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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Das alte Reich der "Stöpselhexen"
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Telegrafenamt an der Möserstraße im Jahr 1907
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Nichts hat im 19. Jahrhundert die Städte so sehr verändert wie die industrielle Revolution und die Eisenbahn, die sich in ihren Entwicklungen gegenseitig anschoben. Und noch eine dritte Kraft wirkte mit, quasi als Trittbrettfahrer der Bahn: das Post- und Nachrichtenwesen. Die Bahn beförderte Briefe und Pakete, die Telegrafie sorgte für sicheren Zugverkehr, und die Telegrafendrähte entlang der Bahnstrecken schufen ein erstes World Wide Web, also ein weltweites Kommunikationsnetz.

So war es kein Wunder, dass die Poststationen in die Bahnhofsgebäude zogen. Das war auch in Osnabrück der Fall. Der 1855 in Betrieb gegangene Hannoversche Bahnhof an der Karlstraße beherbergte in seinem Südflügel das Hauptpostamt. Dem wurde es dort jedoch bald zu eng. Das Aufkommen an Briefen, Paketen und Telegrammen war so rapide gewachsen, dass die Kaiserliche Postverwaltung 300 Meter weiter an der Bahnhofstraße (heute: Wittekindstraße) zwischen 1879 und 1881 ein neues " Post- und Telegrafendienstgebäude" errichten ließ auf dem bis heute als Post-Standort erhaltenen Eckgrundstück zur Möserstraße.

Doch wiederum war der Raumbedarf nicht weitsichtig genug bemessen worden. Insbesondere das 1887 eingerichtete städtische Telefonnetz wuchs sehr schnell. Zum Aufbau von Telefonverbindungen kam man nicht am " Fräulein vom Amt" vorbei, das vor seinem Klappenschrank saß und fleißig stöpselte. Ein Fräulein und ein Klappenschrank versorgten 50 Teilnehmer. 1887 gingen 32 Osnabrücker Firmen als erste Fernsprechteilnehmer an den Start, das hätte also noch ein einzelnes Fräulein geschafft. Doch 1914 gab es schon 2270 Telefone. Ein ganzer Saal voller Klappenschränke war erforderlich, eine Reihe für die Stadtleitungen, eine Reihe für die Fernleitungen. Auch der Telegrammverkehr hatte stark zugenommen. 1898 waren je 50 000 Telegramme im Eingang wie im Ausgang abzufertigen. Der Platz in der Hauptpost an der Wittekindstraße reichte nicht mehr aus, ein eigenes Gebäude für Telefonie und Telegrafie musste her. 1905 wurde es übers Eck auf dem Nachbargrundstück Möserstraße 19 errichtet.

Diesen dreigeschossigen Ergänzungsbau sehen wir auf der historischen Postkarte von 1907. Er ist im Stil der Neorenaissance errichtet und verbreitet nicht ganz so viel pathetischen Repräsentationswillen wie die Hauptpost, von der man in der Bildmitte mit ein wenig Mühe einen Eckturm erkennen kann. Diese etwas schwülstigen Ecktürme imitiert das Telegrafenamt mit seinem ähnlich geformten " Leitungsturm" über der Hofeinfahrt. Die Turmkappe hat keine normale Dacheindeckung, sondern besteht aus Stangen mit Porzellan-Isolatoren. Von den Isolatoren gingen die Blankdraht-Freileitungen zu den einzelnen Fernsprechteilnehmern im Stadtgebiet ab eine störanfällige Verbindungsart, die etwa einem Eisregen nicht viel entgegenzusetzen hatte.

Überhaupt die Verbindungsqualität. Nicht ohne Grund wurden ausschließlich Frauen in der Vermittlung eingesetzt. Man hatte nämlich erkannt, dass die höheren Frequenzen der Frauenstimmen bei gestörter Verbindung besser zu verstehen waren als die tieferen Männerstimmen. Eine der " Stöpselhexen", wie sie von den Kollegen liebevoll-neckisch genannt wurden, war die Helleranerin Ruth Klein. Von 1953 bis 1990 stand sie in Diensten des Fernmeldeamts, anfangs in der " Fernvermittlung Hand" im großen Vermittlungssaal. " Fernamt, Platz zehn", so meldete sie sich, vor sich den Klappenschrank und zehn Doppelschnüre. " Ach, wir hatten auch unseren Spaß", erinnert sie sich. " Wenn die gewünschte Verbindung besetzt war, und wir den Teilnehmer noch einmal in die Leitung bekamen, mussten wir zum Verbindungsaufbau wissen: Sind Sie im Vorwärts-Aufbau oder im Rückwärts-Aufbau hergestellt?′. Und da antwortete doch einer ganz trocken: Da müssen Sie meine Eltern fragen!′"

Als die Deutsche Bundespost 1995 in Post AG, Postbank und Telekom aufgespalten wurde, ging das gesamte Immobilieneigentum Wittekindstraße/ Möserstraße an die Telekom. Sie betreibt dort weiterhin ihre Knoten- und Hauptverbindungsstelle. Den Keller regiert der " Kabelverzweiger". Hier laufen alle Telefonkabel aus Stadt und Umland zusammen. Moderne digitale Vermittlungstechnik benötigt nur noch einen Bruchteil des früheren Platzes. Große Teile des Gebäudekomplexes sind an konzerneigene Tochtergesellschaften und an fremde Parteien vermietet. In der ehemaligen Kantine beispielsweise bietet jetzt ein Rucksack-Hotel Unterkunft. Und im Erdgeschoss an der Wittekindstraße haben sich gelbe Post und Postbank mit einer Filiale eingemietet.

Übrigens: In diesem Jahr wird das Telefonnetz der Stadt 125 Jahre alt. In der Reihe " Stadtgespräche" des Kulturgeschichtlichen Museums wird der frühere Fernmeldebeamte Egon Bode am Mittwoch, 25. April, um 16.30 Uhr in der Villa Schlikker über die Anfänge der Telefonie in Osnabrück sprechen. Aus seinem langen Berufsleben kann er manche Anekdote beisteuern darunter die, wie es eine Drogerie an der Natruper Straße schaffte, die Telefonnummer " 47 11" zu ergattern.

Bildtexte:
Das Telegrafenamt an der Möserstraße im Jahr 1907. Links neben der Straßenlaterne sind die weißen Ziergiebel des Hotels Germania, Besitzer Eduard Petersilie, an der Ecke Wittekindstraße zu erkennen. Aus der Sammlung des Kulturgeschichtlichen Museums
In seiner Fassadenstruktur hat das Telegrafenamt den Bombenkrieg überstanden. Anders als die Hauptpost dahinter, die nach Kriegszerstörung 1957 neu gebaut und 1985 mit roten Eternit-Glasalplatten aufgepeppt wurde.

Fotos:
Kulturgeschichtlichen Museums, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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