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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Gottesmann und Menschenfreund
Zwischenüberschrift:
Straßenkunde: Nach Pastor Grußendorf wurde eine Straße in Eversburg benannt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Er war kein Leisetreter. Wenn er predigte, musste der Küster das Mikrofon abschalten, damit die Anlage keinen Schaden nahm. Seine Rede war " Ja, Ja oder Nein, Nein", gerade so, wie Jesus es in der Bergpredigt fordert, und kein Wischiwaschi irgendwo dazwischen. Pastor Grußendorf war ein Mensch mit Ecken und Kanten, der gerade dadurch sehr viel für die Eversburger erreicht hat. 500 Meter von der Michaeliskirche entfernt, für deren Vorgängerbau er unkonventionell gestritten hatte, zweigt die Grußendorfstraße von der Atterstraße ab. Im Jahr 1963, fünf Jahre nach dem Tod des aufrechten Christenmenschen, benannten die Stadtväter eine Wohnstraße nach ihm.
Auf Bildern schaut er immer recht streng drein, mit seinen breiten Augenbrauen und dem buschigen Vollbart. Dabei war er keineswegs humorlos. Aber lachend oder auch nur schmunzelnd wollte er augenscheinlich nicht für die Nachwelt festgehalten werden. " Er war eine unbedingte Respektsperson, seine Kinder bekamen häufiger etwas von ihm zu hören, aber wir Enkel hatten es sehr gut bei ihm, für uns war er ein liebevoller Opa", erinnert sich Dr. Friedemann Grußendorf, Zahnarzt in Bramsche, an seine Besuche im Haus des Großvaters, der bis an sein Lebensende in der Straße Im Rowenhardt wohnte.
Friedrich Grußendorf, geboren 1871 in Soßmar bei Hildesheim, bewarb sich nach dem Theologiestudium um eine Pfarrstelle. Zunächst vergebens. Die Landeskirche ließ ihn wissen, er müsse erst eine Missionsstation in Afrika leiten. Fünf Jahre wirkte er in Port Elizabeth, Südafrika. Zurück auf deutschem Boden, war Sulingen die erste Station als Gemeindepfarrer. Im November 1906 wechselte er auf die vierte Pfarrstelle an St. Marien in Osnabrück, die gleichzeitig mit der Betreuung der evangelischen Christen in Eversburg verknüpft war.
Alle vier Wochen predigte er sonntags in St. Marien und an den übrigen Sonntagen in der Turnhalle der Eversburger Evangelischen Schule. Hier standen dann neben Harmonium und Mobil-Altar eine Anzahl Kirchenbänke aufgereiht, die der Kirchen- und Schuldiener Hesse aus einem Schuppen heranschaffen musste.
Bald gab es Streit mit dem Schulleiter, denn Grußendorf war kein Mann der Kompromisse. Der Wunsch reifte in ihm, eine eigene Kapelle für die Eversburger Gemeinde zu bauen. Da traf es sich günstig, dass ein neues Gesetz die Erweiterung der vorhandenen Schulen forderte. Angeblich sollte auch die Turnhalle der Eversburger Schule umgebaut werden. Grußendorf schreckte den Kirchenvorstand von St. Marien mit dem Szenarium auf, dass er bald mitsamt seinen Kirchenbänken auf der Straße stehe, wenn nicht ganz schnell mit dem Bau der Kapelle begonnen werde.
Noch bevor Genehmigungen und Finanzierungszusagen eingetroffen waren, fing er einfach an. Ein Bauplatz bot sich an: die freie Stelle neben dem 1904 für seinen Vorgänger Pastor Goudefroy errichteten Pfarrhaus an der Kirchstraße. Grußendorf besuchte Bergwerksdirektor Haarmann und machte mit ihm den verbilligten Bezug von Piesberger Steinen für den Bau klar. Unter tatkräftiger Mithilfe von Gemeindemitgliedern nahm die " Kapelle von St. Marien" Gestalt an und wurde schon im April 1909 geweiht. Zu diesem Anlass rief Grußendorf den Posaunenchor ins Leben, der bis heute fester Bestandteil der Kirchengemeinde ist. Nach 1940 wurde die Marienkapelle als Michaeliskirche bezeichnet. Zu einer richtigen Kirche mit mächtigem Turm wurde sie jedoch erst durch den gründlichen Umbau 1953.
Seine Eversburger liebten Grußendorf für die volkstümlichen Predigten, bei denen er kein Blatt vor den Mund nahm. Er war bekennender Gegner des Nationalsozialismus. Die Marienkirche war brechend voll, wenn er gegen die Irrlehren der Nazis vom Leder zog. Aus dem Emsland und dem Artland kamen die Leute mit Autobussen. Der Organist von St. Marien hatte Angst, mit dem widerständigen Pastor in Verbindung gebracht zu werden. Deshalb nahm Grußendorf den Posaunenchor aus Eversburg mit in die Marienkirche zur Liedbegleitung.
Natürlich wurde er von der Gestapo beobachtet, mehrfach zu Verhören einbestellt und einmal auch verhaftet. Die Arbeiterschaft aus Eversburg bekannte sich öffentlich zu ihm und forderte seine Freilassung. Die Gauleitung fürchtete Nachteile, wenn sie den Leuten ihre Identifikationsfigur auf Dauer nähme, und so beließ sie es bei " Warnschüssen". Grußendorf besaß fast so etwas wie eine Narrenfreiheit. Bevor er in seiner Predigt eine besondere Spitze gegen Hitler abschoss, beugte er sich über die Kanzel und sagte: " So, meine Herren von der Staatspolizei, nun müssen sie genau mitschreiben." Von allen Osnabrücker Pastoren galt Grußendorf als der tapferste Bekenner seines Glaubens. Grußendorf starb 87-jährig am 30. November 1958 in Eversburg.

Alle Beiträge
der Serie auf www.noz.de/ stadtteilserie

Bildtext:
An eine unbedingte Respektsperson erinnert die Grußendorfstraße in Eversburg
Gegner der Nationalsozialisten: Friedrich Grußendorf.

Fotos:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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