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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Trauer im Schutz der Bäume
Zwischenüberschrift:
Mit einem Förster durch den Friedwald Bramsche
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
BRAMSCHE. Viele Wälder sind Naherholungsgebiete, manche sind letzte Ruhestätten. Ein Gang durch den Friedwald Bramsche.

Der Sonne sind nur kleine Inseln vorbehalten, hier, unter den grünen Kronen der Bäume, die bei jedem Windzug mit trägem Rascheln Licht und Schatten über das braune Laub am Boden tanzen lassen, hier, wo Heinrich Nordmeyer über die Asche der Toten hinwegschreitet und kleine Äste im Takt seiner Schritte knacken.
Nordmeyer war einmal Friedwaldförster, nun ist er im Vorruhestand. Aber wenn er über den Friedwald in Bramsche spricht, klingt er wie ein Soziologe. Eine kleine Familie, die weit verstreut lebt und sich nicht um ein Grab kümmern kann″, sagter, das sei charakteristisch für die heutige Gesellschaft. Menschen, die in diesem Modell leben, nennt er typische Friedwaldnutzer″.
Jahrelang hat er den Friedwald und die jenigen betreut, die für Angehörige oder sich selbst einen Begräbnisbaum gesucht haben. Er hat Familien zur Feierstätte und ans Grab geführt, hat dabeigestanden, wenn Angehörige über ihre Trauer sprachen. Er hat junge Frauen gesehen, die sich am Sternschnuppenbaum″ von ihren toten Kindern verabschiedet haben, war nur einige Meter entfernt, als sie zusammenbrachen. Das, sagt Nordmeyer, seien Bilder, die er nie vergessen habe. Jedes einzelne habe er mit nach Hause genommen.
Förster sein in einem Friedwald das ist mehr als Baumpflege und Kundenberatung. Der Umgang mit Trauernden ist ein sensibler Bereich, mit dem man sonst als Förster nicht konfrontiertist″, sagt Bernd Schwietert, der das zuständige Forstamt in Ankum leitet. Deshalb zwinge er keinen Kollegen zur Arbeit dort. Wer sich dafür entscheide, brauche Einfühlungsvermögen. Vor allem während der Bestattung.
Wie ein Schiedsrichter entscheidet man im Moment, was angemessen ist″, sagt Nordmeyer. Doch egal, wie erin seinen Schiedsrichter-Momenten handelte, für ihn habe im Umgang mit den Trauernden gegolten: immer würdevoll mit Pietät und Takt.
Nordmeyer hat eine Lichtung erreicht. Eine alte Buche steht dort und streckt ihre Arme aus wie ein Krake. Vor ihr ruht ein Stein, der grün geworden ist im Laufeder Jahre. Blumen liegen darauf. Rosen sind darunter und eine Sonnenblume, deren Blätter braun werden. An einer Seite des Steins ist ein Kreuz angebracht. Das ist ein Entgegenkommen gegenüber der Kirche″, sagt Nordmeyer. Denn eigentlich sei der Friedwald nicht an die Kirchen gebunden. Er stehe allen offen.
Allen außer den Blumen. Grabschmuck ist nicht erlaubt, der würde fremde Pflanzen in den Wald einschleppen oder, um es wie Nordmeyer auf Försterisch″ zu sagen: die Flora verfälschen″. Nur auf dem Stein auf der Lichtung dürfen Trauernde Blumen ablegen. Doch manchen reicht das nicht. Die Trauer macht sie rastlos. Sie wollen etwas tun für den Verstorbenen, für sein Andenken und letztlich auch etwas gegen den Verlust, der in ihnen wühlt. Er habe Menschen beobachtet, die Setzlinge aus dem Wald nach Hause mitnähmen, erzählt Nordmeyer. Solche, die anfingen, das Grab zu bepflanzen, obwohl sie wussten, dass sie es nicht durften. Manche nehmen Blätter mit nach Hause, trocknen sie und erstellen Collagen.
Wir treffen hier immer auf Menschen, die den Verlust schon ein paar Wochen hinter sich haben″, sagt Nordmeyer. Es ist die Zeit, in der sichtbar wird, wie die Menschen ihre Trauer zu bewältigen versuchen. Der Wald könne dabei helfen, sagt Nordmeyer. Die Bäumegäben einem das Gefühl, beschützt zu sein.

Bildtext:
Stehen im Wald: Rainer Städing von den Landesforsten und Heinrich Nordmeyer auf einer Lichtung im Bramscher Friedwald.
Foto:
Klaus Lindemann

Drei Parteien sind beteiligt
Drei Parteien sorgen gemeinsam dafür, dass der Friedwald Bramsche funktioniert. Besitzer des 48 Hektar großen Waldstücks an der Gehnstraße zwischen Achmer und Ueffeln sind die Niedersächsischen Landesforsten. Als Träger fungiert die Stadt Bramsche, und um die Organisation kümmert sich das Unternehmen FriedWald. Die Stadt eröffnete den Friedwald Bramsche am 5. Dezember 2003. Seitdem sind dort fast 700 Menschen beigesetzt worden. Mehr als 1900 Menschen haben sich bereits zu Lebzeiten einen Bestattungsplatz im Bramscher Friedwald gesichert. Der Friedwaldhat für 99 Jahre Bestandsrecht. Die Bestattungsbäume dürfen von den Förstern nur gepflegt, nicht jedoch gefällt werden. Dadurch entwickelt sich ein Friedwald anders, als es vergleichbare Nutzwälder täten. Bestattet werden ausschließlich verrottende Urnen. Um einen Baum entstehen höchstens zehn Grabplätze. Alle Bäume sind GPS-vermessen und nummeriert.
Informationen im Internet auf www.landesforsten.de oder www.friedwald.de
Autor:
Michael Schiffbänker


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