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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
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Überschrift:
Ker, Ker, Ker: Osnalgie im Internet
Zwischenüberschrift:
Von Schmöttke bis Schnotten-Meyer: Facebook-Gruppe verbreitet Osnabrücker Nostalgie
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Seit etwa zwei Wochen sorgt die offene Gruppe " Du lebst schon lange in Osnabrück, wenn…" bei Facebook für Furore. In dieser Zeit haben sich über 7300 Hiergebliebene und Ausgewanderte in dieser Gruppe angemeldet und Kommentare und Fotos aus der Vergangenheit und der Gegenwart gepostet. Die Mitglieder dieser Gruppe verbindet analog zur Ostalgie eine ganz besondere und neue Form der Nostalgie: die Osnalgie.

Einer der ersten Einträge in der Facebook-Gruppe war Michael Stredelmanns Frage nach den " Feinheiten unserer Osnabrücker Sprache". Er selbst hat entdeckt, dass die Hasestädter sagen: " Lass uns schwümm gehen". " Viele Osnabrücker scheinen Probleme mit der Aussprache des , i′ zu haben und benutzen stattdessen ein , ü′", kommentiert er seinen Eintrag.

Mittlerweile wurden über 800 Beiträge zu dem Thema gepostet. Stredelmann identifizierte die Wörter " Schnotten" und " Schmöttke" als " Osnabrückisch". Hein Bloed schränkt augenzwinkernd ein: " Echte Schmöttke ist aber nur die, in die man selbst reingepinkelt hat". Ruth Muras-Wickert kennt den " Schmöttkebäcker". Das sei keineswegs jemand, der mit Matsch und menschlichen Ausscheidungen spielt, sondern ein Töpfer, schreibt sie.

Die Mitglieder der Gruppe haben Wörter entdeckt, die es anscheinend nur in Osnabrück gibt. Dirk Seifert geht " aufen Jatzer", wenn er zum Jahrmarkt möchte. Amerikanische Kaufhausketten wurden in Osnabrück rigoros eingemeindet. So hat Joerg Kowalsky entdeckt, dass die Osnabrücker sagen: " Wir gehen inne Wollwort", meinen aber Woolworth, das in der Lautsprache " wuhlwörss" ausgesprochen wird. Wenn Yvi Mktme " Schlickersachen" einkaufen geht, werden ihr nur in Osnabrück Süßigkeiten abgerechnet. Wer das erstaunlich findet, sagt in der Friedensstadt " Ker, Ker, Ker!", so der Kabarettist Kalla Wefel. Ein gewisser Smooth Jimmy Apollo schreibt: " Die wohl prägnanteste Redewendung in Osnabrück ist wohl: , Da nich für′, als Replik auf ein Danke. Alle anderen Deutschen sagen wohl einfach: bitte. Wie fantasielos . . ."

Sekt aus dem Bordell

Viele der scheinbar typisch osnabrückischen Redensarten, wie zum Beispiel Sonne küken für Marienkäfer, gibt es auch woanders. Dass Menschen aus dem Rest der Republik wenig mit Osnabrückisch anfangen können, berichtet eine Teilnehmerin: Sie hat die Redewendung " unterm Tunnel" benutzt, wenn sie durch die ehemalige Unterführung gegangen ist. " Ich habe es versucht, hier im Ausland meinen Kollegen zu erklären, aber , unterm Tunnel′, das muss man fühlen, und das kann nur ein Osnabrücker." Dass das hiesige Idiom sich mittlerweile herumgesprochen hat, erfuhr ein anderes Mitglied der Gruppe: " Bis vor ein paar Jahren dachte ich, dass wir reinstes Hochdeutsch sprechen, bis jemand im Ägyptenurlaub nach vier Sätzen sagen konnte, dass ich aus Osnabrück komme."

Doch es sind nicht nur die Fein- und Grobheiten der Osnabrücker Sprache, an denen sich die Mitglieder der Gruppe erfreuen, sondern auch die Orte der Vergangenheit. Viele denken wehmütig an die Tage, an denen sie im Alando schwimmen gehen konnten. Die heutige Diskothek befindet sich in den Räumen des ehemaligen Pottgrabenbads. Dort gegenüber befand sich früher eine Filiale des Café Meyer (Osnabrückisch: Schnotten-Meyer). Gänzlich verschwunden ist das Freibad Wellmannsbrücke. Die Fotos von dem Bad werden ebenso bei Facebook gepostet wie Bilder der Kaufhäuser Hertie und Horten (Osnabrückisch: Herten und Hortie), Fotos der Fußgängerzone, als dort noch Schaukästen standen und auf der Hamburger Farm noch Buletten gezüchtet wurden, oder von alten Diskotheken wie dem Hyde Park an der Rheiner Landstraße oder im Zelt, Subway oder Cincinati.

Dinge, die es nicht mehr gibt, feiern bei Facebook ihre Wiederauferstehung. So zum Beispiel die Nordkurve im Stadion an der Bremer Brücke, Soft-Eis mit Schokoladenüberzug im Tunnel, das damals auf einem Plakat als " Neger-Eis" angepriesen wurde, oder Osnabrücker Sekt aus dem Bordell an der Rehmstraße 75. Tobias Sunderdiek hat die " Puffbrause" ein paar Jahre nach der Schließung des Etablissements an einem Altglascontainer am Jahnplatz gefunden.

Der Fotograf Axel Nerger hat ein riesiges Archiv von Osnabrück-Fotos, die er zum Teil vom seinem Vater Bruno und dessen Kompagnon Wolfgang Erdmann geerbt hat. Zum Teil hat er in den Achtzigerjahren selbst einige Fotos geschossen. Ein paar dieser Fotos sind in der Gruppe zu sehen. Sie sollen auch in einer Ausstellung gezeigt werden. Ort und Datum sind aber noch unbekannt. Für den 53-jährigen Nerger ist die Gruppe ein " Phänomen". " Plötzlich kommt alles wieder hoch." Ihn packe nicht die Wehmut, sagt er. Der Anblick der alten Fotos sei für ihn ein Stück Zeitgeschichte. " Unglaublich, wie viele Sachen plötzlich angestoßen werden, an die man seit vielen Jahren nicht mehr gedacht hat", sagt Frank Eilermann. Er schaut sich die Fotos bei Facebook mit Wehmut an. " Das ist ja die gute alte Kindheit und Jugend, als es noch keine Sorgen und Probleme gab."

Einarmiger Türsteher

Joerg Kowalsky erhofft sich durch die Fotos Denkanstöße: Ein besonders schöner Nebeneffekt wäre für ihn, wenn durch " Früher-Heute-Bilder" zukünftig vielleicht einige Bausünden vermieden werden könnten. Die Stadtväter sollten sich nicht im Kräftemessen mit Bielefeld und Münster dazu verleiten ließen, Osnabrück zu einer weiteren uniformen, gesichtslosen Stadt zu machen, von denen es seiner Meinung nach in Deutschland schon genug gibt. " Osnabrück sollte auch in Zukunft so bleiben, wie es ist: L( i) ebenswert provinziell mit (noch) eigenem Charakter."

Liebenswert sind natürlich auch die Osnabrücker selbst, die in der Facebook-Gruppe gewürdigt werden. Der Elvis-Imitator Johnny Reno wird wieder zum Leben erweckt, an den einarmigen Türsteher Karl von der Diskothek Castel wird erinnert oder an legendäre Wurst-Verkäuferinnen. Simone Bittner fragte: " Kennt jemand noch diese kleine Pommesbude in der Möserstraße gegenüber von Horten, wo jetzt in dem Carree Pett ist? Da waren so ältere Damen drin und haben den Laden gerockt." Heiko Füchsel konnte ihr helfen: " Eine der Damen war Meta! Die hatte in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Imbiss , Bei Meta′ an der Lerchenstraße. Die Kult-Pommesschmiede damals."

Dass Facebook nur von jungen Leuten genutzt wird, widerlegt die Gruppe " Du lebst schon lange in Osnabrück, wenn . . .". Die Erinnerung an alte Zeiten steckt aber auch jüngere Semester an: " Ich bin 25 Jahre alt und bin fasziniert darüber, wie Osnabrück mal ausgesehen hat", schreibt Lady Leo Tölle. Alman Ali ist ebenso begeistert: " GEILLLLL. . . Mann, diese Seite hat Kultcharakter." San Dra schreibt über die Gruppe: " Das ist wie eine Sucht." Wer möchte, kann Stunden im Internet verbringen und die Seite durchforsten. Dabei bleiben aber andere Dinge unerledigt, wie ein Mitglied schreibt: " Ich wollte schon seit Stunden putzen, einkaufen etc." Für Aloysius J. Eilermann ist die Facebook-Gruppe das " interaktive Osnabrück-Museum".

Gegründet worden ist die Gruppe von Tanja Heinrich. Die 37-jährige Verpackerin ist einer Bünder Gruppe zugefügt worden, die das gleiche Ziel verfolgt wie die Osnabrücker: Einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und den Vergleich mit heute zu wagen. " Ich wollte gucken, ob das Konzept auch in Osnabrück aufgeht", sagt sie.

Von dem Erfolg wurde die Mutter einer Tochter überwältigt. Schon nach vier Tagen hatten sich über 3000 Menschen angemeldet. In Ostwestfalen hat diese Art der Erinnerungskultur bereits Konjunktur. Nach Angaben der " Neuen Westfälischen Zeitung" waren in Bielefeld mehr als 9000 Mitglieder angemeldet, in Herford 4600 und in Bünde 3700. In Berlin zählte die Zeitung 38 Teilnehmer, in Köln immerhin 158.

" Köln ist eher in Vierteln aufgeteilt", meint Heike Fritsch. Die gebürtige Osnabrückerin lebt seit 1986 in der Domstadt. " Ich werde aber nie eine Kölnerin", sagt sie. Der Kontakt zu ihrer Geburtsstadt ist nie abgebrochen. Mit Osnabrück verbinde sie viele Erlebnisse und viele Gefühle. " Das ist Teil meiner Identität." Beate Bröcker lebt schon seit 20 Jahren nicht mehr in Osnabrück. Die Neu-Magdeburgerin findet es aber gut, in der Gruppe die eine oder andere Erinnerung auffrischen zu können. " Osnabrück ist Heimat für mich", sagt sie.

Wefels Heimatabend

Auch der Musiker und Kabarettist Kalla Wefel kehrte der Stadt einst den Rücken. Ihm sei Osnabrück zu eng gewesen, meint er. " Heute ist die Stadt weltoffen", sagt er im Ernst, um im Scherz zuzufügen: " Das gilt nicht unbedingt für die Politik."

Wefel ging nach Hamburg und kam vor einigen Jahren zurück. In Osnabrück gibt es viele Geschichten zum Ausgraben, glaubt er. " Die Gruppe ist ein besseres Tagebuch, als man selbst schreiben kann." Für ihn ist die Seite Inspiration. Im Herbst soll es einen " Heimatabend" zu dem Thema geben. Der Kabarettist ist neben Heiko Schulze und Alfred Büngen Herausgeber einer Osnabrück-Anthologie. Ein zweiter Band ist in Planung. Vielleicht taucht dann die eine oder andere Geschichte aus Facebook in einem richtigen Buch auf.

Bildtexte:
In weißen Tennis-Socken und Sandalen über den Nikolaiort: Die Osnabrücker waren auch in den Achtzigerjahren stilbewusst.
Da waren die Haare noch lang: Ex-Bundespräsident Christian Wulff freut sich über ein Fahrrad. Gefunden wurde das Foto von Kalla Wefel in der Stadion-Zeitung " VfL-Echo".
Puffbrause: Tobias Sunderdiek hat diesen Sekt gefunden, der im Bordell an der Rehmstraße 75 ausgeschenkt wurde.
Country & Western in der Martinistraße.

Fotos:
Axel Nerger, Sunderdiek
Autor:
Thomas Wübker


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