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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die tollkühnen Männer kamen nicht
Zwischenüberschrift:
Im Juni 1912 hielt der Nordwestdeutsche Rundflug die Osnabrücker in Atem
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Ein Riesenthema war im Juni 1912 der " Nordwestdeutsche Rundflug". Osnabrück war als Zwischenstopp vorgesehen! In einer Zeit, als die meisten Osnabrücker noch nie ein " Fluggerät schwerer als die Luft" gesehen hatten, sollten gleich derer 20 auf dem Landeplatz Netterheide niederkommen.

Das Ereignis war in den Tageszeitungen wochenlang vorher angekündigt worden, man rechnete mit Tausenden von Schaulustigen. Damit sich alle rechtzeitig auf den Weg machten die Straßenbahn fuhr nur bis zum Hasetor, danach war ein Fußmarsch über die Bramscher Straße angesagt –, zogen ab 5 Uhr früh zwei Regimentskapellen von der Klosterkaserne aus zum " großen Wecken" mit Tschingderassabum durch die engen Gassen von Altstadt und Neustadt.

Der Flugplatz Netterheide nahm in etwa das Gelände der späteren Winkelhausen-Kasernen ein. Um aktuelle Bezugspunkte zu nennen: Er lag zwischen dem Neubau der Firma Kaffeepartner im Süden und dem Sitz der Tiefbaufirma Clausing mit dem historischen Hangargebäude am Schleusenweg im Norden.

Dringend war zuvor angeraten worden, Karten im Vorverkauf zu erwerben. Sie kosteten 3 Mark für den Bereich unmittelbar am Flugfeld, 1 Mark für die Plätze weiter hinten, Ermäßigungen gab es für Schüler und " Kutscher und Chauffeure".

Ab 6 Uhr früh bewegten sich Karawanen erwartungsfroher Bürger über Bramscher und Natruper Straße nach Norden. Eine ganz wichtige Verhaltensmaßregel: " Für alle Fuhrwerke und Automobile, die die Genfer Flagge′ (Rotes Kreuz) führen, muss möglichst schnell die Straße frei gemacht werden" Bruchlandungen mit Verletzten oder gar Toten waren eine sehr reale Gefahr, wie sich noch zeigen sollte.

Viele Menschen waren auch von außerhalb Osnabrücks angereist. Die Schüler der Gewerbeschule bekamen schulfrei. Geschäftsinhaber wurden gebeten, ihren Angestellten den Sonntagvormittag freizugeben. Damit auch sie die Ankunft der Flieger aus Bremen über Minden und deren späterem Abflug über Münster und Sennelager nach Hannover beiwohnen konnten. Der Zeitungsschreiber meinte: " Es dürfte die Erfüllung jener Bitte um so leichter fallen, als am Sonntagvormittag das kaufende Publikum nicht die Geschäfte, sondern die Netterheide aufsuchen dürfte."

Um das Warten auf die Ankunft erträglicher zu gestalten, spielten ab 6.30 Uhr zwei Kapellen. Auf einer großen Tafel wurden die Namen der eingetroffenen Flieger angezeigt, unter ihnen Ingenieur Josef Suvelack mit einem Aviatik-Renneindecker mit 100-PS-Argus-Motor. Sein bisher größter Erfolg: der deutscher Dauerflug-Rekord mit einem Fahrgast in 4 Stunden 34 Minuten. Ein Unsicherheitsfaktor war das Wetter. Für das Flugereignis war eigens eine meteorologische Station aufgebaut worden. Dort ließ der Direktor des meteorologischen Observatoriums Aachen, Prof. Dr. Polis, Ballons aufsteigen, mit denen der Wind in Flughöhe bestimmt werden sollte.

Die Wetterdaten klangen nicht gut. Störungsfronten zogen über die geplante Route. Auch über der Netterheide wurde es trüber und trüber. Bald traf die Nachricht ein, dass die " Flugmeister" Krieger und Schirrmeister vor Minden notgelandet seien, weil widriger Wind sie dazu zwang. Unaufhörlich erkundigte sich " der Fernsprecher" nach dem Fortgang des Fluges. Später wurden Einzelheiten bekannt: Krieger ging mit seinem Jeanin-Eindecker bei Uchte im Kreis Nienburg auf einer sumpfigen Wiese nieder. Die Räder sanken knietief in den Boden ein, der " Apparat" stellte sich auf den Kopf. Das Vordergestell und der Propeller wurden zertrümmert. Krieger und sein Begleiter, Leutnant Steffen aus Osnabrück, blieben unverletzt.

Schirrmeister flog über Syke zunächst nach Süden, verlor dann aber die Richtung und irrte nach Osten ab. Er gelangte schließlich bis Liebenau bei Nienburg, wo er " aus Mangel an Benzin und Oel" auf einer Wiese landete. Sein Apparat blieb flugfähig.

Und dann brach in die wartende Menge die erschütternde Kunde ein, dass beim Start in Bremen unter den Augen des Großherzogs von Oldenburg zwei Flieger den Tod gefunden hatten. Sie stürzten noch in der Platzrunde ab und erlitten tödliche Verletzungen. Die Reaktion des Osnabrücker Publikums auf diese Nachricht beschrieb der Zeitungsredakteur so: " Der Weg zum Erfolg geht, besonders in der Beherrschung des Luftmeeres, noch immer über Gefahr und Tod."

Stärker werdender Regen und die Nachricht, dass weitere Starts auf den Nachmittag verschoben seien, trieben schließlich die Schaulustigen nach Hause. Da das Wetter sich nicht besserte, wurden alle Startversuche abgesagt. Der Nordwestflug war ins Wasser gefallen.

Das Torhaus Hasestraße 1, Wohnsitz des Akziseeinnehmers Barge, sollte abgerissen werden. Als Rest der Stadtbefestigung stand es einer Verbreiterung der Hasebrücke im Weg. Wie Stadtsyndikus und Polizeidirektor Dr. Max Reimerdes mitteilten, wurde die im Torhaus untergebrachte fahrbare Krankenbahre nunmehr in die Armenarbeitsanstalt Turnerstraße 10 verbrach. Der zur allgemeinen Benutzung dienende Verbandskasten war dann ins Haus Bramscher Str. 7 (Akzisehaus) verlagert worden.

Um was sich die städtische Polizei sonst noch so alles kümmern musste: Sie nahm bei verschiedenen Milchhändlern insgesamt 30 Stichproben von Vollmilch. Die Osnabrücker Zeitung druckte eine Tabelle ab, in der Probe für Probe akribisch aufgelistet ist: Produzent, Verkäufer, Butterfett in Prozent, Trockensubstanz in Prozent, Schmutz in hundertstel Volumenprozent. Neben dem Namen des Bauern S. aus Harderberg ließ sich ablesen, dass seine Milch die geforderten 2, 8 Prozent Fett nicht erreichte dafür aber den Schmutz-Grenzwert deutlich überschritt.

Am Sonntag, 9. Juni 1912, veranstaltete der Pferdezuchtverein Belm auf seiner Rennbahn an der Eisenbahnstation Vehrte ein Rennen. Dieses begann " bestimmt bei jedem Wind und Wetter um 3 ½ Uhr nachmittags", wie die Zeitung schrieb. Ein Sonderzug ab Bohmte sei beantragt. Falls diesem Gesuch stattgegeben wird, wäre zu wünschen, dass dieser Zug ausgiebig benutzt würde, da der Belmer Verein eine hohe Kaution dafür hinterlegen musste. Die Rennbahn war seit der letzten Veranstaltung verbessert worden, wartete jetzt " mit verdeckter Tribüne" auf.

Ferner waren Zelte aufgebaut als Schutz gegen Sonne und Regen. Der schöne Eichenwald des Hofbesitzers Siebert-Meyer umsäumte die grüne Rennbahn. Auf eben jener Bahn, auf der " gegen Abend sonst immer fünf Rehe friedlich äsen, werden also am kommenden Sonntage in eifrigem Sport sich die Kräfte der besten Tiere der hannoverschen Pferdezucht messen".

Bildtext:
" Fluggeräte schwerer als Luft", wie die Zeitung schrieb, hatten die meisten Osnabrücker 1912 noch nie gesehen.

Fotos:
Archiv der Osnabrücker Luftfahrtgeschichte
Autor:
Joachim Dierks


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