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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wechselnde Aussichten.
Zwischenüberschrift:
Auf dem Flugplatz Netter Heide entstand die Winkelhausen-Kaserne.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die Bauart von Sonnenschirm und Gartenstuhl hat sich in den vergangenen 80 Jahren nicht wesentlich verändert, wie die Aufnahme aus dem Jahr 1931 zeigt. Die Aussicht von der Kaffee-Terrasse des Gasthauses Riemann hingegen sehr. Wo in der Anfangszeit der Fliegerei tollkühne Männer Kopf und Kragen riskierten, versahen später deutsche Soldaten und nach 1945 britische ihren Stubendienst. Und demnächst werden dort Finanzbeamte kritische Blicke auf die Steuererklärungen der Landkreis-Bürger werfen.

Die Fliegerei war in der Anfangszeit ein Publikumsmagnet ersten Ranges. Gastwirt Albert Riemann und seine Frau Elisabeth, die Großeltern des heutigen Geschäftsführers der Weinhandlung, Tim Riemann, nutzten die Gunst der Stunde und ihres Standortes und machten die Dachfläche der Kegelbahn kurzerhand zur " Flugplatz-Terrasse": Von dort oben hatte das geneigte Publikum einen guten Weitblick über Osnabrücks ersten Verkehrslandeplatz bis hin zum Hangar in der Bildmitte.

Dieser Hangar existiert bis heute. Er gilt als der erste freitragende Flugzeug-Hangar Europas, um 1914 in der damals revolutionären Stahlbetonbauweise errichtet. Er überspannt eine Fläche von 600 Quadratmetern stützenfrei, sodass bis zu sechs Flugzeuge darin geparkt werden konnten. Heute hat die Tiefbaufirma Clausing dort ihren Sitz. Firmenchef Christian Staub fühlt sich dem luftfahrthistorischen Erbe verpflichtet. Auch wenn in der Halle jetzt Rüttelplatten und Bagger repariert werden, gab er dem Äußeren kürzlich einen Anstrich wie vor hundert Jahren, einschließlich der historischen Landeplatz-Kennzeichnung " Osnabrück" in Großbuchstaben.

Die Beziehung des Anwesens Riemann zur Netter Heide reicht bis in die Zeiten vor der Fliegerei zurück. Lange bevor Flugpioniere wie Ernst Friedemeyer, Hermann Patberg, Gustav Tweer und Reinhold Tiling den Platz für ihre Zwecke nutzten, robbten die Schützen des Infanterieregiments 78 durch die sandigen Gestrüppflächen ihres Übungsgeländes. Bei einem Kaisermanöver im Jahr 1871 war Kaiser Wilhelm I. von der prompten Belieferung der Truppen mit Verpflegung und Getränken durch Tim Riemanns Urgroßvater Franz so angetan, dass er ihm spontan und handschriftlich eine Schankkonzession für geistige Getränke aller Art ausstellte. Seitdem entwickelte sich der Kolonialwarenhandel Riemann mehr in Richtung Gastronomie.

Als dann 1911 die Flieger kamen, war Riemann vor und nach dem Flug ein beliebter Treffpunkt. Weniger beliebt war die Pappelreihe entlang des Feldwegs, der zur " 78er-Straße" und später zur Straße An der Netter Heide wurde. Mehr als einmal blieben die kühnen " Aviatiker" mit ihren schwach motorisierten Flugapparaten beim Anflug zur Landung in den Ästen hängen. Tim Riemann erinnert sich lebhaft an die spannenden Erzählungen seiner Großmutter Elisabeth, geborene Coppenrath, die viele Bruchlandungen mitbekommen hatte. Deren Bruder war Fliegerkollege von Reinhold Tiling. Auch Tim Riemanns Vater Eugen war begeisterter Flieger.

Die " Deutsche Luftfahrt Zeitung" druckte 1914 ein " Verzeichnis der Landungsgelände mit Schuppen in Deutschland" ab. Mit Bezug auf den Hangar Netter Heide heißt es dort: " Wegen Hallenschlüssel hat sich der Flieger an den Gasthof Riemann, Querstraße 23, zu wenden." Die Querstraße heißt heute Quirllsweg. Tim Riemanns Tante schrieb bis vor wenigen Jahren noch aus alter Gewohnheit " Querstraße" auf ihre an Riemanns adressierte Post, " und die kam immer an", so Tim Riemann.

Der Flugplatz Netter Heide erlebte in den 1920er-Jahren seine verkehrsreichste Zeit. In den Jahren 1925 bis 1933 starteten von hier viersitzige Focke-Wulf " Möwe", später auch größere Linienmaschinen der " Luftverkehr Osnabrück G.m.b.H." und der " Deutschen Luft Hansa AG", etwa nach Dortmund und Frankfurt oder nach Bremen und Wangerooge. Adolf Hitler landete 1932 mit einer dreimotorigen Junkers JU 52, um eine Wahlkampfrede auf dem Klushügel zu halten. 1934 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Die Wehrmacht übernahm das Gelände und begann mit dem Bau der Winkelhausen-Kasernen mitten auf der Start-und-Lande-Bahn.

Zehn Jahre hatte die deutsche Wehrmacht das Kommando über das 31 Hektar große Kasernengelände einschließlich des Heeresverpflegungslagers am Kanal, bis es 1945 die britische Besatzungsmacht übernahm und in Roberts Barracks umtaufte. Mit dem Abzug der Engländer Ende 2008 endete auch diese Ära. Nun stehen die ehemaligen Mannschaftsunterkünfte entlang der Straße An der Netter Heide vor einer Zukunft als Standort für Landesbehörden. Das Finanzamt Osnabrück-Land und Polizeidienststellen planen, nach hierhin zu verlegen.

Bildtext:
Riemanns Flugplatz-Terrasse bot den Gästen 1931 eine komfortable Aussicht auf den Flugplatz Netter Heide. Im Hintergrund der noch heute existierende Hangar.

Nach dem Bau der Kasernen gab es von der Dachterrasse aus nichts Spektakuläres mehr zu entdecken.

Fotos:
Ansichtskarte aus " Bildarchiv Alt-Osnabrück" Band 3, Hrsg. Wido Spratte, Osnabrück, H. Th. Wenner/ Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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