zu Hause über ihrer Reparaturvorrichtung Marke Kolibri und nahmen Laufmaschen auf. Es wurden aber auch neue Strümpfe verkauft. Ein Handelsvertreter hatte in den 50er-Jahren ein elegantes Damenbein aus Celluloid als Werbeträger im Laden aufgebaut. Irgendwelche Nachbarn beschwerten sich, sie befürchteten eine sittliche Gefährdung der heranwachsenden Jugend. Die Gewerbeaufsicht schritt ein. Hedwig musste das Bein aus der Auslage entfernen.

Zu den historischen Bildern aus dem Familienarchiv kann Heinz-Udo, Jahrgang 1940, naturgemäß nur Überliefertes beisteuern. Die Bilder zeigen das Ladengeschäft des Großvaters kurz nach der Eröffnung im Jahr 1919. Heinrich Stockhowe stammte von einem Bauernhof in Venne. Da er nicht als Hof erbe vorgesehen war, ging er zur Bahn nach Osnabrück, oder besser gesagt, in die Industrievorstadt Schinkel.

Kostenloses Bürgerrecht

Vermutlich aus dem Pflichtteil des Hoferbes kaufte er sich das Haus Tannenburgstraße 111. Als Schinkel 1914 zu Osnabrück kam, erhielt Stockhowe als Hauseigentümer die Bürgerrechte der Stadt kostenlos verliehen. Das geht aus einem Schriftstück hervor, mit dem der Magistrat der Stadt Osnabrück ihn zu " Vereidigung als Bürger" in den Saal des Wirts Beinke, Restaurant Rosenburg, Mindener Straße 1, einlud. Nicht-Hausbesitzer hatten gemäß Eingemeindungsvertrag ein " Bürgerrechtsgewinngeld" von 7, 50 Mark zu zahlen. Weitere Voraussetzungen: Sie mussten wenigstens acht Jahre in Schinkel gewohnt haben, durften in der Zeit keine Unterstützung aus der öffentlichen Armenkasse bezogen haben und durften nicht vorbestraft sein.

In einer Ehrenurkunde, die er als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg erhielt, wird Stockhowes Beruf als " Güterbodenarbeiter" bezeichnet. Vermutlich im Akkord belud und entlud er Güterwaggons. Das dürfte eine ziemliche Plackerei gewesen sein, so ohne Gabelstapler, alles in Handarbeit oder höchstens mit Sackkarre. Da war die berufliche Veränderung mit der Eröffnung des " Colonialwarengeschäfts" ein Schritt in Richtung mehr Lebensqualität, vermutet der Enkel. Erst nahm der Laden nur die rechte Haushälfte im Hochparterre ein. Später wurde umgebaut, da erstreckte sich der Laden über die gesamte Hausbreite.

Eigenes Obst verkauft

Heinz-Udos Mutter Hedwig, Jahrgang 1914, half ab 1923 im Laden mit. Ein kleines Fußbänkchen wurde ihr hingestellt, damit sie über den Tresen gucken konnte. Dann durfte sie mithelfen beim Abwiegen, beim Abzählen, beim Verpacken. Oder sie erntete Stachelbeeren und Johannisbeeren im Garten hinter dem Haus. Was der Garten hergab an Obst und Gemüse, wurde im Laden verkauft.

In den 1960er-Jahren zog Heinrich Stockhowe sich langsam zurück, verpachtete den Laden erst an Gottfried Kaiser und dann an Anny Kowarz. 1969 stürzte er auf der Kellertreppe und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu, von dem er sich nicht mehr richtig erholte. Zur Passivität verurteilt, starb er 1971 im Alter von 86 Jahren.

Aus dem langjährigen Lebensmittelladen wurde später ein Elektrogeschäft, dann eine Versicherungsagentur. Heute residiert dort eine Fahrschule.

Bildtext:
Gruppenbild zur Eröffnung im Jahr 1919.

Das Colonialwarengeschäft an der Tannenburgstraße 111 in einer Aufnahme von 1929.

Die Oma mit einer Tante auf dem Arm.

Eine Fahrschule residiert heute in dem nach dem Krieg wiederaufgebauten Haus.

Fotos:
Die Fotos stammen aus der Sammlung von Heinz-Udo Böker./ Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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