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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Shopping-Center: Heil oder Tod der Städte?
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Bis 2014 entstehen in Deutschland 38 neue Einkaufszentren – Beispiel Osnabrück
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Originaltext:
Osnabrück. In Osnabrück lässt sich wie unter einer Lupe beobachten, was sich zurzeit in 38 weiteren Städten Deutschlands abspielt. So viele Einkaufscenter sollen nach Angaben des deutschen Interessenverbandes der Shoppingcenter (DCSC) 2012 bis 2014 in Deutschland an den Markt gehen. In so vielen Städten tobt derselbe Streit. Die City-Center Partner oder Killer des innerstädtischen Einzelhandels?

Vom geplanten Einkaufszentrum am Osnabrücker Neumarkt bis zum Weinhandel Fohs in der Altstadt sind es 756 Schritte. Zu viel für einen durchschnittlichen Shopping-Bummler. Deshalb macht sich Herlinde Fohs große Sorgen um ihr Geschäft, um die Altstadt und überhaupt um den Einzelhandel. In ihrem Kampf gegen die Centerentwickler hat sie clevere Verbündete an ihrer Seite, aber den politischen Willen gegen sich.

Die Neumarkt-Arcaden werden, wenn aus Sicht des Centerentwicklers mfi (Management für Immobilien) aus Essen alles nach Plan läuft, 2015 die Türen öffnen. Diesen Plan wollen Herlinde Fohs und ihre Kollegen der Initiative " Lebendiges Osnabrück" durchkreuzen. Ihr Ziel: Das Einkaufszentrum verhindern oder zumindest auf eine Größe schrumpfen lassen, die keine Gefahr mehr für den etablierten Handel darstellt.

Maßanzug statt XXL

Oldenburg hat diese Auseinandersetzung schon hinter sich und dabei einen Oberbürgermeister verschlissen. Die Schlosshöfe, gebaut von Deutschlands größtem Centerunternehmen ECE, sind seit März 2011 am Markt. Der örtliche Handel hat Frieden mit dem Center geschlossen, das mit 12 500 Quadratmeter Verkaufsfläche relativ klein ist.

International sind die Maßstäbe noch anders. Dort gilt immer noch: Groß ist gut. Das Westfield Stratford Shoppingcenter in London (2011 eröffnet) ist mit 175 000 Quadratmeter Verkaufsfläche die größte Mall Europas. Ein Koloss, der allen Handel im Umfeld erdrückt.

Osnabrück ist nicht London. Das geplante Center am Neumarkt wird höchstens 21 500 Quadratmeter Verkaufsfläche für 100 Shops haben. Die durchschnittliche Größe in Deutschland liegt nach Angaben der Centerlobby bei 27 000 Quadratmetern. Der Trend geht zum " Maßanzug statt XXL", sagte der Vorstandssprecher des Center-Interessenverbandes, Stephan Jung, neulich der " Welt". Vor diesem Hintergrund wirken das Centro in Oberhausen (105 000 Quadratmeter) oder der Ruhrpark in Bochum (126 000) wie Dinosaurier.

In die Zentren

Und die Centerbauer streben in die Zentren, auch kleinerer und mittlerer Städte wie Lingen und Meppen. In Lingen hat sich die Lookentor-Passage (18 000 Quadratmeter Verkaufsfläche) als Bindeglied zweier Einkaufsstraßen bestens integriert. In Meppen entsteht zurzeit ein Center (13 000 Quadratmeter) am Rande der City.

Auch der Neumarkt in Osnabrück ist ein Randgebiet, allerdings mit der höchsten Passantenfrequenz in der Stadt. Denn der Platz, der einst die Grenze zwischen Alt- und Neustadt markierte und an dem heute die Fußgängerzone endet, ist der Knoten für den Nahverkehr. 90 000 Menschen steigen hier täglich in die Busse. Spontane Siegensfeiern der Fußballfans finden hier statt, nicht vor dem Rathaus. Für Demonstranten und Karnevalisten ist der Neumarkt der zentrale Punkt ihrer Routen, weil sie hier die meisten Menschen erreichen.

Und so sieht der Platz auch aus: benutzt und verlebt. Der Niedergang wurde unübersehbar, als der Textilunternehmer Hans-Rudolf Wöhrl 1999 das Haus am Neumarkt verließ. Es folgten ein paar Billigheimer. Seit 2007 steht die Immobilie mit über 7000 Quadratmeter Verkaufsfläche leer.

Die Diskussion über eine Neugestaltung des Neumarktes als Verkehrsknoten und Handelszentrum dominiert die Stadtpolitik seit Jahren. Erschwerend kommt hinzu, dass unterm Asphalt eine kleine Einkaufsgalerie ruht: 1964 als Errungenschaft gefeiert, zwischenzeitlich verkleinert und aufgefrischt, heute ein Millionengrab. Der Fußgängertunnel soll zugeschüttet werden, damit es oben endlich weitergehen kann.

Schon einmal stand ein Centerentwickler bereit, den Neumarkt umzukrempeln. Branchenprimus ECE wollte 2004 den Justizkomplex mit historischem Landgericht und Gefängnis kaufen. Es war ein überdimensioniertes Projekt, das an den Preisforderungen des Landes scheiterte.

Nicht wenige Osnabrücker reagierten mit Erleichterung. Auch Herlinde Fohs, die damals noch nicht in der ersten Widerstandslinie stand, aber schon sicher war, dass die Center den Tod des inhabergeführten Einzelhandels bedeuten. " Die Center wollen in wenigen Jahren an sich raffen, was der Einzelhandel über hundert Jahr in den Innenstädten aufgebaut hat", sagt die 58-jährige Weinhändlerin.

Der Rauschen-Coup

Der Wein ist ihr Fach, nicht die Immobilienwirtschaft. Ihre Tochter ist Weinakademikerin, in ihrem Geschäft in bester Altstadtlage arbeiten sieben Teilzeitkräfte. Vor ein paar Jahren wurde sie Sprecherin der Geschäftsleute in der Krahnstraße, und als die Centerpläne am anderen Ende der Innenstadt immer konkreter wurden, stand sie plötzlich an der Spitze der Gegenbewegung. " Lebendiges Osnabrück" heißt das Bündnis der Kaufleute, die sich vom Center keine Vorteile versprechen und, das sagen sie zumindest, sich um die Stadt sorgen.

Aus diesem Kreis kommen die tat- und finanzkräftigen Verbündeten von Herlinde Fohs, darunter die Familie Rauschen. Dieter und Mark Rauschen führen das größte inhabergeführte Modehaus Norddeutschlands Lengermann und Trieschmann, besser bekannt als L+ T. Das Haus reagierte auf die erste Centerdiskussion vor zehn Jahren mit Millioneninvestitionen. Inzwischen ist das Modehaus selbst ein ausgewachsenes Center (18 500 Quadratmeter Verkaufsfläche) mit Schwerpunkt Mode. Wo L+ T ist, ist die 1-a-Lage in Osnabrück.

Den Rauschens ist vor wenigen Wochen ein Husarenstück gelungen. Sie schnappten dem Centerentwickler mfi drei Häuser im geplanten Center-Gebiet vor der Nase weg. SPD-Oberbürgermeister Boris Pistorius schäumte. Politiker von SPD, Grünen und Linken wetterten gegen " Stadtpolitik mit dem Scheckbuch". Die CDU klopfte Rauschen auf die Schulter.

Darin spiegeln sich die politischen Frontlinien. Die CDU will ein Mini-Center und profiliert sich als Schützerin des lokalen Einzelhandels. Auf der anderen Seite steht eine breite und bunte Mehrheit aus SPD, Grünen, FDP, Unabhängigen und Piraten. Und selbst die Linken haben keine Angst vor den Center-Kapitalisten. Der Stadtrat stimmte im Frühjahr mit dieser bunten Mehrheit für ein Center mit 21 500 Quadratmeter Verkaufsfläche, was der Empfehlung unabhängiger Gutachter entspricht. SPD-Fraktionschef Frank Henning bezifferte die Investitionssumme, die am Neumarkt durch den Centerbau in den kommenden Jahren ausgelöst werde, auf 220 Millionen Euro.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Der Rauschen-Coup der Kauf der drei Häuser im Plan-Gebiet zwingt die Centerentwickler zum Umplanen. Der Grundriss zieht sich im Zickzack um die Rauschen-Häuser. Und weil das Land Niedersachsen einen Mietvertag für die Universität gerade um zehn Jahre verlängert hat, fehlt auch an anderer Stelle ein großes Stück vom geplanten Centerkuchen. Das Projekt habe einige " Zahnlücken", wie Klaus-Martin Callhoff von mfi einräumt, gefährdet sei es nicht. mfi will jetzt in zwei Schritten bauen: zunächst ein kleines Center mit 16 500 Quadratmeter Verkaufsfläche, das später auf 21 500 Quadratmeter erweitert werden soll.

Je kleiner, desto Flop

Der Plan ist nicht ohne Risiko. " Je kleiner, desto Flop", sagt die Branche. Der erste Bauabschnitt bliebe unter der von unabhängigen Gutachtern empfohlenen Untergrenze von 18 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Aber mfi ist fest entschlossen: " Wir wollen nach Osnabrück", versichert Callhoff.

Auf Herlinde Fohs wirkt das nicht wie die Bestätigung von Osnabrücks hoher Wirtschafts- und Kaufkraft, sondern wie eine Drohung. mfi ist nach ECE das zweitgrößte Shopping-Center-Unternehmen in Deutschland. Dass jetzt der französische Immobilienkonzern Unibail-Rodamco die Mehrheit bei mfi übernommen hat, macht Herlinde Fohs noch misstrauischer. Sie vertraut den Beteuerungen von mfi nicht, die Center langfristig selbst betreiben zu wollen. Fast philosophisch ihre Erklärung: " Das Kapital ist wie ein Ozean, unübersehbar, unkontrollierbar, immer in Bewegung."

Bildtexte:
Mahnerin: Herlinde Fohs, Sprecherin der Initiative " Lebendiges Osnabrück".

Der Neumarkt in Osnabrück: Rechts endet die Fußgängerzone, links soll das Shopping-Center entstehen. Dazwischen liegt der verkehrsreichste Platz der Stadt.

Fotos:
Gert Westdörp/ Jörn Martens
Autor:
Wilfried Hinrichs


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