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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Welt unter dem Gertrudenberg
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Verein macht sich für die Öffnung der Höhlen stark
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Kaum einer kennt die dunkle Seite Osnabrücks. So wandert mancher durch den Bürgerpark, ohne zu wissen, dass unter ihm ein unterirdisches Gangsystem existiert: die Gertrudenberger Höhlen. Ein Verein will sie der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Wenn es dunkel wird im Bürgerpark am alten Gertrudenberger Kloster, dann sollte sich lieber kein Mensch mehr dort aufhalten. Ein großer, schwarzer, einäugiger Hund soll dort aus einem Loch entsteigen und sein Unwesen treiben. Dies ist nur eine der vielen Legenden rund um die Gertrudenberger Höhlen. Wie weitläufig das Gangsystem ist, weiß keiner ganz genau.
Wilfried Kley, Horst Grebing und Hans Morlo sind sich einig: Die Unterwelt Osnabrücks soll der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Im Februar gründeten sie daher den Verein " Gertrudenberger Höhlen Osnabrück". Er setzt sich dafür ein, die Höhlen wissenschaftlich zu erforschen und als Kulturdenkmal zu schützen, damit sie erhalten bleiben. Die Vereinsmitglieder wollen, dass die unterirdischen Gänge als ein Teil von Osnabrücks Geschichte für Touristen freigegeben werden.
Geheimes Straftribunal
Der Zugang zu den Höhlen ist für Normalsterbliche nicht möglich. Nur mit einer Genehmigung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) dürfen die Höhlen von Bergbauexperten und Forschern betreten werden. " Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist nur für die Beseitigung von Gefahren zuständig", erklärt Pressesprecher Guido Déus. Dies geschieht in regelmäßigen Abständen, um die Sicherheit der Gänge zu gewährleisten.
Die Stadt Osnabrück und die Stadt- und Kreisarchäologie halten sich bedeckt, sobald es um die Nutzung der Höhlen geht. " Ich möchte jetzt keine Auskunft darüber erteilen, weil ich darüber nicht genau Bescheid weiß", sagt Bodo Zehm, Leiter der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück. Würde die Stadt sich für eine Öffnung der Höhlen entscheiden, müsste sie auch die Verantwortung übernehmen und somit sämtliche Kosten. " Für die Stadtgeschichte sind die Höhlen interessant und attraktiv , aber werübernimmt die Sicherung von Gefahrenquellen? Das wird sicher eine Menge Geld kosten", sagt Rolf Spilker vom Osnabrücker Museum Industriekultur, der bisher dreimal die Höhlen besuchte.
Ein Steinbruch
Die Höhlen stammen vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Genaue Daten gibt es nicht. Streng genommen handelt es sich auch nicht um Höhlen, sondern um einen von Menschen angelegten unterirdischen Steinbruch. Damals bauten die Leute dort eine bestimmte Gesteinsschicht ab den Trochitenkalk, mit dem sie die Mauern rund um das Kloster Gertrudenberg errichteten. Insgesamt ist das Gangsystem 900 Meter lang. Es werden aber auch noch weitere Gänge vermutet, die bisher nicht erschlossen sind. Um 1837 wurden die Höhlen an einigen Stellen als Bierkeller zweier Brauereien genutzt, da dort eine konstante Temperatur von acht Grad herrscht. Während des Zweiten Weltkriegs dienten Teile des Gangsystems als Bunker zum Schutz vor Bombenangriffen und boten Platz für etwa 4000 Menschen.
Seit den 1990er-Jahren befasst sich der ehemalige Dozent der Sparkassenakademie Münster und hobbymäßige Höhlenforscher Hans Morlo mit den Gertrudenberger Höhlen. Er war schon mehrfach im Untergrund, um die Gänge zu erkunden. Morlo verfasste 1992 ein Buch über das Labyrinth. Seitdem ist der Münsteraner begeistert von ihnen. " Diese Höhlen sind einzigartig hier in der Gegend", erzählt er.
Die Höhlen sind Grundlage vieler Mythen und Legenden. Außer von dem einäugigen Hund ist von einem Schmied die Rede, der eine unterirdische Esse besaß und den Menschen in der Gegend alles geschmiedet haben soll. Und von einem Femgericht wird gemunkelt. Es war ein geheimes Straftribunal, und nur Eingeweihte durften an der Zeremonie teilnehmen. Sie mussten ein Passwort nennen: " Gott groet Ju, leve Mann! Wat fanget se hie an?" Erst dann wurde ihnen der Zutritt gewährt.
Zu wenig Sauerstoff?
Hans Morlo hält diese Geschichten für " Humbug." Ebenso wenig glaubt er an die Entdeckungen des Rutenmeisters Hans Margraf in den 1960er-Jahren, der mit einer Wünschelrute angeblich neue Höhlenabschnitte fand. Eindeutige Beweise für Margrafs Entdeckungen gibt es bisher keine. Trotzdem sei da unten vieles unerforscht, meint Höhlenexperte Morlo.
Der Verein moniert das bisherige Verhalten der Stadt. Er würde gerne weiter in den Gängen forschen, aber ihm sind die Hände gebunden. " Die Schlüsselgewalt liegt bisher noch bei der BImA", erzählt Morlo.
Horst Grebing, zweiter Vorsitzender des Vereins, vermutet, dass die Stadt Angst vor unkalkulierbaren Kosten hat. Doch: " Weder fehlende Sicherheit noch die Höhe der Kosten stellen nach meiner Einschätzung triftige Gründe dar, die Höhlen nicht zur Besichtigung freizugeben", sagt er. Unterstützung bekommt der Verein vom Ameos-Klinikum Osnabrück, das direkt über den Höhlen liegt.
" Wir finden die Idee einer Öffnung der Höhlen gut und unterstützen sie, sofern wir keine Verantwortung übernehmen müssen", sagt Krankenhausdirektor Jens Bothe.
Auch Hartmut Escher, Geschäftsführer vom Natur- und Geopark Terra-Vita, findet die Höhlen interessant. Der Verein leitet das Projekt " 3 Berge in Osnabrück", das auch von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt wird. Hartmut Escher kann sich noch einen vierten Berg für das Projekt vorstellen: den Gertrudenberg. " Das Interesse von Menschen an Höhlen ist ungebrochen, und die Idee, die Gertrudenberger Höhlen zu öffnen, ist gut", findet Escher. Nicht nur historisch seien die Höhlen interessant, da sie seit schätzungsweise 700 Jahren existierten, sondern auch erdgeschichtlich, denn in dem unterirdischen Trochitenkalk seien Ablagerungen von Fossilien zu finden, meint Escher. Ein Konzept für die Erweiterung des Projekts gibt es noch nicht. Der Gertrudenberger Verein muss einen offiziellen Antrag an die DBU stellen, um in das Projekt aufgenommen zu werden. Bevor die Gertrudenberger Höhlen allerdings aufgenommen werden können, muss ihr Zustand geprüft werden. Eine Begehung im Auftrag der BImA ist noch in diesem Jahr geplant.
Bedenken, es sei nicht ausreichend Sauerstoff in den Gängen, weist Morlo zurück. " Das ist Quatsch. Da unten ist nur natürlicher Stein. Der atmet, und die Luft ist besonders sauber."
Für Professorin Siegrid Westphal, Direktorin des Interdisziplinären Instituts für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit an der Uni Osnabrück, sind die Höhlen für Forschungszwecke spannend: " Es gibt interessante Aspekte, und ich könnte mir vorstellen, dass das Thema Teil einer wissenschaftlichen Arbeit sein könnte. Ich finde es kulturhistorisch sehr spannend, aber wir brauchen auch Quellen."
Das Interesse an den Höhlen nimmt zu, das merkt auch der Verein an der steigenden Mitgliederzahl. Obwohl eine Öffnung der Höhlen mit bürokratischem Aufwand verbunden ist, wird sich der Verein weiterhin dafür starkmachen. " Ja, wir sind davon ausgegangen, dass es kompliziert wird", sagen Wilfried Kley, Horst Grebing und Hans Morlo im Chor.
Informationen zum Gertrudenberger Verein unter der Internetadresse: http:// www.gertrudenberger-hoehlen-os.de.vu/
Bildergalerie auf www.noz.de

Bildtexte:
Begehung: Im Januar 1993 begutachten Experten den Zustand der Höhlen. Teilabschnitte dienten den Menschen im Zweiten Weltkrieg als Bunker.
Vor dem Eingang (von links): die Vereinsgründer Horst Grebing, Hans Morlo und Winfried Kley mit dem Plan des Höhlensystems. Sie stehen vor der weißen Tür, die hinab in die Unterwelt führt.
Bizarre Formationen im Untergrund.
Ein Gang, fotografiert in den 1980er-Jahren.
Fotos:
Archiv
Egmont Seiler
Autor:
Kathrin Pohlmann


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