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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Alte Pracht im ersten Bahnhofsviertel
Zwischenüberschrift:
Das "Königliche Hauptzollamt" am Wittekindplatz um 1918
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Dieser Bau war fast zu schön für ein Zollamt, auch nach den Maßstäben seiner Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die hohe Qualität der Neorenaissance-Architektur und die aufwendige Detailausführung waren denn auch weniger der Bedeutung einer Zollverwaltung in der Provinz geschuldet als vielmehr dem prominenten Standort vis-à-vis von Osnabrücks erstem Bahnhof, dem 1855 eröffneten Hannoverschen Bahnhof.

Zudem galt der Entwurf zunächst einem Hotel, dem ersten Haus am Platze. Zumindest am Bahnhofsplatz. So hieß der Wittekindplatz bis 1895. Als dann der neue Zentralbahnhof eröffnete, verlor der Hannoversche seine Bedeutung als Personenbahnhof. Er wurde zu einem Umschlagslager und Sitz von Bahnbehörden herabgestuft. Bahnhofsplatz und Bahnhofstraße konnten bei Ortsfremden falsche Erwartungen wecken. Daher benannte sie der Magistrat nach dem Sachsenherzog Wittekind.

Zurück ins Jahr 1878. Das " Königlich Preußische Haupt-Steuer-Amt", das zuvor am Markt untergebracht ist, übernimmt das ehemalige Hotelgebäude. Von nun an wachen die Assessoren und Steueraufseher vom Bahnhofsplatz aus darüber, dass " ausländische Gegenstände" mit fälligen Abgaben belegt, die Stempel- und die Brausteuer eingehoben werden und dass bei der " steuerbefreiten Haustrunkbereitung" alles rechtens zugeht.

Wer als Bahnreisender in dieser Zeit den Hannoverschen Bahnhof verlässt und die kleine Grünanlage in Richtung Bahnhofsplatz durchschreitet, steht vor einem Gebäude, das mit seiner ausgewogenen Fassadenstruktur wie eine noch perfekter gelungene Ergänzung des ebenfalls im Rundbogenstil errichteten Bahnhofsgebäudes wirkt. Besonders schön die abgeflachte Ecksituation mit dem durchkomponierten Mittel-Risalit. Farbige Terrakotta-Fliesen heben dieses Bauteil von der übrigen Sandsteinfassade ab. Anders als so manches private Wohn- und Geschäftshaus im ersten Bahnhofsviertel an Möser- oder Georgstraße hat es dieser Bau nicht nötig, mit verspielten Erkern und Türmchen aus dem Baukasten des Historismus imponieren zu wollen.

Lichtenberg hat das Gebäude um 1918 fotografiert, als die Behörde schon in " Hauptzollamt" umbenannt war. Anlass dieser und einer Reihe weiterer Aufnahmen im ehemaligen Bahnhofsviertel rund um den Schillerplatz waren die bevorstehenden Umbauarbeiten im Zuge der Bahnunterführung zur Alten Poststraße. Der Bahnkörper selbst konnte in diesem Abschnitt nicht angehoben werden, da die Anlagen des Hannoverschen Bahnhofs das Niveau vorgaben. Folglich mussten die kreuzenden Straßen abgesenkt werden. Die ehedem genau auf den Bahnhof zulaufende Wittekindstraße wurde südlich am Bahnhof vorbei verschwenkt, um per Bahnunterführung den Hauptverkehr Richtung Schinkel zu übernehmen. In gleichem Maße verlor die auf die Buersche Straße zulaufende Schillerstraße an Bedeutung, da sie lediglich die heute noch genauso existierende Fußgängerunterführung bekam.

Die heute in Hellern lebende Ruth Klein hat das Hauptzollamt in guter Erinnerung, da es von 1937 bis 1944 ihr Zuhause war. Ihre Familie bewohnte einen Teil des zweiten Obergeschosses. Ihr Vater Franz Klein war Zollbeamter und versah gleichzeitig Hausmeisterdienste, deshalb stand ihm die Dienstwohnung zu. " Es war für die damaligen Verhältnisse eine sehr große, üppige Wohnung", sagt die 81-Jährige, " zwar nicht so groß wie die Wohnung des Amtsvorstehers Wilhelm Gerstenmaier eine Etage unter uns, aber uns fehlte nichts." Nach Dienstschluss durfte sie mit ihrer Freundin von gegenüber im ganzen Gebäude herumtoben und Verstecken spielen, vom Luftschutzkeller bis zum Dachboden. " Es war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz." Auf der Karlstraße blieb im Winter der Schnee lange liegen. Streusalz war unbekannt. " Wir haben uns auf Schlittschuhen hinter die Pferdefuhrwerke gehängt und uns zum Herrenteichswall ziehen lassen."

Dann kamen die Bomben. Einige Luftalarme hat Ruth Klein im Gewölbekeller des Zollamts mitgemacht. Als der schlimmste Angriff im Oktober 1944 niedergeht, ist sie auf Kinderlandverschickung in der " Ostmark", in Wald im Pinzgau. Über eine rote " Bombenkarte", die als Lebenszeichen verschickt wurde, erfuhr sie von der Zerstörung des Zollamts, aber auch davon, dass ihre Familie überlebt hatte.

Nach dem Krieg standen die Außenmauern noch, aber man entschied sich gegen einen Wiederaufbau. Der Mineralölhändler Beckmann erwarb das Areal und errichtete in den 1950er-Jahren darauf eine Tankstelle in
den Avia-Farben, später wurde DEA gezapft. Nach
der Betriebsaufgabe traten Grundwasserprobleme auf. Derzeit lässt der letzte Pächter eine Grundwassersanierung durchführen.

Bildtexte:

Das " Königliche Hauptzollamt" um 1918. Nach hinten rechts verläuft die Karlstraße, von links mündet die Wittekindstraße ein. Das viergeschossige Wohnhaus hinten rechts hat den Krieg überlebt.

Städtebauliches Niemandsland: Das Eckgrundstück Wittekindplatz/ Karlstraße wartet nach einer Zwischennutzung als Tankstelle auf eine Neugestaltung.

Fotos:

Rudolf Lichtenberg jr. (aus: Rolf Spilker, Lichtenberg Bilder einer Stadt, Band I)

Joachim Dierks

Autor:
Joachim Dierks


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