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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Zwei Stunden Rolltreppe fahren
Zwischenüberschrift:
Das Kaufhaus "Merkur" an der Wittekindstraße vor 55 Jahren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Germania" hatte nach dem verlorenen Krieg nichts mehr zu melden. Das Hotel an der Ecke von Wittekind- und Möserstraße mit dem Namen der streitbaren Nationalgestalt wurde nach Bombenschäden nicht wieder aufgebaut. Stattdessen übernahm " Merkur", der römische Gott der Händler (und Diebe), den Ort. Er passte besser in die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Foto zeigt das Kaufhaus im Jahr 1957, zwei Jahre nach seiner Eröffnung.

Das erste Kaufhaus Osnabrücks bot in sechs Etagen eine Verkaufsfläche von 6800 Quadratmetern. In den ersten Tagen nach der Eröffnung im Juli 1955 sollen 40 000 Menschen die Etagen des zu der Zeit angeblich " modernsten Kaufhauses Deutschlands" regelrecht gestürmt haben. Sie wollten " den Beginn eines neuen Abschnitts der Verbraucherversorgung Osnabrücks und seines Hinterlandes" miter leben, wie das " Osnabrücker Tageblatt" schrieb. Die Osnabrücker Jugend hatte noch andere Motive: Sie drängte sich schon in den frühen Morgenstunden vor Türen und Fenstern und bekundete freimütig: " Wir wollen Rolltreppe fahren mindestens zwei Stunden!"

Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten waren vonseiten der angestammten Kaufmannschaft allerdings auch verhalten kritische Töne zu hören. Handelskammer-Geschäftsführer Günther Stucke etwa erwähnte, " dass die Errichtung des Kaufhauses mit unterschiedlichen Gefühlen aufgenommen worden sei". Viele Einzelhändler, aber auch einige Großhändler, hätten " gewisse Beklemmungen", weil sie fürchteten, den Wettbewerb " gegen den neuen Giganten im Osnabrücker Handel" nicht bestehen zu können. Dem hielt Generaldirektor Dr. Fonk von der Merkur AG entgegen, dass so oder so " die Warenverteilung einen tief greifenden Strukturwandel erlebe". Gleichzeitig sicherte er " eine faire und vornehme Konkurrenz" zu. In etwas anderen Formulierungen hören wir die gleichen Argumente heute im Streit um das geplante Neumarkt-Center.

Die Kaufhaus-Kette Merkur ging zurück auf eine Unternehmensgründung der jüdischen Familie Schocken in Zwickau/ Sachsen 1901. 1938 kam es zur Zwangs-" Arisierung". Die Schocken-Brüder mussten ihre Anteile an ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank verkaufen. Aus der Schocken AG wurde die Merkur AG. 1949 erhielt Salman Schocken seine Anteile zurück. 1953 verkaufte er den bereits wieder florierenden Kaufhauskonzern an Helmut Horten. Der behielt den eingeführten Namen Merkur für eine Reihe von Kaufhaus-Neueröffnungen bei, so auch in Osnabrück, während er gleichzeitig aber auch schon Häuser unter dem Namen Horten aufmachte.

1964 wurden das " Central"- Kino und ein Hochbunker hinter dem Osnabrücker Merkur-Kaufhaus abgerissen, um Platz für ein Parkhaus und einen Anbau mit 2000 Quadratmeter zusätzlicher Verkaufsfläche zu schaffen. Gleichzeitig bekam die Fassade 9000 Keramikelemente vorgehängt, die sogenannten " Hortenkacheln". Architekt Egon Eiermann, bekannt unter anderem durch den Bau der neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, entwarf die Fassadenelemente, die alle Horten-Häuser einheitlich erkennbar machen sollten. Leider hatte Eiermann nicht berücksichtigt, dass Tauben ideale Nistmöglichkeiten in den Waben entdeckten. Folglich wurden sie ab den 1970er-Jahren mit Drahtnetzen überspannt, was ihren architektonischen Reiz nicht unbedingt erhöhte. Die " Hortenkacheln" überdauerten auch den Verkauf der Warenhauskette an die Kaufhof AG 1994.

Im linken Randbereich reflektiert die historische Aufnahme ein Stück Baugeschichte der Stadtsparkasse. Vorne auf der Ecke sieht man den im Rohbau fertiggestellten dreigeschossigen Schalterhallen-Bau, während darüber an der Hasebrücke, links neben " Merkur", noch die alte Hauptstelle zu sehen ist. Dieser Bau von 1916 war nach dem Krieg wiederaufgebaut worden. Bald nach dem Einzug der Stadtsparkasse in ihren Neubau erwarb die Stadt das Gebäude 1957 als Zwischenlösung für befristete Nutzungen. Bis 1969 war das städtische Einwohnermeldeamt hier untergebracht, danach für zwei Jahre die Deutsche Bank, bis deren Neubau weiter östlich an der Wittekindstraße fertig war. 1972 rückten die Abrissbagger an, der Neumarkt konnte um zusätzliche Fahrspuren verbreitert werden. In zurückgesetzter Bauflucht entstand hier das Textilkaufhaus " Bergmann Thomas-Kleidung", nach weiterem Umbau später die " Sportarena". Links daneben sind der Schornstein und Gebäude ruinen der Schnapsbrennerei Gosling am Neuen Graben zu erkennen. Sie wurden fünf Jahre nach dieser Aufnahme im Jahr 1962 abgerissen, um dem zweiten Osnabrücker Vollsortiments-Kaufhaus Hertie Platz zu machen.

Bildtexte:
Das Kaufhaus " Merkur" setzte einen ersten Akzent des neuen Bauens nach dem Krieg an Osnabrücks Ost-West-Achse. Die Aufnahme entstand 1957, zwei Jahre nach der Eröffnung.

Die aktuelle Vergleichsaufnahme wurde aus etwas höherer Position, nämlich vom Dach des Fernmeldeamtes, aufgenommen.

Fotos:
Georg Bosselmann (aus: Wochenkalender des Museums Industriekultur 2009)
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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