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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wahnsinnige Gebilde
Zwischenüberschrift:
Detlef Gehrs entwirft Landschaften für den Zoo Osnabrück – Besuch bei einem Mann, der begehbare Illusionen schafft
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Engter/ Osnabrück. In einer alten Werkstatt in Engter, um die streunende Katzen streichen und in der Feuerwärme aus dem Holzofen bollert, arbeitet Detlef Gehrs. Der 58-Jährige ist Künstler, und sein liebstes Bühnenbild ist der Zoo Osnabrück.

Detlef Gehrs sitzt in seiner Werkstatt auf einem Stuhl aus Holz. Er trägt einen Fleecepulli. Sein Schal ist nachlässig gebunden, Holzfasern kleben daran. Zu seiner Linken steht ein stählerner Ofen, hinter milchigen Scheiben tanzt der Schein des Feuers. " In seinem Kopf entstehen wahnsinnige Gebilde", sagt seine älteste Tochter Vera über ihn.

Gehrs hat den Unterirdischen Zoo in Osnabrück entworfen, " das beste Produkt, das wir haben", wie Zoogeschäftsführer Andreas Busemann sagt. Gestalterische Schwächen gebe es nicht.

" Ich habe das hier 1999 gepachtet", sagt Gehrs und deutet mit dem Kopf vage zur Seite, während er Tabak aus einem Lederetui klaubt. Seine Werkstatt war einmal eine Schreinerei aus dem 17. Jahrhundert. Ein Teil des Mauerwerks stammt wohl noch aus jener Zeit. Ebenso wie einige der Balken. Tanne, Eiche, Tanne, Eiche, so tragen sie die Decke. Teures und billiges Holz nebeneinander. " Da wollte einer sparen", sagt Gehrs. Er grinst, die Zigarette brennt.

Viel Geld gibt der Zoo aus, um die Werke des 58-Jährigen umsetzen zu lassen. 1, 2 Millionen Euro für den Unterirdischen Zoo. 550 000 Euro für den neuen Affentempel. In zwei Jahren soll ein Tigergehege hinzukommen für geschätzte 650 000 Euro. Der Zoo spart nicht und verdient doch. Der Unterirdische Zoo habe dafür gesorgt, dass die Besucherzahlen explodierten, sagt Busemann. 350 000 Euro habe die Themenwelt innerhalb der ersten drei Wochen nach seiner Eröffnung im Frühjahr 2009 eingespielt.

Seit dem Unterirdischen Zoo ist nichts mehr wie vorher. Weder für den Zoo noch für Gehrs.

1983 war Gehrs nach Osnabrück gekommen. Er hatte sein Studium in Münster als Diplom-Designer abgeschlossen, hatte seit 1978 zunächst Zeichen-Lehraufträge bei den Designern erhalten, später dann eine Vollzeitstelle an der Fachhochschule Münster in der Fakultät für Architektur angenommen. Ein Dasein als freier Künstler kam für ihn nicht infrage, zu unsicher. Er war damals bereits zweifacher Vater, er war verantwortlich. Deshalb empfand er es als Glück, die Stelle im Museum am Schölerberg antreten zu dürfen. Er war nie einer von denen, die immer das Gleiche machen wollten. In Osnabrück hatte er beides: die Sicherheit eines Angestellten bei der Stadtverwaltung und eine praktische Tätigkeit. Nach fünf Jahren, so sein Plan, wollte er an die Hochschule zurückkehren und Professor werden.

Was er in Osnabrück vorfand, festigte seinen Entschluss, bald wieder zu gehen: traditionelle Wissenschaftler und konservative Ausstellungen. Museumspädagogik war allenfalls das Gedankenspiel einiger Intellektueller. " Damals gab es nur tote Tiere in leblosen Vitrinen und dazu Erklärtexte, Schwierigkeitsgrad 10." Ab und zu engagierte das Museum einige Lehrer, um " ein bisschen Pädagogik zu machen", wie es seinerzeit hieß. Der Frust wuchs. Gehrs versuchte, ihn zu mildern, gab Vorlesungen in Landschaftsgestaltung und Architektur. In seiner Freizeit konzipierte er Ausstellungen, die leicht zugänglich, ja regelrecht anfassbar waren.

Dann kam Wilm Prasse als Museumspädagoge an den Schölerberg, und alles änderte sich. " Mein Vater braucht jemanden, der ihm Raum gibt, um Ideen umzusetzen, sonst verkümmert er", sagt Vera Gehrs. Wilm Prasse war dieser jemand, ein Lehrer und Biologe, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Prasse und Gehrs begannen, Traditionen aufzubrechen. Sie spitzten die Erklärtexte zu, nahmen die Tiere aus den Vitrinen und schufen Ausstellungen, die begehbar und begreifbar waren.

Gehrs hat ein Modell hervorgeholt. Die Zigarette liegt vergessen im Aschenbecher, ein schmaler Rauchfaden kriecht der Decke entgegen. " Ich habe festgestellt, dass viele Leute Skizzen nicht lesen können", sagt Gehrs. Deshalb erstellt er Modelle aus Pappe, Farbe und Holz. So wie das des geplanten Tigergeheges. Wie schon der Affentempel wird es sich an die kambodschanische Tempelanlage Angkor Wat anlehnen. Das Modell sieht fertig aus. Tempelbauten, Besuchergänge, Gitter, sogar das Grün veralgter Steinbrocken hat Gehrs nachgeahmt. Mehr als 50 Stunden hat er daran gearbeitet, nach Feierabend, an Wochenenden, manchmal ganze Nächte hindurch. Die Besucher werden direkt in das Gehege gehen können, getrennt von den Tigern nur durch Scheiben oder durch einen Höhenunterschied von mehr als sechs Metern. Vielleicht aber kommt auch alles ganz anders. Denn Gehrs hat keinen Plan, nur eine Philosophie. Er entwickelt bei jedem Arbeitsschritt neue Ideen, seine Modelle sind stets im Werden begriffen.

Gehrs fährt mit dem Finger die Linien der Miniatur-Architektur nach, spricht über axiale Symmetrie der Azteken, über die Temperatur, bei der Nacktmulle am agilsten sind, und über die Gehege der 70er-Jahre. " Klassische Zoos waren Gefängnisse", sagt er. Das will er nicht mehr. Seine Gehege sollen aussehen, als hätten die Tiere ihren natürlichen Lebensraum zurückerobert.

Hinter Gehrs an einer Wand hängt ein weiteres Modell: Auf einer ausgeschäumten Pappe ist ein Grundriss zu erkennen, er scheint aufgespießt zu sein von kleinen Hölzern. Sie stehen für die Bäume, die das Areal bedecken sollen. Es ist ein erster Entwurf der neuen Nordamerika-Landschaft, 3, 6 Hektar groß. " Das heißt für mich: Situationen herstellen", sagt Gehrs. Lebensraumsituationen ob sie nun authentisch sind oder nur so scheinen.

Er schafft Illusionen. Der ganze Zoo, sagt er, sei ein riesiges begehbares Bühnenbild. Das ist Kunst, Hektar für Hektar und letztlich doch nur ein kleiner Teil der wahnsinnigen Gebilde, die in Gehrs′ Kopf entstehen.

Bildtexte:
Maß genommen: Detlef Gehrs verfeinert eine Skizze.
Schere, Pinsel und Hammer sowie Hunderte andere von Hilfsmitteln hält Gehrs griffbereit, um seine Gedanken in Modellform zu bringen.
Elefant im Materialdschungel: Neben Entwürfen und Werkzeugen finden sich Tierfiguren.
Inspirationsquelle Dschungelbuch: Seine Kinder liebten den Disneyfilm, und Detlef Gehrs zog Ideen für das geplante Orang-Utan-Gehege daraus.
Heim für Raubtiere: Das neue Zuhause für die Tiger hat der Künstler entworfen: Es lehnt sich an die kambodschanische Tempelanlage Angkor Wat an.
Entwurf: Detlef Gehrs hat immer Zettel und Stift griffbereit, um seine Gedanken zu neuen Projekten zu Papier zu bringen.

Fotos:
Jörn Martens
Autor:
Michael Schiffbänker


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