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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Für Arme, Waisen und Wandervögel
Zwischenüberschrift:
Bocksmauer und Bucksturm im Winter 1905
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Man wird nicht sagen können, dass der Bombenkrieg die Häuserzeile Bocksmauer 12 bis 18 verschont hat, weil sie seit Jahrhunderten karitativen Zwecken diente. Denn selektiv mitfühlend war die alliierte Luftwaffe ganz und gar nicht. So ist es vielmehr ein Ergebnis des Zufalls, wenn wir heute einen Großteil der Gebäude, die Rudolf Lichtenberg im Winter 1905 ablichtete, wiedererkennen können, da sie sich in den vergangenen 107 Jahren nur wenig verändert haben.
Da ist zunächst das hoch aufragende, giebelständige Haus Bocksmauer 19, das seit Jahrhunderten als Lagerhaus diente. Die aus dem zweiten Obergeschoss hervorkragende Kranvorrichtung, durch einen Holzverschlag gegen das Wetter geschützt, erlaubte es, schweres Sackgut in die Obergeschosse zu heben. Offensichtlich warten die Pferdefuhrwerke darauf, beladen zu werden. Oder sind sie gerade entladen worden, und die Fuhrleute genehmigen sich noch rasch ein Helles und einen Gosling′schen in der Bierstraße um die Ecke? Diese Frage werden wir wohl nicht mehr letztgültig beantwortet bekommen.
Jedenfalls diente die Nummer 19 noch bis in die 1970er-Jahre der Samenhandlung Lange & Lehners als Lagerhaus. 1981 brachen dann, wie an vielen Stellen des Heger-Tor-Viertels, neue Zeiten an: Angestammtes Gewerbe gab auf, Kunst, Kultur und Kneipenübernahmen. Hier waren es die Betreiber des " Atlantis Filmstudios", die den unteren Teil zu zwei gemütlichen Kinosälen umbauten. Zehn Jahre lang, bis 1991, wurde gutes Programmkino geboten. Heute bedruckt unten ein Dienstleister Autoschilder, und oben sind Wohnungen eingerichtet worden.
Das angeschnittene Haus am linken Bildrand, Nr. 20, beherbergte 1905 ebenfalls ein Fuhrgeschäft. Es ging im Bombenkrieg unter. Das Evangelische Siedlungswerk baute nach dem Krieg neu, Mieter waren über lange Jahre das " Postamt 13" und das städtische Tiefbauamt.
Wenn Lichtenberg dreißig Jahre früher aus gleicher Perspektive fotografiert hätte, dann wären nicht die Häuser des Straßenzugs Bocksmauer zu sehen gewesen, sondern nur die Mauer selbst, die ihm den Namen gab: die Bocksmauer als Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Ihren Verlauf markiert 1905 die noch junge Baumreihe, die nach dem Abriss des Walls ein Teil der parkähnlich gestalteten Wall-Anlage wurde. Am Bucksturm sind noch die hier schneebedeckten Mauerwerksansätze der Stadtmauer zu sehen. Den Bucksturm selbst ließ man, ebenso wie die weiteren Wehrtürme Bürgergehorsam, Barenturm (Vitischanze), Pernickelturm, Gesperrter Turm und Plümersturm, stehen, " ihrer ehemaligen wehrhaften Bestimmung beraubt", wie Stadtbaurat Hackländer es ausdrückte, " als pittoreske Versatzstücke einer längst untergegangenen Epoche".
Bockskopf im Steinrelief
Die Namen Bocksmauer und Bocks- oder Bucksturm sollen auf ein Steinrelief zurückgehen, das einen Bockskopf darstellte. Es zierte das 1805 wegen Baufälligkeit abgenommene oberste Stockwerk des Bucksturms. Nach einer anderen Version, die aber wohl nicht zu halten ist, geht der Name auf einen berühmt-berüchtigten Insassen des Turms zurück: auf Friedrich von Buck, der von seiner Burg Wulften aus den Sutthauser Landstrich ausplünderte und dafür 1456 eingebuchtet wurde. Der Bucksturm war nicht nur Bestandteil der Befestigungsanlage, sondern bereits ab 1302 Stadtgefängnis. Jedes Osnabrücker Schulkind kennt den bekanntesten Gefangenen und seine Zwangsbehausung: Raubritter Johann von Hoya musste sechs Jahre in seinem " Johanniskasten" bei Wasser und Brot fristen.
Die traufenständigen Gebäude in der Bildmitte waren über Jahrhunderte Armenhäuser. Sie gehörten zum Adelshof der Grafen von Tecklenburg, der sich an der Großen Gildewart 7 befand, etwa dort, wo heute das Haus der Jugend steht. 1620 kaufte die Stadt den ganzen Komplex. Neben Armen nahm man zunehmend verwaiste evangelische Bürgerkinder auf, weshalb sich in den Annalen auch häufig die Bezeichnung " Evangelischer Waisenhof" findet. 1883 wurde die Bocksmauer Teil der städtischen " Armenanstalt", zusammen mit ähnlichen Häusern an Vitihof, Hakenhof und Turnerstraße. 1928 erfolgte der Umbau zur Jugendherberge.
Umbau zur Herberge
Die wurde in den ersten Nachkriegsjahren zu einer beliebten Absteige für Jugendliche aus aller Welt, die Frieden und Freiheit auskosteten. Der strenge Winter 1962/ 63 läutete allerdings das Aus für diese Nutzung ein. Die alten Ofenheizungen waren dermaßen überfordert, dass in den Schlafsälen über Wochen minus drei Grad als Höchsttemperatur gemessen wurden. Die Wasserinstallationen waren eingefroren, eine drei Zentimeter starke Eisschicht bedeckte den Fußboden des Mädchenwaschraums. Den angemeldeten Gästen musste abgesagt werden. Einige, die unangekündigt kamen, fanden in der Wohnung der Herbergseltern Aufnahme. 1963 wurde die Jugendherberge zum Tannenhof in Eversburg verlegt. Nach Renovationen gehören die Häuser Bocksmauer 12 bis 18 heute zum Haus der Jugend und sind in verschiedene jugendpflegerische Angebote eingebunden.

Bildtexte:

Einst hinter der Stadtmauer verborgen, präsentierte sich die Häuserreihe an der Bocksmauer im Jahr 1905 wie auf dem Präsentierteller.

Die gelb verputzten Häuser in der Bildmitte sind heute dem dahinter liegenden Haus der Jugend angeschlossen. Rechts der Bucksturm.

Fotos:

Rudolf Lichtenberg jr., aus dem Bildarchiv des Museums Industriekultur/ Joachim Dierks

Autor:
Joachim Dierks


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