User Online: 1 | Timeout: 17:02Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Schnauze halten" als Bürgerpflicht
Zwischenüberschrift:
1938 ging die Osnabrücker Synagoge in Flammen auf
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Heute vor 73 Jahren zersprangen in der Rolandstraße kurz vor Mitternacht zahlreiche Scheiben unter den Steinwürfen von SA-Männern. Ziel war die jüdische Synagoge. Durch die zerborstenen Scheiben drangen die Männer in den Innenraum ein, zerstörten liturgisches Gerät, warfen Talmud und Talar des Kantors auf die Straße, zerhackten das Mobiliar und zündeten es an. Das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde brannte aus. Feuerwehrleute wurden am Löschen gehindert.
Die historische Ansicht aus dem Jahr 1910 zeigt einen wuchtigen, imposanten Sakralbau im Stil der Neuromanik. 1905/ 06 vom Kölner Architekten Sigmund Münchhausen errichtet, verkörpert das Gotteshaus mit seinem 34 Meter hohen Mittelbau und der mächtigen Kuppel darüber den selbstbewussten Anspruch der jüdischen Gemeinde, in der deutschen Gesellschaft angekommen zu sein. Nicht ohne Grund hatte man einen Bauplatz neben der königlich preußischen Regierung gewählt. Auch die Wahl des typisch deutschen und sich gerade in Osnabrück besonders gut einfügenden neoromanischen Rundbogenstils war ein deutliches Bekenntnis zum Integrationswillen.
Zerschnittene Schläuche
Am 9. November 1938 geht das alles in Flammen auf. Der freiwillige Feuerwehrmann Fritz Fiege befiehlt: " Wasser marsch!" Er ist als " Erster Rohrführer" auf dem Dach des Regierungsgebäudes am Kanzlerwall, dem heutigen Heger-Tor-Wall, eingeteilt. Doch kein Tropfen Löschwasser kommt oben an. Er ruft mehrfach herunter: " Wasser marsch!" Doch als Antwort bekommt er lediglich die Anweisung, die Schnauze zu halten. Später heißt es, die SA-Gefolgsleute hätten die Schläuche zerschnitten. Erst als die Polizei meldet, die Akten im angrenzenden Regierungsgebäude heizten sich gefährlich auf, wurde das Wasser freigegeben.
Die " Reichspogromnacht" zum 10. November 1938, der in Deutschland rund 1400 Synagogen und zahllose jüdische Geschäfte zum Opfer fielen, markierte den Übergang von der Diskriminierung zur offenen Verfolgung der Juden. Historiker sehen in der abgestimmten reichsweiten Anzettelung sogenannter " spontaner Ausbrüche des Volkszorns" eine Art Testlauf des Regimes, inwieweit die Mehrheitsbevölkerung die nächste Stufe der Maßnahmen tolerieren oder sogar unterstützen würde. Die Osnabrücker Bevölkerung, so sagte etwa Karl Kühling als Augenzeuge später aus, sah sich in großer Zahl machtlos das Spektakel an und schwieg bedrückt.
Osnabrücks Oberbürgermeister Erich Gaertner kam die Zerstörung der Synagoge sehr gelegen, wie neuere Forschungen des Historikers Michael Gander beweisen. Gaert ner hatte schon ein halbes Jahr zuvor versucht, der jüdischen Gemeinde das Grundstück Rolandstraße 3 abzukaufen und die Synagoge entfernen zu lassen. Er wollte den staatlichen Stellen einen Anbau an die Regierung ermöglichen, damit sie von ihren Plänen abließen, Schloss und Schlossgarten zu verunstalten. Die Gestapo als Hausherr des westlichen Schlossflügels hatte nämlich zusätzlichen Platzbedarf angemeldet, der durch einen Schuppen-Anbau am Schloss verwirklicht werden sollte.
Nun versank die Synagoge in Schutt und Asche, ohne dass Gaertner dafür hätte bezahlen müssen. Um die geschaffenen Fakten zu zementieren, verfügte er gleich am nächsten Tag den Abbruch der Brandruine. Offiziell aus baupolizeilichen Gründen, weil die Standsicherheit der Umfassungsmauern nicht mehr gegeben sei. Das geräumte Grundstück blieb während des Krieges unbebaut. Auch weil der Platzbedarf der Gestapo auf andere Weise gelöst worden war: Sie hatte das in Konkurs gefallene Hotel Schaumburg am Schillerplatz beschlagnahmt.
Ein würdiges Mahnmal
Nach dem Krieg wurde 1956 der Anbau an das Regierungsgebäude verwirklicht. Die Erinnerungskultur im Nachkriegsdeutschland brauchte Zeit, um zu reifen. Der östliche Abschnitt der Rolandstraße wurde 1978 in " Alte Synagogenstraße" umbenannt, doch als " Mahnmal" waren lediglich drei unscheinbare Bronzetafeln am Regierungsgebäude angebracht; am " Ort der Täter", nicht am " Ort der Opfer", bemängelte die jüdische Gemeinde. Es brauchte bis zum Jahr 2004, um eine würdigere Gedenkstätte herzurichten. Über den Grundmauern der Synagoge, die noch unter dem Asphalt des Regierungs-Parkplatzes vorhanden sind, haben Berufsschüler und Azubis ein vom Staatlichen Baumanagement entworfenes Mahnmal errichtet vor allem auf Betreiben der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Bildtexte:
Von 1906 bis 1938 stand die Synagoge der Osnabrücker jüdischen Gemeinde in der Rolandstraße, eingerahmt von der Regierung am Kanzlerwall (links daneben) und dem Haus Rolandstraße 5 (rechts), das 1919 zur Israelitischen Elementarschule umgebaut wurde, die bei den Ausschreitungen 1938 unbehelligt blieb
Ein dreiachsiger Nachkriegs-Anbau an die Regierung und ein Parkplatz nehmen heute den früheren Standort der Synagoge ein. Davor das 2004 errichtete Mahnmal mit dem abgeknickten Davidsstern. Die 161 Gitterstäbe stehen für 161 ermordete Osnabrücker Juden.
Fotos:
Privatsammlung
Michael Hehmann
Autor:
jod


Anfang der Liste Ende der Liste