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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Den wilden Affen gebissen
Zwischenüberschrift:
Vor 55 Jahren begann Bärbel Rezny ihre Lehre – Sie war die erste Tierpflegerin im Zoo Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wallenhorst. Bärbel Rezny war eine Attraktion des Osnabrücker Tiergartens: Vor 55 Jahren begann sie ihre Tierpflegerlehre als eine der ersten Frauen in diesem Beruf. Heute blickt die Bramscherin, die inzwischen mit ihrem Mann in Lechtingen wohnt, gerne zurück und erzählt vom Kuscheln mit Affen, von ihrer Zeit in Berlin und verschwundenen Ärmeln.

Vor Bärbel Rezny auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Album. Den Umschlag haben die Jahrzehnte matt werden lassen, und die Seiten haben die Farbe von Eierschalen angenommen. Beim Blättern raschelt die milchige Zwischenfolie. Auf jeder Seite kleben Erinnerungen in Schwarz-Weiß. " Ach, es macht Spaß, drüber zu reden", sagt Rezny, " es war eine schöne Zeit". Es war die Zeit von Ricki, Fips und Bimbo. Vor allem aber war es die Zeit von Bärbel Rezny (geborene Elstroth), einem Mädchen aus Bramsche, das zur ersten Tierpflegerin im Osnabrücker Tiergarten wurde.

Vor 55 Jahren, im April 1957, habe sie die dreijährige Lehre zur Tierpflegerin begonnen, erzählt Rezny. Damals war sie 14 Jahre alt, hatte noch nicht den Bruder eines Kollegen geheiratet und dessen Namen angenommen. Nach ihr, sagt sie, sei eine ganze Flut von Frauen in den Beruf gedrängt. Aber 1957, da war das noch etwas Neues, Außergewöhnliches.

Rezny klappt eine Mappe aus Pappe auf. Vergilbte Zeitungsartikel rutschen heraus. Auf den Fotos ist die junge Bärbel Elstroth zu sehen, die ein Tier hält und in die Kamera lächelt. Scheu und angespannt zunächst, doch dann von Artikel zu Artikel selbstbewusster und entspannter. " Klar", sagt sie, ohne den Kopf zu heben, während sie die alten Zeitungsschnipsel durch die Finger gleiten lässt, " damals waren da schon viele Fotografen und Reporter". Der Osnabrücker Stadtanzeiger widmete ihr zu Ostern 1957 eine Seite. Die Überschrift lautete " Bärbel hat keine Angst vor großen Tieren". Neben Affen, Füchsen und Bären war sie selbst, die Frau in Pflegerkleidung, zu einer Attraktion des Tiergartens geworden.

Dabei sah ihr Alltag nicht anders aus als der ihrer männlicher Kollegen: Sie verteilte Körner an die Vögel in den Volieren, füllte Wassertröge und - näpfe, schaufelte Stroh, schnitt Obst und säuberte Gehege. Nur eines unterschied ihren Alltag von dem der anderen Pfleger: Sie hatte keine Umkleide. Eine Zeit lang zog sie sich im Badezimmer der Familie Vollmer um, die direkt am Zoo wohnte. Dann im Zoo selbst. Ganz in der Nähe eines Ziegenstalls. Sie hängte ihre Kleidung dort immer an einen Nagel an die Wand. Eines Tages fehlte ihrer Bluse ein Ärmel, während die Ziege im angrenzenden Stall satt und zufrieden ausschaute. " Seitdem wissen wir, dass Ziegen Blusen mögen", sagt Rezny und lacht.

Ohnehin lacht sie viel, wenn sie von damals erzählt. Von den Spaziergängen mit Luchsen und Affen und vor allem mit ihrem Liebling, dem Wickelbären Ricki. Und von ihrer Zeit im Berliner Zoo, in dem sie ein halbes Lehrjahr verbrachte, " um auch einmal mit Großtieren zu arbeiten", wie sie sagt. In Osnabrück gab es Ende der 50er-Jahre vor allem kleine Tiere. In Berlin ritt Rezny auf Elefanten und schmuste mit Orang-Utans.

Eine Geschichte ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Als sie zum ersten Mal in den Käfig der Kapuzineraffen ging, warnte sie der damalige Zoodirektor Paul Andreae vor dem dominanten Männchen Bimbo. Er wird versuchen, dich zu beißen, habe Andreae gesagt. Am besten, du beißt ihn das ist eine Sprache, die Bimbo versteht. Und weil Andreae ihr Chef und Mentor zugleich war und Bimbo tatsächlich ein aggressiver kleiner Affenchef, kam es, wie es kommen musste: Rezny schnappte den Arm des Kapuziners und biss zu. Der Affe kreischte und floh. Danach waren sie Freunde fürs Leben und das war lang. Denn Bimbo wurde mehr als 50 Jahre alt.

Aber nicht jede Geschichte war schön, sagt Rezny. " In 50 Jahren verschwimmt manches und erscheint vielleicht sogar in einem anderen Licht." Als sie 1957 zum ersten Arbeitstag durch den Eingang des Zoos schritt, habe sie sich im Paradies gewähnt, erzählt Rezny. Aber artgerechte Tierhaltung war damals nur selten ein Thema. Gegenüber einer Berliner Zeitung sagte Rezny während ihrer Austauschmonate einmal, dass der Blick auf die Gehege sie bedrücke.

Das beschäftigt sie noch heute, 46 Jahre, nachdem sie den Beruf aufgab, um sich ihrer Familie zu widmen. " Ich bin kein Käfig-Freund", sagt sie. Doch der Zoo war für sie die einzige Möglichkeit, den Tieren, die sie so liebte, nahe zu sein.

Bildtexte:
Rendezvous mit Fips: Bärbel Rezny und der Schweinsaffe Fips beim gemeinsamen Spaziergang durch den Zoo.
Kamele fraßen ihr aus der Hand: Die " quicklebendige Bärbel" nannte der Osnabrücker Stadtanzeiger das Mädchen in einem Bericht zu Ostern 1957. Damals hieß Bärbel Rezny noch Elstroth, war 14 Jahre alt und hatte kurz zuvor ihre Lehre im Zoo begonnen.
Natur-Fan: Bärbel Rezny in ihrem Garten in Lechtingen.

Fotos:
privat, Archiv, Michael Schiffbänker
Autor:
Michael Schiffbänker


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