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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Inhalt:
Überschrift:
Nah am Wasser gebaut.
Zwischenüberschrift:
Gut Sandfort in Voxtrup könnte Geschichte(n) aus sechs Jahrhunderten erzählen.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Geld, Mut und robuste Nerven müssen zusammenkommen, um ein altes Herrenhaus vor dem Verfall zu retten, an heutige Nutzungsstandards anzupassen und gleichzeitig die Auflagen des Denkmalschutzes zu erfüllen. Gut Sandfort in Voxtrup ist dieses Glück widerfahren. Vor fünf Jahren entrissen die Eigentümer des Modedesign- und Textilhandels-Unternehmens Backstage die malerisch gelegene Gutsanlage dem vorgezeichneten Untergang.

Freilich um den Preis, der meistens zu zahlen ist, wenn nicht öffentliche, sondern private Hände investieren: Der normale Sterbliche kann die stilsicher herausgeputzte Architektur nur aus der Distanz betrachten. Es ist den neuen Gutsherren nicht zu verdenken, wenn sie die Privatsphäre ihrer Wohnbereiche wahren und auch das noble Ambiente des gewerblich genutzten Torhauses und der weiteren Nebengebäude als Teil ihres Geschäftsmodells exklusiv halten möchten. Es bleibt ihr Verdienst, dass sie dem Stadtteil Voxtrup sein wohl bedeutendstes Stück Architektur erhalten haben.

Die historische Ansicht aus der Zeit vor 1907 zeigt die Rückseite des Herrenhauses in dem Bauzustand, als es noch den nicht so recht zu dem behäbigen Bau passenden filigranen Dachreiter trug. Rechts davon, hinter dem Gräftenteich geduckt, ist die Mühle mit ihrem hohen Dach zu erkennen. Der damalige Eigentümer Siegfried Jaffé hat die Postkarte mit einem persönlichen Gruß unterzeichnet. Ökonomierat Jaffé, in England zu Geld gekommen, kaufte 1891 dem Vorbesitzer Ischon das auch damals gerade nicht im Bestzustand befindliche Anwesen ab und steckte viel Geld hinein. Er galt als Mäzen der schönen Künste und ließ den Kunstmaler Franz Hecker zehn Jahre lang unentgeltlich bei sich wohnen. Ganz oben im Turm des Torhauses richtete er ihm ein Atelier ein. Das Torhaus und die weiteren Gebäude sind in dieser Ansicht vom Herrenhaus verdeckt.

Das hier abgebildete Herrenhaus stammt aus dem Jahr 1760. Dass es sich um einen verputzten Fachwerkbau handelt, wird auf dem aktuellen Foto an dem freigelegten Fassadenteil sichtbar, das nach Art eines " archäologischen Fensters" einen Blick in die Baugeschichte erlaubt.

Gut Sandfort wird als Ableger des mittelalterlichen Meyerhofs zu Molenseten (" die bei der Mühle Sitzenden") angesehen. Gottschalk von Ankum schuf nach 1534 aus dem Bauernerbe Molenseten das Gut, das aber erst nach 1689 den Namen Sandfort trägt. Durch Heirat, Erbgang und Kauf wechseln die Namen der Eigentümer in der langen Gutsgeschichte häufig. Im späteren 16. Jahrhundert war es die Familie von Roland, die auch nahe der Altstadt an der heutigen Rolandsmauer ihre Spuren hinterließ. Dr. Jost von Roland war Ratsherr und Bürgermeister.

Von 1716 bis 1835 stand Sandfort im Besitz der Familie von Reichmeister. Deren letzter Gutserbe, Carl Casimir von Reichmeister, wird als eine außerordentlich unternehmungslustige Person beschrieben, die aber an allem, was sie begann, nie sehr lange Freude hatte. 1812 installierte Carl Casimir auf dem Gut eine Glashütte, die mangels Absatzmöglichkeiten wenige Jahre später die Arbeit wieder einstellen musste. Nicht viel anders erging es der von ihm gegründeten " Sandforter Eisengießerei" und der " Sandforter Kornbrennerei". Schließlich versuchte er es mit einer Ziegelei, die immerhin 20 Arbeiter beschäftigte und in ihren besten Jahren 78 000 Ziegel, 60 000 Backsteine und 25 000 Klinker herstellte. Es half alles nichts, 1835 fiel von Reichmeister in Konkurs. Ein Gläubigerausschuss verpachtete fortan das Gut, bis es 1862 Konsul Eduard Ischon erwarb. Dessen Erben wiederum verkauften 1891, wie schon erwähnt, an den Hecker-Freund Jaffé.

Das Wasser hat in dem Sumpfland am westlichen Fuß des Sandforter Berges schon immer eine besondere Rolle gespielt. Wasserquellen speisten die Gräfte, die das Herrenhaus bis 1860 komplett umschlossen. Eine Brunnensäule aus Sandstein unter der Linde im Wirtschaftshof wurde zur Vorlage für das Ortswappen der bis 1972 selbstständigen Gemeinde Voxtrup. Der Bürgerverein Voxtrup führt sie bis heute als Logo.

1906 verkaufte Jaffé die Sandforter Wiesen, in deren Quellteichen er bis dahin Forellen gezüchtet hatte, an die Stadt Osnabrück. Das Wasserwerk Düstrup speist sich wesentlich aus diesem Wassergewinnungsgebiet. Es trägt bis heute mit fast einem Drittel zur Wasserversorgung der Stadt bei. Aus den Jahren 1906 bis 1909 stammen die Verträge, die der Stadt Leitungsrechte über Grund und Boden des Gutes verbriefen. Im Gegenzug konnten die Eigentümer gratis Frischwasser beziehen und Abwasser abgeben. Vor einem Jahr hatten die neuen Eigentümer der Mühle angestrebt, in diese alten Rechte wieder eingesetzt zu werden, womit sie vor dem Verwaltungsgericht scheiterten.

Bildtexte:
Die Rückseite des Herrenhauses von Gut Sandfort zeigt diese Ansicht aus der Zeit vor 1907. Das Gebäude rechts mit dem hohen Dach ist die Wassermühle.Ansichtskarte aus der Sammlung Helmut Riecken

Vorbildlich restauriert und in gutem Zustand präsentiert sich das Herrenhaus heute.

Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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