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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Am Antoniusweg herrscht "Totenstille".
Zwischenüberschrift:
Einmal um den Pudding: Wohnen am Friedhof – "Am Anfang habe ich kaum da hingesehen"
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Auf der anderen Straßenseite der Familien Greywe und Rethschulte liegt ein Friedhof. Einige potenzielle Mieter haben sich dadurch abschrecken lassen. Die Greywes und die Rethschultes schätzen die Ruhe am Antoniusweg in Voxtrup. Die ständige Anwesenheit des Todes hat aber Auswirkungen auf das Leben in der Nachbarschaft. " Dadurch bleibt man auf dem Teppich. Man sieht hier, dass es schnell vorbei sein kann", sagt Anna Rethschulte.

1934 wurden die Antonius-Kirche und der benachbarte Friedhof eingeweiht. 20 Jahre später entstand die Siedlung an der Straße, die damals noch Kirchweg hieß. Nach der Eingemeindung Voxtrups 1972 durfte der Kirchweg in Pye seinen Namen behalten, und der Antoniusweg wurde geboren. Hans Greywe (69) und Heinrich Rethschulte (75) wohnen seit 1954 dort. Sie kennen die Geschichte ihrer Straße.

Anna Rethschulte (72) ist auch in Voxtrup aufgewachsen. Nur Johanna Greywe (70) ist zugezogen. " Unser Torfkopp", wie sie von ihren langjährigen Nachbarn und Freunden humorvoll genannt wird, kommt aus Lähden im Emsland. " Als ich nach Osnabrück gezogen bin, hat mein Vater ein Schwein geschlachtet und uns das Fleisch gebracht, weil er dachte, ich verhungere in der Stadt", erinnert sich Johanna Greywe lachend.

Die Gegend um den Antoniusweg ist ländlich geprägt. Der Ausblick auf die Ausläufer des Teutoburger Walds vom Balkon der Rethschultes ist wunderschön. " In den Fünfzigerjahren konnte man von hier aus über die ganze Stadt sehen", erzählt Hans Greywe. Der Antoniusweg liegt auf einem Hügel. " Hier ist das Oberdorf, Düstrup ist das Unterdorf", feixt Greywe, der selbst in Düstrup aufgewachsen ist.

In die wundervolle Aussicht mischt sich jedoch Wehmut. " Wir haben vom Balkon das Grab unserer Tochter im Blick", sagt Anna Rethschulte. Tränen fließen ihr aus den Augen. Ihre Bettina musste sie vor zehn Jahren " hergeben", wie sie sagt. Sie starb an Krebs. Nun kümmern sich Anna Rethschulte und ihr Mann Heinrich um ihre Enkelin. Aber schon vor dem Tod ihrer Tochter war das Leben vis-à-vis zum Friedhof nicht einfach für sie: " Ich habe immer nur das Grab von Mama gesehen." Im Laufe der Jahre habe sie sich aber an den Blick auf den Friedhof gewöhnt, sagt sie.

" Am Anfang habe ich kaum da hingesehen", sagt Johanna Greywe. Damals haben auch die Leichenwagen vor ihrem Haus gestanden. Das habe sie mit ein wenig Furcht betrachtet, erzählt Johanna Greywe. Mittlerweile ist das Leben neben den Toten Normalität.

Anna Rethschulte erzählt, dass ihr späterer Schwiegervater den Schlüssel zur Leichenhalle hatte. " Wir haben uns die Toten immer angeguckt", sagt sie, als wäre es das Normalste von der Welt.

Für die Nachbarschaft am Antoniusweg ist das Leben gegenüber dem Friedhof angenehm. " Wir haben hier alles, was wir brauchen", sagt Hans Greywe. Neben dem wunderbaren Blick auf die Natur haben die Bewohner meistens ihre Ruhe. Die Geräusche der Autobahn rauschen zwar aus der Ferne bis zum Antoniusweg. " Ansonsten herrscht hier Totenstille", sagt Johanna Greywe, und erst nachdem sie es gesagt hat, fällt ihr die Ironie auf.

" Früher wohnten hier bis zu 80 Leute in der Straße", sagt Hans Greywe. Bis in die Sechziger- und Siebzigerjahre sei die Siedlung von Familien mit vielen Kindern bewohnt gewesen. " Zum Teil lebten elf Leute in einem Haus", berichtet Hans Greywe. Mittlerweile leben nur noch 20 Menschen am Antoniusweg. Es sind hauptsächlich Senioren.

Nicht jeder möchte direkt gegenüber von einem Friedhof wohnen. Anna Rethschulte erzählt, dass manche Interessenten schon am Telefon absagen, wenn sie von dem Gottesacker hören. Doch in letzter Zeit findet am Antoniusweg ein Generationenwechsel statt. Immer mehr Familien ziehen in die Straße, die Kinder der alteingesessenen Einwohner kehren mit ihren Kindern in den Antoniusweg zurück. " Das ist die Zukunft", sagt Anna Rethschulte.

Bildtext:
Mit Blick auf den Friedhof wohnen Heinrich Rethschulte, Hans Greywe, Johanna Greywe und Anna Rethschulte (von links) im Antoniusweg in Voxtrup. Sie haben sich an den Anblick gewöhnt.

Foto:
Egmont Seiler
Autor:
Thomas Wübker


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