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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Bau in der Weltwirtschaftskrise
Zwischenüberschrift:
1930 bezog das Finanzamt einen trutzburgartigen Neubau an der Süsterstraße
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Deutschland war bereits eine Demokratie, als das " Reichsdienstgebäude" ab 1928 an der Süsterstraße errichtet wurde. Trotzdem erinnert die Bauweise noch ein wenig an die wilhelminisch-preußische " Einschüchterungs-Architektur" länger zurückliegender Zeiten. Heute wachen hier die Beamten des Finanzamts Osnabrück-Stadt über die Steuerehrlichkeit der Bürger.

Wenn der arme Steuerbürger vor der hohen Tür steht, an der festungsartig wirkenden Fassade emporblickt und sich ziemlich klein vorkommt, fallen ihm womöglich doch noch ein paar Einkünfte ein, die er vergessen hat anzugeben, bevor er sie in den Briefkasten mit der automatischen Zeiterfassung schiebt. War das vielleicht die Absicht des Architekten, des Berliner Regierungsbaurats Kahl? " Ich glaube eher nicht", schmunzelt der stellvertretende Leiter des Finanzamts, Klaus Schulte, " schon allein deshalb nicht, weil der Bau ja auch für zwei weitere Dienststellen geplant war: für das Reichsbauamt und das Versorgungsamt."

Auf der historischen Aufnahme von 1930 ist der Schriftzug " Versorgungsamt" in Fraktur-Lettern über dem Eingangsportal des rechten Turm-Risalits zu erkennen. Inzwischen ist er abgenommen, weil das Finanzamt seit 1982 alleiniger Nutzer ist. Die massive Brandmauer, die früher in der Mittelachse durch alle Geschosse das Gebäude teilte, ist entfernt. Die Flure gehen jetzt auf der gesamten Länge von 84 Metern durch. Künstlern stellt das Finanzamt gern einmal die endlosen Wände zur Verfügung, wie im November, als ein Kunst-Kurs des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums farbenfrohe Gemälde im Pop-Art-Stil zeigte.

" Wir sind natürlich sparsame Leute", erklärt Schulte, " deshalb wurde nur ganz behutsam renoviert." In den 1990er-Jahren bekam das unversehrt durch den Krieg gelangte Gebäude eine neue Heizung, und das Computer-Zeitalter erforderte neue Leitungen. Aber sonst ist manches noch so wie vor 80 Jahren, etwa die Holztüren mit Ornamentglas-Lichtausschnitten in einem liegenden, an den Bauhaus-Stil erinnernden Format. Das dicke Mauerwerk aus heimischen Bruchsteinen speichere die Wärme wie auch die Kälte hervorragend: " Es dauert etwas länger, bis die Sommerhitze uns in den Büros erreicht, aber dann bleibt sie auch", berichtet Schulte. Den zentrumsnahen Standort hält er für günstig, denn man wolle ja gerade auch fußläufig erreichbar sein. Es sei im Gespräch gewesen, das Finanzamt Stadt auch auf das Gelände der Winkelhausen-Kaserne nach Haste zu verlegen, zusammen mit dem Finanzamt Land. Die Pläne wurden aber fallen gelassen.

Die Standortfrage erhitzte die Gemüter der städtischen Kollegien schon einmal in den 1920er-Jahren. Alte Fronten zwischen Altstadt und Neustadt brachen auf. Altstädter favorisierten ein Grundstück an der Gutenbergstraße/ Ecke Corsicaskamp. Auch Bauplätze an der Großen Gildewart, am Hauptbahnhof und an der Luisenstraße waren im Gespräch. Schließlich machte die Süsterstraße das Rennen, weil die Stadtväter damit gleichzeitig den alten städtebaulichen Wunsch nach einer Verlängerung der Süsterstraße bis zum Wall verwirklichen konnten. Vorher endete sie an der Kommenderiestraße. Für 60 000 Reichsmark verkaufte der Bischöfliche Stuhl 1927 einen Teil des zum Hakenhof′ schen Armen-Fonds gehörenden Grundstücks an " das Deutsche Reich". Weitere Flächen zur Durchlegung der Süsterstraße erhielt die Stadt vom Bischof gratis.

Am 26. Juni 1930 wurde das Reichsdienstgebäude fast zeitgleich mit dem Neubau des Arbeitsamts an der Alten Poststraße eröffnet. " Ein Behördenbau in schwerer Zeit", titelte damals die Osnabrücker Zeitung mit Bezug auf die Weltwirtschaftskrise, die 1929 hereingebrochen war. Die recht lange Bauzeit war eine Folge. Die Baukosten von 798 000 Reichsmark konnten nur nach und nach bewilligt werden.

Bildtexte:

Besonders imposant wirkte das Reichsdienstgebäude an der Süsterstraße im Jahr der Einweihung 1930, als es noch allein auf weiter Flur stand.

Bäume behindern heute den Blick auf die schlicht-elegante Linienführung der unveränderten Fassade.

Fotos:

Rudolf Lichtenberg (aus: Rolf Spilker, Lichtenberg Bilder einer Stadt, Band I)

Jörn Martens

Autor:
Joachim Dierks


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