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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Historismus an der Bohmter Straße
Zwischenüberschrift:
Einige wenige Fassaden erinnern an die Gründerzeit
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Heute rauschen hier 11 000 Kraftfahrzeuge am Tag vorbei jedenfalls dann, wenn nicht gerade eine Baustelle eingerichtet ist. Für knapp eine Million Euro wird derzeit die Fahrbahn der Bohmter Straße saniert und umgestaltet. Nicht unumstritten ist dabei die Reduzierung auf nur noch eine Fahrspur pro Richtung.

Das war 1904, zum Zeitpunkt der historischen Aufnahme, genauso wenig ein Thema wie die Einrichtung von Mittelinseln, auf die sich die Fußgänger beim Überqueren der Straße retten können. Das Bild zeigt den schnurgeraden Verlauf der Bohmter Straße mit noch jungen Lindenbäumen und völlig ohne Verkehr. Die Straße lief auf den niveaugleichen Gleisübergang zur Schillerstraße (heute Kleist straße) zu. Die heute nach rechts abzweigende Hauptfahrrichtung im Zuge der Alten Poststraße war noch nicht geschaffen.

Die Ansichtskarte verdanken wir dem Osnabrücker Verlag H. Wehmann. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schossen derartige Verlage wie Pilze aus dem feuchten Waldboden. Die Fotografiererei und ihre drucktechnische Reproduktion hatten große technische Fortschritte gemacht, ebenso wie das Postwesen. Was lag da für die kommunikationsbedürftigen Osnabrücker näher, als Verwandten und Freunden in der großen weiten Welt die abgebildete Karte erreichte am 11. April 1905 eine gewisse Mrs. Mimi Schmidt in Oakland, Kalifornien im Bilde zu demonstrieren, dass auch in der Hasestadt ein neues Zeitalter angebrochen war.

In den " Gründerjahren" war Osnabrück dank Bahnanschluss und einsetzender Industrialisierung kräftig gewachsen. Das Bürgertum hatte die kulturelle Führung übernommen und brachte dies selbstbewusst in einer neuen Architektursprache zum Ausdruck. Wobei das mit dem Beiwort " neu" so eine Sache ist. Denn die Architekten nahmen Anleihen bei einer Handvoll älterer Baustile und mixten sie kräftig durch. Heraus kam das, was wir heute als Historismus bezeichnen hier ein neubarockes Giebelchen, dort ein neugotisches Türmchen.

Nicht nur Fabrikanten-Villen wurden derart freizügig dekoriert, auch der Mietwohnungsbau für den gehobenen Mittelstand demonstrierte, dass man sich nicht lumpen ließ. Die viergeschossige Blockrandbebauung an den Ausfallstraßen Osnabrücks liefert dafür viele Beispiele.

Die historische Ansicht zeigt die Bohmter Straße stadteinwärts zwischen Humboldt- und Bülowstraße. Links im Vordergrund dominiert das Haus Nr. 38, vor dem fünf Kinder in ihren weiß gestärkten Schürzenkleidchen für den Fotografen posieren. Der Vergleich mit der aktuellen Aufnahme zeigt, dass dieses und rechts daneben das Haus Nr. 36 mit der gelb-roten Backsteinfassade die 107 Jahre gut überstanden haben. Der hölzerne Aufsatz des Ecktürmchens bei Nr. 38 fehlt zwar, und auch der Giebel rechts daneben kommt jetzt in schlichter Dreiecksform daher aber sonst sind alle wichtigen Architekturelemente der denkmalgeschützten Fassaden erhalten geblieben, einschließlich der charakteristischen Treppenhaus-Fenster. Aus dieser Perspektive werden sie heute allerdings durch das ebenfalls gut erhaltene Haus Nr. 40 verdeckt, das 1904 noch nicht stand.

Dabei grenzt es fast an ein Wunder, dass diese Häuser den Bombenhagel des Weltkriegs überlebt haben. Denn sie lagen genau zwischen dem Kupfer- und Drahtwerk (heute KME) und der Bahnlinie mit dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk. Beide Areale wurden zwischen 1942 und 1945 mehrfach von Bombeneinschlägen durchgepflügt. Viele Blindgänger mussten nach dem Krieg geborgen werden. Eine letzte spektakuläre Aktion fand im Oktober 2009 statt, als in einem Garten der Humboldt straße, direkt hinter den hier abgebildeten Häusern, eine Fünfzentnerbombe gesprengt werden musste. Die Gärten waren anschließend nicht wiederzuerkennen.

Bildtexte:

Die Bohmter Straße, etwa auf Höhe der einmündenden Humboldtstraße stadteinwärts betrachtet, bot 1904 ein Bild verkehrsfreier Beschaulichkeit. Ansichtskarte des Verlags H. Wehmann aus der Sammlung Helmut Riecken

Noch vier Fahrspuren, bald nur noch zwei: die Bohmter Straße kurz vor Beginn der aktuellen Sanierung.

Foto:

Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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